Für die Eröffnung der Berliner Gedenkwoche zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution hätte es kein besseres Datum geben können. Auf der großen Demonstration auf dem Alexanderplatz entdeckte die Bevölkerung der Hauptstadt der DDR die demokratischen Kräfte, die in ihr wuchsen. Ein Passant vermag sich noch immer darüber empören, dass am nächsten Tag in den Zeitungen lediglich von 30.000 Teilnehmern die Rede war. Die Berliner Zeitung erschien allerdings mit der Schlagzeile „Hunderttausende demonstrierten im Zentrum Berlins“. Tatsächlich waren rund eine halbe Millionen Bürger gekommen, um Rednern wie Christa Wolf, Stefan Heym, Friedrich Schorlemmer und anderen zuzuhören.
Berliner Gedenkwoche zum 30. Jahrestag der friedlichen Revolution: Wenige Berliner besuchten die Eröffnung
Am Montagabend wollten kurz vor 18 Uhr nur ein paar Hundert Berliner dabei sein, als der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) das Startsignal für eine große Videoinstallation gab, in der Szenen der Demonstration, aber auch deren Vorgeschichte, etwa O-Ton-Einspielungen zu den Wahlfälschungen zur Volkskammerwahl im Mai 1989, zu einem Potpourri zusammengeschnitten worden waren. Geschichtslektionen für den Nachhauseweg, einige Passanten blieben kurz mit dem Fahrrad stehen, andere rannten der einfahrenden Tram hinterher.
Michael Müller eröffnet knapp und unprätentiös die Gedenkwoche.
© Paul Zinken/DPA
Unter den Besuchern, die gezielt zur Eröffnung gekommen waren, befand sich Wolfgang Thierse. Trotz der Dunkelheit wurde der frühere Präsident des Bundestags natürlich erkannt. „Waren Sie vor 30 Jahren auch hier?“ fragte jemand höflich. Thierse nickte und zeigte stumm auf den Ort, an dem er sich damals am 4. November postiert hatte. „Wir waren auch hier“, so der Fragende. „Genau hier.“
Gedenkwoche: Das historische Ereignis soll erlebbar werden
Vielleicht hat Michael Müller es sich genau so vorgestellt. In einer kurzen, angenehm unprätentiösen Rede erläuterte er das Konzept der Gedenkwoche, in der es darum gehe, das historische Ereignis der friedlichen Revolution erlebbar zu machen. Man wolle ausdrücklich würdigen, dass es kein Blutvergießen gab. „Es war danach nicht immer ein glatter Weg“, sagte Müller. „Aber es ist etwas gelungen.“
Das Theaterkombinat Panzerkreuzer Rotkäppchen spielt auf.
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Müllers Understatement wurde dankbar angenommen. Bereits vor Veranstaltungsbeginn kam es vor den Schautafeln, die Überschriften trugen wie „Auf die Straße“, „Massen für Veränderung“ und „Die Reaktion“ zu angeregten Diskussionen über historische Details oder einem großen: „Was wäre gewesen, wenn ...?“ Eine Mutter erklärte ihrer Tochter das Foto einer Frau, die weint. Es ist ein Schnappschuss in das Fenster eines Zuges, der Familien aus der Prager Botschaft mit dem Umweg über die DDR in den Westen beförderte. „Manchmal gibt es das“, sagte die Mutter, „dass Menschen weinen, obwohl sie glücklich sind.“
Solche Regungen gab es am Montag auf dem Alexanderplatz nicht zu beobachten. Die assoziativ-kunstvolle Videoinstallation will zu historischem Interesse anregen. Mehr als die Vermittlung geschichtlicher Ereignisse sollen sie der Auslöser sein für weiterführende Auseinandersetzungen. Die Bilder flirren um die Hausfassaden reihum, aber sie werden auch jäh unterbrochen an der hell erleuchteten Weihnachtswerbung von Galeria Kaufhof.
Berliner Gedenkwoche: „Erinnern, wiederholen, durcharbeiten“
Als die warmen Worte zur Gebrauchsanweisung verklungen waren, wurde noch ein künstlerisches Dessert feilgeboten. Das Theaterkombinat Panzerkreuzer Rotkäppchen musste sich per Megafon zunächst einmal den Spielplatz für Performance und Tanz freikämpfen. Auf der Bühne erklang eine elegisch verlangsamte Live-Version des großen Karussell-Hits „Als ich fortging“. „Nichts ist unendlich“ heißt es darin, und so schön gesungen nahm es umgehend die pathetische Botschaft der historischen Augenblicke an, auf die in den nächsten Tagen in rund 200 Veranstaltungen und an sieben Open-Air-Schauplätzen in der Stadt angespielt werden soll.
Auf dem Rückweg in die Redaktion führte der kurze Fußweg am Roten Rathaus und dem wuchtig aufragenden Humboldt-Forum vorbei. Auf dessen Ostfassade wurden zu Musik ebenfalls Filmausschnitte, Fotos und Transparente projiziert. Immer wieder waren dabei – von außen und von innen – Bilder vom Palast der Republik zu sehen. Klar, auf den musste hier am historischen Ort unweigerlich verwiesen werden. In der Anmutung der künstlerischen Spielerei wirkte es aber zugleich auch wie eine verspätete und vor allem vergebliche Korrektur des politisch durchgesetzten Abrisses.
Das Theaterkombinat hatte zu seiner Vorführung ein großes Transparent mit dem Schriftzug „Emotrouble Ost“ aufgehängt. „Erinnern, wiederholen, durcharbeiten“ könnte die zurückhaltend-eindringliche Regieanweisung für diese Gedenkwoche in politisch umtosten Zeiten sein. Wem nicht danach ist, nimmt die Tram.
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