Berlin Biennale: Ein Urinal für alle

Am Freitagabend wird die Berlin Biennale eröffnet: An vier Orten in Mitte und im Bunker der neuen Feuerle Collection am Landwehrkanal zeigen die vier Kuratoren vom New Yorker DIS Magazine ihr Programm, das um Fragen der Zukunft und der verschwundenen Gegenwart kreist, um das „Post-Kontemporäre“.

BLZ
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Am Freitagabend wird die Berlin Biennale eröffnet: An vier Orten in Mitte und im Bunker der neuen Feuerle Collection am Landwehrkanal zeigen die vier Kuratoren vom New Yorker DIS Magazine ihr Programm, das um Fragen der Zukunft und der verschwundenen Gegenwart kreist, um das „Post-Kontemporäre“ (wie ein zeitgleich im Merve Verlag erscheinender Reader heißt); um das grundlegend gewechselte Verhältnis zwischen dem Öffentlichen und der Privatheit, um die Re-Konfiguration der Subjektivität in Zeiten einer nicht mehr beherrschbaren Fülle an subjektivitätskonstituierenden und gleichzeitig -unterminierenden Kräften. „The Present in Drag“ lautet eins der Schlagworte, unter dem die Kuratoren die von ihnen ausgewählte Kunst subsumieren, was man übersetzen könnte wie: die Gegenwart in einer Geschlechtergrenzen überschreitenden Verkleidung, oder allgemeiner: die Gegenwart in Kostümen, in denen ihre Verfasstheit durch Übertreibung bis zur Kenntlichkeit entstellt wird.

Ein erster Eindruck davon, was das bedeuten könnte, wurde am Mittwochabend gewährt, bei der Vor-Eröffnung der Biennale im Treppenhaus des KW Instituts in der Auguststraße. In die Toilette im zweiten Zwischengeschoss hat der New Yorker Künstler Shawn Maximo eine Installation gebaut, die er als „comfort room“ bezeichnet, Wohlfühlraum. Es handelt sich um eine kühl ästhetisierte, dabei jedoch sonderbar gemütliche Kammer, in deren Mitte ein Urinal in den Boden flach eingelassen ist. Wer pinkeln oder Stuhlgang abdrücken möchte, kann sich darüber hocken; diese Form des Klosetts, sagt Maximo, habe er sich in Paris abgeguckt: Weil sie für Frauen wie Männer funktioniert, könne man sie auch als Unisex-Toilette betrachten. Die aktuelle Debatte in den USA über Transgender-Klos – sagt der Künstler im Gespräch – habe für das Werk keine Rolle gespielt: Er finde es allenfalls irre, wie in Wahlkampfzeiten solche längst gelöst scheinenden Fragen wieder auf die politische Agenda gerieten. Ansonsten scheint Maximo sich über die Niederungen des alltäglichen Emanzipationsgeschäfts erhaben zu fühlen. Ihm gehe es, sagt er, nicht um Differenzierungen, sondern vielmehr um das Erleben des Kollektiven: Beim Urinieren und Kacken sind die Menschen nun einmal gleich; alles andere ist Ideologie.

Gegenüber dem Urinal stehen darum gemütliche Sessel. Dahinter hängt ein Triptychon aus leuchtenden Waldbildertafeln, auf der gegenüberliegenden Seite zeigt ein Flachbildschirm Filme aus dem Videoprogramm der Biennale. Auch für einen Kühlschrank, WLAN-Router und Aufladestationen für Smartphones und Laptops ist gesorgt. So soll sich die maximal intime Situation der Notdurftverrichtung in eine Komfortzone gemeinschaftlichen Erlebens einbetten. Vom Urinal Duchamps’ bis zur Abject Art der Neunzigerjahre lässt sich darin ein schillerndes Spektrum ästhetischer Zitate wiederfinden. Oder auch nicht: Die Arbeit, mit der Shawn Maximo sich zum ersten Mal – wie nicht wenige der an dieser Biennale beteiligten Künstler – aus der Sphäre der Digitalkunst in den Raum des Dreidimensionalen bewegt, ist gleichermaßen von bestrickender Klugheit wie von bestürzender Naivität. Als Sponsor konnte ein international agierender Armaturenhersteller gewonnen werden.

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