Ich habe einen Mann und zwei Kinder. Ich habe beide Kinder zur Welt gebracht, sie haben den gleichen Vater, meinen Mann. Das macht aus uns eine Normfamilie. Normfamilie, das klingt furchtbar, fast so furchtbar wie Stiefmutter. Wer will schon die Norm sein, wie langweilig. Und trotzdem benutze ich den Begriff „Normfamilie“ in diesem Artikel, denn er steht genau für das, was die Gesellschaft von Frauen erwartet: Heiraten, Kinder kriegen, fertig.
Der Begriff Normfamilie hilft auch, zu zeigen, wie unterschiedlich Familien sein können, eben dann, wenn sie nicht die Norm sind. Gelernt habe ich den Begriff von Elsa Koester. In ihrem Buch „Stiefmutter sein“ erzählt sie von ihrem ganz anderen Weg zur eigenen Familie.
Die „Normfamilie“: Schon längst überholt?
Sie lernt einen Mann kennen, der zwei Kinder hat. Die Kinder haben zwei verschiedene Mütter. Und auf einmal hängt sie mittendrin in einer großen Familie, die sich einige der Beteiligten so gar nicht ausgesucht haben. Die Mütter haben sich die Stiefmutter nicht ausgesucht, die Kinder auch nicht.
Was Koester unglaublich ungerecht findet: Stiefmütter sind gesellschaftlich nicht anerkannt und dabei gibt es so viele. Denn wenn 35 Prozent aller Ehen geschieden werden, passiert es relativ häufig, dass ein Mann Kinder mitbringt in eine neue Beziehung. Egal wie viel Zeit die Kinder beim Vater verbringen, das Leben der Frau, die jetzt Stiefmutter ist, verändert sich.
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Elsa Koester ärgert sich: Stiefmütter bekommen keine Geschenke, wenn sie Stiefmutter werden, können keine Elternzeit nehmen und in den meisten Serien und Büchern sind sie die Bösen oder zumindest extrem unsympathisch dargestellt. Elsa Koester meint, es sei Zeit für die Befreiung der Stiefmutter.
In einer Mail des Verlages sehe ich die Ankündigung, dass das Buch „Stiefmutter sein“ erscheinen wird. Das Cover sticht in Rot, Pink und Gold hervor. Vom Leben einer Stiefmutter will ich mehr erfahren und bestelle das Buch. Denn Stiefmütter sind doch irgendwie auch Mütter, oder?
Beim Lesen fühle ich mich irgendwie ertappt. Ich schreibe als Journalistin über Geburten und Kinder, darüber, wie es ist, Eltern zu sein. Aber eine Stiefmutter zu sein, das spielte in meinen Recherchen bisher keine Rolle. Dabei ist es statistisch gesehen normaler in einer Patchworkfamilie oder allein zu leben, als so wie ich in einer Normfamilie. Und trotzdem wird über Stiefmütter nicht geredet. Warum nicht?
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Ich treffe Elsa Koester in einem Café in Kreuzberg. Eine freundliche Frau mit Locken, Brille und einem Piercing unter der Unterlippe. Sie sieht so gar nicht aus, wie eine Stiefmutter. Aber wie sieht eine Stiefmutter aus? Wahrscheinlich bin auch ich geprägt von der bösen Stiefmutter aus „Drei Nüsse für Aschenbrödel“, obwohl ich weiß, dass das nichts mit Elsa Koester und all den anderen Stiefmüttern zu tun hat.
Als ich so nachdenke, wird mir klar, dass ich in meinem Bekanntenkreis auch Stiefmütter habe, ich habe nur nie mit ihnen darüber gesprochen, wie das für sie ist. Wieso kommt die Perspektive der Stiefmutter nicht vor?
Stiefmutter sein ist schambehaftet, erklärt Autorin Koester. Sie sagt: „Als kleines Mädchen denken wir nicht: ‚Dann lerne ich eines Tages jemanden kennen, der schon Kinder hat, und dann werde ich Stiefmutter.‘ Wir stellen uns das ganz klassisch vor: ‚Ich lerne jemanden kennen, dann heiraten wir und wir bekommen Kinder. Dann bin ich Mutter.‘“ Und deshalb enttäuschen Stiefmütter ihre Freunde und Familie. Weil sie eben nicht die Norm erfüllen.
Ich finde Elsa Koester mutig. Sie beschreibt eine sehr persönliche Erfahrung, die nicht leicht für sie war. Ihr Partner hat zwei Kinder, das kleinere von beiden lebte das erste Jahr der Beziehung noch im Nestmodell.
Nestmodell bedeutet, dass das Kind in der Wohnung wohnen bleibt, die es kennt, und die beiden Elternteile dort abwechselnd wohnen. Für das Kind soll es den Wechsel in der Familie nicht so abrupt machen, weil der Wohnort gleich bleibt und auch die Betreuungspersonen. Sie kümmern sich jetzt nur im Wechsel um das Kind, nicht mehr zusammen.
Für die neue Partnerin des Vaters bedeutet das: Mehrere Tage die Woche und jedes zweite Wochenende den Partner nicht zu sehen und in dieser Zeit auch nicht wirklich mit ihm sprechen zu können. Ein Jahr lang ging das bei Elsa Koester so.
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Ich brauche keinen Wecker, ich habe Kinder
Als Mutter kenne ich es, wenn unsere dreijährige Tochter wieder einmal um vier Uhr nachts in unserem Schlafzimmer steht und nicht schlafen kann. Ich weiß auch, dass ich morgens trotzdem todmüde aufstehen muss, den Kindern Frühstück machen und die Brotboxen für den Tag packen muss. Ich brauche keinen Wecker, den Job übernehmen meine Kinder.
Aber was, wenn das Kind, das mich auch am Wochenende morgens früh weckt, gar nicht mein Kind ist? Was, wenn es das Kind einer anderen Frau ist? Wie schaffen Frauen das? „Ich habe aufgehört in Kategorien zu denken wie ‚meine Kinder‘ und ‚seine Kinder‘ oder ‚die Kinder der anderen Mütter‘. Wir leben hier zusammen und übernehmen füreinander Verantwortung“, erklärt Autorin Koester. Durch das Zusammenleben entwickele man mehr Verständnis füreinander.
Eine motzende Stiefmutter ist so schlimm wie im Märchen
Auch biologische Mütter genießen nicht jeden Moment mit ihrem Kind, auch sie sind manchmal genervt und gestresst, fühlen ihre Bedürfnisse nicht gesehen. Auch das ist gesellschaftlich wenig anerkannt. Aber als Stiefmutter scheint das noch viel schwieriger zu sein.
Wenn eine Stiefmutter ihre Kinder anmotzt, weil sie einen schlechten Tag oder keine Kraft mehr hat, dann ist das viel problematischer, als wenn ich als Mutter das tue. Ich kann mich daraufhin entschuldigen und erklären, warum ich mich so verhalten habe – jedenfalls empfiehlt das die Theorie der bindungs- und beziehungsorientierten Erziehung so. Ich finde das nachvollziehbar.
Aber bei einer Stiefmutter, die motzt, denken viele gleich an die böse Stiefmutter im Märchen. Mag sie die Kinder nicht und will sie loswerden? Will sie die Mutter gar ersetzen? Die Mutter ersetzen, noch sei ein Thema, über das ich mir vorher nie Gedanken gemacht habe.
Elsa Koester kennt sich aus in der Welt der Stiefmütter. Ihr wichtigster Tipp: Bloß nicht die Mutter ersetzen wollen. Und trotzdem im Auto nicht hinten sitzen – denn am stärksten zeigt sich das beim Thema hier. In der klassischen deutschen Normfamilie fährt der Vater das Auto, die Mutter darf zwar nicht fahren, aber sitzt auf dem Beifahrersitz und darf mitreden, wo es langgeht. Hinten sitzen zwei Kinder. Und nun trennen sich die Eltern und die Mutter fährt nicht mehr mit im Auto. Aber die neue Partnerin darf nicht auf den Beifahrersitz.
Koester berichtet davon, dass jede Stiefmutter bisher nach hinten musste. „Die Kinder lassen die Stiefmutter nicht nach vorne, weil das der Platz der Mutter ist“, sagt Koester. Aber: „Als erwachsene Frau kann man sich aber auch nicht auf die Rückbank setzen lassen!“ Ich bin froh: Zumindest beim Auto sind wir keine Normfamilie. Mein Mann hat keinen Führerschein, ich fahre immer. Wahrscheinlich würde aber meine Tochter nach einer Trennung auch darauf bestehen, dass sie vorne sitzt und nicht ein möglicher neuer Partner.
Koester erklärt, dass das normal sei und empfiehlt deshalb, am besten gar nicht Auto zu fahren, und stattdessen lieber den Bus zu nehmen. Auch nicht in den gleichen Urlaub fahren, am gleichen Küchentisch sitzen oder in der Wohnung wohnen, in der vorher die Mutter fuhr, saß oder wohnte. Koester erklärt: „Als Stiefmutter will ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich die Mutter ersetzen will. Ich will eine eigene, zusätzliche Beziehung zu den Kindern aufbauen.“
„Bonus-Mama“ oder „Stiefmutter“
Seit etlichen Jahren sprechen neue Partner von Elternteilen davon, dass sie Bonus-Eltern seien. Der dänische Pädagoge Jasper Juul hat das Konzept der Bonus-Eltern entwickelt. Dieser Idee zufolge stellten zusätzliche Elternteile für Kinder durchaus eine Bereicherung dar.
Ich frage Elsa Koester, warum sie denn dann über Stiefmütter schreibt und nicht über Bonus-Mütter. Das klingt doch viel schöner. Koester sagt: „Ich habe bei dem Wort Bonus-Mutter gedacht: Ich bin ja kein Leckerli. Als würden die Kinder mich geschenkt bekommen, wenn sie brav waren.“ Vielmehr komme die Stiefmutter in das Leben der Kinder und sie haben nicht nur Spaß zusammen. „Ich bin auch manchmal eine Belastung für die Kinder und sie für mich. Das ist eine Umstellung, die sie sich nicht ausgesucht haben“, sagt Koester.
Diese Frage nach der Rolle der Stiefmutter – so scheint es mir – dreht sich in Wahrheit um die Rolle der Mutter. Koester legt in ihrem Buch dar, wie Frauen seit der Aufklärung auf die überhöhte Rolle als Mutter getrimmt werden. Zu Hause, die Kinder versorgen, eine liebevolle Mutter sein, als sei dies das Wichtigste im Leben einer Frau. Koester nennt das in ihrem Buch „den traditionellen Wirkungsraum“ der Frau, um den Stiefmütter gebracht werden. Sie dürfen zwar Mutteraufgaben übernehmen, aber nie die Mutterrolle.
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Die Befreiung der Stiefmutter ist die Befreiung der Mutter
Irgendwie funktioniert das alles wahrscheinlich nur, wenn wir uns alle bewegen. Wenn wir jede Familienform als richtig und als Norm ansehen. Wenn Frauen Kinder zur Welt bringen oder kinderfrei sind – also gar keine Kinder in ihrer Familie haben wollen. Oder wenn Frauen eben Stiefmütter werden. Menschen übernehmen miteinander Verantwortung für Kinder, darum geht es doch. Und wenn wir das so annehmen, dann bedeutet die Befreiung der Stiefmutter gleichzeitig eine Befreiung der Mutter.
Was wir Elsa Koester zufolge alle tun können: Das nächste Mal, wenn uns eine Freundin erzählt, dass sie einen Mann kennengelernt hat, der schon Kinder hat, können wir versuchen, nicht stumm auf den Boden zu starren, sondern lieber sagen: „Das freut mich für dich, du bekommst Kinder.“ Welchen Begriff die Freundin dann für sich wählt – Stiefmutter, Bonus-Mutter oder was auch immer, entscheidet sie, aber dass Kinder in ihr Leben treten, das ist doch etwas Großartiges.
Lena Högemann ist Journalistin und Moderatorin und lebt in Berlin.
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