Gedenken

Ulrich Schuster: Vielleicht ein Raunen nach dem Verstummen

Art Kreuzberg e.V. macht per Chatbot das Werk des gestorbenen Berliner Malers Ulrich Schuster sichtbar – und wir hören sein Vermächtnis.

3 Min
Der Berliner Künstler Ulrich Schuster (1959–2023)

Der Berliner Künstler Ulrich Schuster (1959–2023)

© Barbara Fischer

Diese nur kurze Ausstellung ist so viel anders als die in Berlins Kunstszene üblichen Party-Pop-ups. Sie ist Kunstbegegnung, Gedenken, Vermächtnis – und Benefizaktion zugleich. Es geht um einen Maler, in dessen Werkstatt unverkaufte Bilder dicht an dicht mit der „Butterseite“ zur Wand standen, wie es auf einem Foto zu sehen ist. Er hatte sich abgewendet vom Kunstbetrieb, verstummte, schwer erkrankt an Depression. Niemand mehr sah seine einst farbexplodierenden von Kubismus bis Pop-Art inspirierten Gemälde. Sie wurden immer enigmatischer, auch dystopischer. Aber es fiel nicht auf in der Masse im lauter, globaler werdenden Kulturbetrieb.

Ulrich Schuster: „Ohne Titel“, undatiert

Ulrich Schuster: „Ohne Titel“, undatiert

© Ulrich Schuster, Foto: Barbara Fischer

Die Arbeit ernährte, die Kunst erfüllte ihn

Der gelernte Tischler mit Abitur und autodidaktische Maler Ulrich Schuster, Jahrgang 1959, war Anfang der Achtziger aus der Beuys-Stadt Kleve am Niederrhein in die Frontstadt West-Berlin gezogen. Die Arbeit als Bautischler und Hausmeister ernährte, die Kunst erfüllte ihn. Dann kam die Krankheit. Nichts ging mehr. Unlängst, auch das blieb in der Berliner Kunstszene unbemerkt, nahm Schuster sich das Leben.

Nun versuchen seine Familie und der Verein Art Kreuzberg, dem gänzlichen Verstummen, gar Vergessen etwas entgegenzusetzen mit einer Ausstellung seiner Bilder und Texten eines Chatbots als Dialogsystem. Da spricht ein KI-„Stellvertreter“ des Künstlers etwa dieses Statement: „Als autodidaktischer Künstler profitiere ich von meiner handwerklichen Erfahrung mit Farbe, Holz und Ton. Ich finde in der Kunst einen Raum der Selbstreflexion und der Verbundenheit mit Künstlern wie Hans Henny Jahnn, einem kontroversen Schriftsteller, der wie ich die Grenzen der konventionellen Darstellung überschritt und zugleich der Poesie der Natur verbunden blieb. In meinen künstlerischen Schöpfungen suche ich nach einem tiefen Verständnis für die menschliche Existenz...“

Statt die Arbeiten zu veräußern oder in einer Lagerhalle verschwinden zu lassen, will die Familie des toten Künstlers sie auch mit finanzieller Hilfe des Publikums an gemeinnützige Einrichtungen und Vereine spenden, wo Kunst Räume verschönert und schwellenlos zum sozialen Engagement gelangt, somit eine soziale Brücke baut.

Ulrich Schuster: Verstummte Kunst trifft Chatbot. 6. bis 8. Oktober, zu Gast bei: Art Kreuzberg e.V., Prinzessinnenstraße 21, Vernissage: Freitag, 19–23 Uhr, dann: 7. Oktober, 11–22 Uhr, 8. Oktober, 11–13 Uhr

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