Ahnungslos war ich zu einem Waldspaziergang im Februar aufgebrochen, in eine Gegend im Grunewald, die ich wegen der etwas wilderen und artenreicheren Struktur besonders schätze und wo es sogar in den trockenen Jahren voller Wildblumen ist. Es ist still dort, man hört die Stadt kaum. Doch schockiert musste ich an diesem Tag feststellen, dass es dort forstliche Aktivitäten gab, und man ging dabei nicht gerade zimperlich vor. Es war genau genommen – da übertreibe ich nicht – ein Massaker.
Schon als ich den Hügel herunterkam und auf den kleinen Pfad einbiegen wollte, sah ich von weitem die breiten Spurrillen. Schwere Maschinen waren da gefahren und hatten alles am Wegrand umgerissen. Die Spurbreite betrug mindestens drei Meter. Damit wurde ein vorher bewachsener schmaler Pfad zu einer breiten, nackten Schneise, an deren Rändern die Wurzeln von Bäumen zerrissen wurden. Nicht nur von kleinen Bäumchen, sondern von alten Bäumen, die schon lange da stehen. Das Erdreich an ihren Füßen war weggerissen, in den Wurzeln klafften tiefe Wunden. Vom Weg waren die Maschinen direkt in das Dickicht gefahren, dort war der Boden zerstört, die Kräuterschicht und die Moosdecke zerwühlt. Mit grässlichen Narben und Schrunden lagen die gefällten Stämme in Stapeln zum Abtransport bereit.
Ich hörte auch ein beunruhigendes Geräusch, ein wütendes Fauchen, von Schlägen unterbrochen, es klang wie ein tobender Lindwurm. Als ich weiterging, erblickte ich in der Tat ein Monster: Eine stattliche Maschine, ein sogenannter Harvester, welche mitten in die Pflanzung gebrochen war und Bäume umschlug, einen nach dem anderen, im Nullkommanichts, so als wären es Streichhölzer. Das Fauchen erklang, wenn die Maschine die Stämme entästete und in Abschnitte zerhackte. Auf diese Weise wurde ein riesiges Areal durchkämmt.
Tiefe Furchen der Forstmaschinen
© Stefan Zeitz/imago
Ich musste an all die Tiere denken, die mir dort begegnet waren, an die Kröten, Eidechsen und Schlangen, die hier wohnten. Von vielen kannte ich die Stellen, wo sie überwintern, aber da lagen nur noch zermalmte Baumstämme. Ameisenhügel? Einfach weggemangelt, in den breiten Spurrillen war nichts mehr davon zu sehen. Seltene Käfer? Wildbienen? Egal. Frühblüher, Kräuter, Moos: Makulatur. Rote Listen für den Artenschutz? Geschenkt. Und was war mit den Igeln, die unter Laubhaufen oder alten Baumstämmen noch Winterschlaf hielten?
In der Nähe der Försterei am Eichkamp stehen Schilder, auf denen der Spaziergänger ermahnt wird, Tiere und Pflanzen nicht zu stören. Doch was ist das gegen das, was hier im Namen derer angerichtet wird, die befugt sind, im Wald zu walten? Was für ein Widerspruch.
Nach Bürgerprotesten: CDU-Senatorin ändert die Politik im Berliner Wald
Nicht weit entfernt von Berlin steht der beste deutsche Wald
Kann sich im Erholungswald auch der Wald erholen?
Bei der Art und Weise, wie vielerorts in Deutschland mit Wäldern umgegangen wird, zeigt sich das mangelnde Verständnis dafür, was ein Wald überhaupt ist. Was unter der Erde, tief im Waldboden oder zwischen den Lebewesen geschieht, gehört genauso zum Wald, wird aber oft ignoriert, da es die Arbeit komplizierter macht.
Ein Wald ist mehr als eine Ansammlung von Bäumen. In ihm stellen sich Verbindungen her, er ist ein Netzwerk mit eigenem Klima. Alle Organismen, Pflanzen, Tiere, Pilze, Mikroorganismen kommunizieren darin. Langsam und dynamisch baut sich dieses Netz auf, in einem raumzeitlichen Kontinuum.
Wenn ein stadtnaher Wald zu einem Erholungswald erklärt wird, wie im Fall des Berliner Grunewalds, denkt man dabei nur an die Menschen. Doch auch Bäume und Moose sind lebendig, der ganze Wald lebt, und auch er braucht Erholung. Sollte man einen solchen Wald nicht zu Erholungszwecken zu großen Teilen sich selbst überlassen? Ein Waldgebiet ist ein Wohnort für viele nichtmenschliche Organismen und nicht nur ein Ökosystemdienstleister für Menschen.
Grünstreifen werden immer häufiger ihres Wildwuchses beraubt.
© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Zeitung
Schon seit einiger Zeit sind in Bezug auf erklärte Naturschutzziele paradoxe Phänomene zu beobachten. Das gilt nicht nur für den Wald, sondern auch für andere naturwüchsige Orte in der Stadt. Es werden mit Wildwuchs bewachsene Flächen gerodet und in eintönige Zierflächen verwandelt, Uferböschungen beseitigt, „Unkräuter“ abgebrannt, offene Böden versiegelt und mehr Bäume gefällt denn je. So wurde zum Beispiel im letzten Spätsommer der Mittelstreifen der Hardenbergstraße (Charlottenburg) umgepflügt und gewalzt, der vorher üppig mit reichlich blühenden Wildpflanzen bewachsen war, jetzt zeigt er nur noch kargen Bewuchs.
Am seltsamsten sind die an verschiedenen Orten der Stadt vorgenommenen Maßnahmen zur Schaffung von „Wildkräuterwiesen“, indem echte, standorterprobte Wildkräuter, beispielsweise auf Mittelstreifen von Straßen, umgepflügt werden und dort die idealisierten Pflanzen ausgesät werden.
Vorliebe für Beton und Stein
Sonderbar sind auch die Geschehnisse in den privaten Gärten: Nicht nur, dass auf dem Lande monotone Agrarwüsten eine lebensfeindliche Umgebung schaffen, aus der sämtliche Tiere fliehen, sondern es grassiert seit längerer Zeit eine Vorliebe für Beton und Stein in den Vorgärten, die sich epidemisch ausbreitet. Statt Pflanzen werden steinerne Platten, Schotter oder Pflastersteine ausgelegt, sodass kein Stückchen krümelige Erde mehr übrig bleibt. Als wäre das alles noch nicht genug, werden mit vielfältigen Bearbeitungsgeräten regelmäßig dort noch siedelnde Moose und Flechten vernichtet.
Die wahre Großstadtförsterin – zwischen Waldidyll und illegalem Müll
Als ich an einmal einen Baumarkt aufsuchte, stürmte ein Vertreter auf mich zu, der mir einreden wollte, dass ich unbedingt das Moos auf meinem Dach entfernen müsste, weil Moose die Ziegel schädigen würden. Deshalb würde er mir das Gerät von Kärcher empfehlen, mit dem könnte ich auch die unschönen Flechten auf der Garageneinfahrt im Handumdrehen beseitigen. Nur – das ist blanker Unsinn. Ganz im Gegenteil schützt Moos auf dem Dach die Ziegel vor starker Sonne und sorgt für eine kühlende Schicht. Wenn es regnet, wird das Wasser aufgesaugt und gebremst, das verringert die abfließenden Wassermassen.
Es scheint eine allgemeine Bewusstseinsspaltung zu geben: Zwar geht bei vielen eine Angst vor einem Klimawandel um, doch anstatt der Flora sprießen zu lassen, wird das Gegenteil getan. Andere denken, mit der Natur hätten sie eh nichts zu schaffen und ihre Erscheinungen sind eher lästig. Daneben gibt es Übereifrige, die meinen, man könnte die Natur wie eine Art Dienstleister betrachten, den man passend zurechtstutzt, damit die menschliche Welt „klimatauglich“ wird.
Und auch die Vorgarten-Tristesse hat ihre ganz eigene Ästhetik entwickelt.
© U. J. Alexander/imago
Eher selten gerät in den Blick: Wir Menschen sind selbst ein Teil der Natur, wir hängen bedingungslos davon ab, dass sie existiert – auch seelisch. Die Entfremdung von der Natur ist oft so groß, dass der Umgang mit Naturelementen im besten Falle hilflos, unachtsam oder unbedarft und im schlimmsten Falle rücksichtslos und ausbeuterisch ist. Wald, Tiere, Pflanzen, bewachsenen Boden kann man nicht behandeln, als wäre es eine Dingwelt. Man kann sie nicht nach Belieben den Regeln einer menschlichen Ökonomie unterwerfen und ihnen jegliches Eigenrecht absprechen. Es braucht ein neues Bewusstsein. Ein Anfang wäre schon gemacht, wenn wir ab und zu unseren Blick gen Boden senken und würdigen, was zwischen den Berliner Pflastersteinen wächst.
Sabine Riehl ist Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin. Sie beschäftigt sich neben Natur und Biosphäre mit Themen aus Literatur, Ästhetik, Anthropologie, Natur- und Wissenschaftsgeschichte sowie mit Fotografie und Bild.
Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.
Transparenzhinweis: In einer früheren Fassung dieses Textes hieß es, im Botanischen Garten würden Wege für kommerzielle Eventveranstaltungen asphaltiert. Der Botanische Garten widerspricht dieser Behauptung und erklärt: Die Asphaltierung der Wege diene der Sicherheit von Mitarbeitern und Besuchern, außerdem lasse der Asphalt ein Versickern von Regenwasser zu. Wir haben die entsprechende Passage entfernt.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de