Minusgrade in Berlin

Die Kälte wird zur Gefahr für Obdachlose

Ein Mann starb bereits. Für die kommende Kältewoche sorgen Hilfsorganisationen vor.

Maritta Tkalec und Andreas Kopietz
5 Min
Ein Obdachloser schläft an einer Berliner Haltestelle. Wenn jetzt die Nächte eiskalt werden, kann das lebensgefährlich sein.

Ein Obdachloser schläft an einer Berliner Haltestelle. Wenn jetzt die Nächte eiskalt werden, kann das lebensgefährlich sein.

© Imago/Votos-Roland Owsnitzki

Polizisten sperrten den Ort vor den Blicken neugieriger Touristen und Partygänger ab, die mit Bierflaschen in den Händen das Geschehen von der anderen Straßenseite aus verfolgten. Bei dem Toten handelt es sich nach Angaben eines Polizeisprechers um einen 49-jährigen Mann aus Polen. „Fremdverschulden schließen wir aus“, so der Sprecher. Kumpels des Toten vermuten, dass die Kombination aus Kälte und Alkohol dem Mann den Tod brachten.


MEHR MITTELSCHICHT, MEHR MIGRANTEN

Die Zahlen steigen enorm: 2017 lebten nach Schätzungen von Sozial-Staatssekretär Alexander Fischer (Linke) 50.000 Obdachlose in der Stadt, darunter auch anerkannte Flüchtlinge und Gestrandete aus EU-Ländern.

Die Politik sieht einen Hauptgrund für die Zunahme in den schärfer werdenden Verteilungskämpfen um die knappen Wohnungen. Laut Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sind vor allem einkommensschwache Gruppen betroffen, aber auch schon Teile der Mittelschicht.

Migranten treten immer stärker als Betroffene auf, wie Zahlen der Moabiter Wohnungslosenhilfe zeigen: Demnach suchten dort vor zehn Jahren zu drei Vierteln Deutsche und zu einem Viertel Migranten Hilfe. Heute liegt das Verhältnis bei 55 zu 45 Prozent. In die Halle der Stadtmission kommen derzeit etwa 70 Prozent Osteuropäer.

Bundesweit rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe damit, dass die Zahl der Menschen ohne feste Wohnung und Mietvertrag in Deutschland 2018 auf 1,2 Millionen steigt. 2016 waren es etwa 860.000.

Ihre Lage ist unterschiedlich: Nur ein kleiner Teil lebt auf der Straße. Die meisten kommen unter, auch in kommunalen Heimen. Es trifft mehr Frauen als früher, mehr Jüngere oder Ältere, mehr Behinderte und nicht nur Singles.  


Damit in den nächsten Tagen, in denen Dauerfrost und nächtliche Tiefstwerte von minus sieben Grad erwartet werden, nicht weitere Menschen auf den Straßen sterben, haben sich die Hilfsorganisationen vorbereitet. Eine von ihnen, die Berliner Stadtmission, lud am Sonntag die Öffentlichkeit ein, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie es in einer recht großen Obdachlosenunterkunft zugeht.

Menschen mit Herzenswärme

HalleLuja nennt die Hilfsorganisation ihre Traglufthalle. Als sei ein Ufo auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs gelandet, liegt die weiße Kuppel hinter dem Ring-Center an der Frankfurter Allee. „Ballon“ nennen es die Gäste, sagt Lotte Kauppert, die seit drei Jahren als Ehrenamtliche immer wieder hier arbeitet. Eigentlich ist sie Studentin an der TU. Sie weiß noch, wie es hier vor drei Jahren aussah: einfache Liegen standen da auf Grasboden.

Obdachlosen-Lager am Hackeschen Markt. Dort starb jetzt ein Obdachloser.

Obdachlosen-Lager am Hackeschen Markt. Dort starb jetzt ein Obdachloser.

© Eric Richard

Heute mag es manchem Wohnungslosen durchaus himmlisch vorkommen, nicht nur wegen der sich weiß wölbenden, auf leichten Luft-Überdruck schwebenden Decke. Man betritt eine zwar große, aber angenehm warme Halle, die fast gemütlich wirkt. Grünpflanzen stehen da, der Boden ist mit grauem Filz belegt. 

Auf den langen, mit weiß gepunkteten Tüchern bedeckten Tischen, an denen die Gäste abends Suppe und Tee zu sich nehmen und morgens frühstücken, stehen Töpfchen mit violetten Primeln. Vier schwarze Kunstledersofas bilden, im Karree stehend, eine Art Wohnzimmer, darüber ein dunkelroter Sonnenschirm. In einer Ecke können die Gäste eines im vergangenen Jahr verstorbenen Schicksalsgenossen gedenken. Ganz klar, hier sind Menschen mit Herzenswärme am Werk, die anderen in bedrängter Lage Gutes tun.

Das HalleLuja: ab 21 Uhr ist Einlass, 6 Uhr morgens ist Schluss.

Das HalleLuja: ab 21 Uhr ist Einlass, 6 Uhr morgens ist Schluss.

© Eric Richard

Im Essenausgabe-Bereich bereiten Freiwillige den Abend vor; der Sanitätscontainer mit Duschen und Toiletten macht einen pikobello Eindruck. Es gibt die wichtigsten Toilettenartikel, auch Rasierer. In der Kleiderkammer liegen die Sachen bereit, die gerade verfügbar sind. Der Schlafbereich liegt etwas abgetrennt. Seit 2018 gibt es Doppelstockbetten, jeweils nach zwei Seiten hin durch freundlich-hellgraue Platten vom Nachbarbett abgeschirmt. Darauf jeweils eine Decke. Alles ist einfach, aber nichts verranzt oder schmuddelig.

Manchmal einfach machtlos

So still wie am Sonntagnachmittag sei es natürlich nicht, wenn am Abend mehr als hundert Männer hier eingetroffen sind. So viele Plätze gibt es. Wenn mehr kommen, werden sie mit Hilfe von Kältebussen in andere Quartiere gefahren. Und voll sei es immer, sagt die ehrenamtliche Helferin.

7,50 Euro pro Stunde bekommen die Freiwilligen, nicht eben viel zum Beispiel für eine Nachtschicht, die gelegentlich Konflikte mit sich bringt. Sie findet, dass sich die Verantwortlichen der Stadt zu stark auf die Freiwilligen stützen. Das Hilfssystem brauche mehr hauptamtliche, professionelle Kräfte. „Wir probieren ja alles“, sagt die junge Frau, „doch manchmal sind wir einfach machtlos.“

Dabei stehen der Berliner Kältehilfe in diesem Winter 1100 Übernachtungsplätze zur Verfügung – 100 mehr als zunächst geplant. Sozialsenatorin Elke Breitenbach (Linke) sprach im Dezember davon, dass man gut vorbereitet sei auf kältere Tage. Obdachlosen, die es wünschen, könne man wenigstens ein Dach über dem Kopf anbieten.

Doppelstock mit einem Minimum Privatsphäre. Um zwölf geht das Licht aus.

Doppelstock mit einem Minimum Privatsphäre. Um zwölf geht das Licht aus.

© Eric Richard

So wurden in einem Hangar des ehemaligen Flughafens Tempelhof hundert Schlafmöglichkeiten geschaffen. Neu entstanden auch 37 Plätze in einer ehemaligen Flüchtlingsunterkunft in der Rathenower Straße in Mitte. Noch mehr Plätze soll es ab Herbst 2018 geben, von 1500 ist die Rede.

Im HalleLuja arbeiten inzwischen Teams mit Erfahrung. Konflikte regelt man in den allermeisten Fällen durch Gespräche, wenn ein Streit eskaliert, greift der stets mit zwei Personen anwesende Wachschutz ein. Nur in seltenen Fälle müsse man die Polizei rufen, berichtet Lotte Kauppert – sie selber habe das noch nie erlebt.

Berliner, die Kleidung spenden wollen, sind übrigens im HalleLuja während der Öffnungszeiten stets willkommen – also zwischen 18 Uhr und neun Uhr morgens. „Gebraucht werden Männerklamotten aller Art“, sagt die Ehrenamtliche, „zur Zeit sind Socken und Unterhosen knapp“.

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