Um 1900 fuhren in Berlin die ersten Kraftdroschken, bald tauchten Fluggeräte auf. Elektrisches Licht beleuchtete Zimmer und Straßen. Riesige Mietskasernenquartiere nahmen Millionen Zugezogene auf, die kurz zuvor noch auf dem Lande gelebt hatten. Schon seit den 1880-ern blühte das Amüsement für die Neu-Metropolitaner in allen Arten, Preisklassen und Moralstufen.
Frauen sortieren Müll am Fließband (Berlin-Charlottenburg). Foto, 1912.
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Kaum etwas erinnerte in der stampfenden Millionenstadt mehr an die unaufgeregte Residenzstadt, die Berlin noch 100 Jahre zuvor gewesen war. Man hatte sich von der napoleonischen Besatzung befreit, von dieser einige Fortschrittsimpulse geerbt und in der Folge eine geistige Blüte dank der Anwesenheit bedeutender Persönlichkeiten wie der beiden Humboldts genossen.
Zwei Herren in einem Berliner Bordell. Foto, um 1895. Trotz Polizei und offizieller Prüderie blühten gerade im Kaiserreich die Vergnügungbetriebe. So gab es mehr als 800 Tanzsäle.
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Die gewaltigen Veränderungen dieses 19. Jahrhunderts, das noch bis 1914 ins 20. Jahrhundert hineinreichte, in einen Bildband zu fassen, ist ziemlich mutig. Praxistaugliche Fotografie kam seit Mitte des 19. Jahrhunderts zum Einsatz. Für die Zeit davor greift man auf Stiche und Gemälde zurück, um sich die Stadt vor Augen zu führen. Mit der Schwarz-Weiß-Fotografie schwand die Idylle der mild kolorierten Stiche und Zeichnungen; zunehmend kam die Härte des Lebens ins Bild.
Alltag im 19. Jahrhundert
Dem Band gelingt ein Galopp durch Zeiten größter Umbrüche – geordnet nach Themenbereichen wie Wohnen und Familie, Städtische Arbeitswelten, Versorgung und Konsum, Gesellschaft und Kultur. Wir sehen das Leben der wenigen Reichen bei Hofe und in noblen Etablissements, herausgeputzte Damen, distinguierte Herren.
Die Ziegel für den Aufbau Berlins kamen per Kahn aus Brandenburg. Ein altes Paar lädt 1910 an der Spree einen Kahn aus.
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Vor allem aber zeigt der Band das Leben der kleinen Leute. Und die lebten in jener Zeit in einer Armut, die nichts mit dem heutigen Begriff von Not zu tun hat. Wir sehen von Mangel, Krankheit und Schufterei gezeichnete Gesichter und Gestalten – aber auch, wie sich die Leute in die Freuden des Lebens stürzten, wo und wann das nur möglich war. Wir sehen ein paar bekannte Orte und viele zur Unkenntlichkeit gewandelte. Wir bekommen Impressionen von Geschichte. Die Autoren, der Historiker Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche, bis 2015 Leiterin der Fotosammlung des Landesarchivs Berlin fassen sich kurz. Wer sich Berlin auf optische Weise nähern will, der blättere durch die 1000 Bilder und lasse sich beeindrucken.
Drei Herren versuchen sich in Klimmzügen. Amateuraufnahme, handschriftl. bez.: “Im Grunewald 1896”. Aus dem Fotoalbum einer Berliner Unternehmerfamilie. Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte.
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Das Buch: Alltag in Berlin – Das 19. Jahrhundert Von Hans-Ulrich Thamer und Barbara Schäche. Elsengold Verlag Berlin 2017, 312 Seiten, ca. 1000 Abbildungen, 49,95 Euro (Im selben Verlag: Das 20. Jahrhundert)
Die Schloßgarde, angetreten im Schlüterhof des Stadtschlosses. Photographie, undat. (um 1890), von M. Ziesler. Nachlaß Maurice Levert. Berlin, Sammlung Archiv für Kunst und Geschichte.
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