Nachruf

Ornament von Sex und freier Liebe: Zum Tod der Malerin Dorothy Iannone

Es brauchte Jahrzehnte, bis die Puritaner den erotischen Farbrausch der Bostoner Wahlberlinerin als das akzeptierten, was er ist: geniale Kunst.

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Dorothy Iannone im Charlottenburger Wohn-Atelier vor einem ihrer ornamentalen Erotik-Bilder

Dorothy Iannone im Charlottenburger Wohn-Atelier vor einem ihrer ornamentalen Erotik-Bilder

© Berliner Zeitung/Mike Fröhling

Sie hat es noch genießen können, wie die Szene sie feierte. Das Landesmuseum Berlinische Galerie richtete Dorothy Iannone 2014 eine Retrospektive aus, sorgte hier für die späte Wiederentdeckung, die 2006 auf der Whitney-Biennale begonnen hatte. Peres Projects in der Karl-Marx-Allee legte dann 2019 mit der Ausstellung „Lady Liberty Meets Her Match“ nach. Zur Vernissage stand die aparte ältere Dame zwischen jungen Leuten: klein, zierlich, mit ihrer eleganten schwarzen Kappe – und lächelte.

Nun kam die Nachricht, dass Iannone zu Weihnachten im Alter von 89 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben ist. Die aus Boston stammende Malerin lebte seit 1976 in Berlin. Sie hinterlässt ein Werk, in dem freie Liebe, Eros, Körperlichkeit und Psychedelik sich unverklemmt zu einem ornamentalen Farbrausch zusammenfügen. Das Besondere daran: Die Frau hat das alles nicht etwa der Liebesbibel Kamasutra nachempfunden. Ihre Bilder sind eine Chronik ihres eigenen intensiven Liebeslebens. In einem Künstlerbuch von 1967 listet sie in Bild und Text ihre Sexpartner gleichsam lexikalisch auf.

Die Puritaner empörten sich damals natürlich: Als der Schweizer Impresario Harald Szeemann sie 1970 in die Berner Kunsthalle einlud, verfügten Sittenwächter, dass Iannones „unverschämte Genitalien-Darstellungen“ abgeklebt werden müssten. Sie zog ihre Bilder ab. Ihr damaliger Lebenspartner Dieter Roth tat es ihr gleich. Das Porno-Verdikt wirkte lange nach, bis in die 90er-Jahre. Sie konterte mit der feministischen Maxime, dass das Private immer auch politisch sei. Heute ist das Thema Sex in der Kunst kein Tabu mehr. Skandale? Kaum. Jeff Koons konnte seine Orgasmen mit Cicciolina von Oberammergauer Herrgott-Schnitzern in kitschig bemaltem Holz verewigen lassen. Und das sogar im katholischen Stuttgart zeigen, so prätentiös wie pathetisch. Dorothy Iannones Bilder-Sex ist dagegen viel kreativer und auch fröhlicher.

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