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Zwischen Erhalt und Abriss liegt nur eine Kurzstrecke mit der Straßenbahn: Lediglich vier Haltestellen trennen das Haus der Statistik an der Otto-Braun-Straße in Mitte vom Sport- und Erholungszentrum (SEZ) an der Kreuzung Landsberger Allee/Danziger Straße in Friedrichshain. Und dennoch könnte der Umgang mit den beiden ehemaligen DDR-Bauten unterschiedlicher nicht sein: Während das Haus der Statistik seit kurzem frisch saniert und in neuem Glanz seine Besucher empfängt, modert das SEZ weiter vor sich hin und wartet auf seinen in der jüngeren Vergangenheit immer wieder in letzter Sekunde abgewendeten Abriss. Oder wartet es eben doch auf seine Rettung nach dem Vorbild seines äußerlich deutlich unspektakuläreren Leidensgenossen am Alexanderplatz?
Zwei Gebäude, zwei Schicksale
Beide Gebäude eint die Tatsache, dass sie eigentlich schon gar nicht mehr existieren sollten. Das Haus der Statistik wurde nach der Wende zwar zunächst durch Bundesbehörden weitergenutzt, seit deren Auszug im Jahr 2008 stand es aber jahrelang leer. Als nicht mehr zeitgemäß eingestuft, sollte es einer neuen und mit einer doppelt so großen Geschossfläche besonders dichten Bebauung weichen.
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Auch das SEZ wurde nach der Wiedervereinigung zunächst weitergenutzt, wenn auch nicht im ursprünglichen Umfang. Seit der vollständigen Einstellung des Betriebs als Freizeitbad im Jahr 2002 und dem Verkauf an einen Privatinvestor folgten zwar temporäre oder räumlich begrenzte Nutzungen, seiner Verpflichtung zur Herstellung eines umfänglichen Badebetriebes kam der Investor jedoch bekanntlich nie nach. Nach langwierigen Gerichtsverfahren liegt das Areal nun wieder im Eigentum Berlins und wird nach Jahren des Leerstands trotz nicht unerheblichen Widerstands weiter auf seinen Abriss vorbereitet.
Das Haus der Statistik konnte durch zivilgesellschaftliches Engagement gerettet werden: Ausgehend von einer künstlerischen Protestaktion bildete sich ein breites Bündnis verschiedener Akteure aus Kunst und Kultur, Architektur und Stadtentwicklung, Vereinen und Stiftungen. Die aus dieser Initiative heraus gegründete Genossenschaft erarbeitete zusammen mit Partnern aus Politik und Verwaltung in einem kooperativen Verfahren eine Vision für ein gemischt genutztes Stadtquartier unter Einbeziehung des vorhandenen DDR-Gebäudebestands.
So entsteht nun im Rahmen eines Modellprojekts direkt am kommerzialisierten Alexanderplatz unter anderem Raum für Kultur, Soziales und bezahlbares Wohnen. Die Genossenschaft ist dabei nicht nur maßgeblich an der Planung beteiligt gewesen, sondern ist bis heute ein wichtiger Akteur in der Umsetzung des Gesamtprojekts.
Ein Beispiel mit Strahlkraft
Mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen sowie den landeseigenen Gesellschaften Berliner Immobilienmanagement (BIM) und Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte (WBM) sind drei der fünf Kooperationspartner des Modellprojekts Haus der Statistik auch an der Zukunft des SEZ-Areals beteiligt. Während dort die Abrissvorbereitungen weiter vorangetrieben werden, schmücken sich die drei Akteure zwei Kilometer entfernt am Alexanderplatz mit dem „zukunftsfähigen“ Modellprojekt, welches laut BIM „sinnbildlich für den Wandel im Bestand“ stünde.
So beginne Nachhaltigkeit mit dem „Erhalt und der zeitgemäßen Weiterentwicklung historischer Bausubstanz“. Auch die WBM spricht auf ihrer Internetseite von der kooperativen Quartiersentwicklung am Haus der Statistik als einem ihrer „wichtigsten städtebaulichen Projekte“.
Das Haus der Statistik am Alexanderplatz: Zivilgesellschaftliches Engagement verhinderte den Abriss des ehemaligen DDR-Verwaltungsgebäudes.
© imago
Für das SEZ scheinen diese Aussagen nicht zu gelten. Und das, obwohl das SEZ verglichen mit dem Haus der Statistik deutlich mehr Identifikationspotenzial für einen Erhalt aufzuweisen scheint. Während Letzteres mit der Zentralverwaltung für Statistik auch zu DDR-Zeiten eine für die Stadtgesellschaft wenig greifbare Nutzung besaß, war das SEZ ein prominenter Ort für die Ost-Berliner Freizeitgestaltung. Als wichtigste Sport-, Spiel- und Freizeiteinrichtung der DDR hat es bis heute Bestand in der Erinnerung vieler Menschen. Nach den Abrissen zahlreicher prägender Gebäude der Ostmoderne gäbe es hier also die Gelegenheit, ein funktional ausschließlich positiv besetztes Ensemble zu erhalten und den politischen Sonntagsreden über die Wahrung von Identifikationsorten für DDR-Biografien Taten folgen zu lassen.
Doch auch unabhängig von seiner früheren Nutzung hat das Gebäude des SEZ mit seiner experimentellen Formsprache, den teils prominent platzierten und gut sichtbaren Konstruktionselementen sowie dem insgesamt leicht und transparent wirkenden Erscheinungsbild mehr zu bieten als der im Vergleich doch eher gesichtslos und austauschbar erscheinende Klotz der Statistik am Alexanderplatz. Und auch die gesamtdeutsche Entstehungsgeschichte des SEZ ließe sich vom Haus der Statistik kaum übertreffen: ein DDR-Prestigeprojekt, entworfen und gebaut jedoch von Hochtief, einem der größten Baukonzerne der BRD, federführend bearbeitet von dem kurz zuvor nach West-Berlin geflohenen ehemaligen Ost-Berliner Architekten Günter Reiß.
Mehr als ein ehemaliges Freizeitbad
Das Modellprojekt Haus der Statistik wird mittlerweile im Rahmen des Bundesprogramms „Nationale Projekte des Städtebaus“ gefördert. Bei der symbolischen Schlüsselübergabe im Mai für die ersten bezugsfertigen Einheiten bezeichnete Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) das Projekt als bundesweites sowie internationales Vorbild.
Die Prozesse am Haus der Statistik sind nach zehn Jahren weit fortgeschritten, einiges hat Baureife, anderes ist bereits fertiggestellt. Es wäre also an der Zeit, das Vorbild an anderer Stelle nachzuahmen oder ein neues, weiteres Projekt mit Vorbildcharakter und Strahlkraft zu schaffen. Auch auf dem Areal des SEZ ließen sich Räume für Wohnungsneubau, soziale, kulturelle und hier auch sportliche Nutzungen mit dem Erhalt bzw. einer behutsamen Transformation des Bestands vereinbaren.
Relevant wird dies insbesondere auch im Hinblick auf die bevorstehende Internationale Bauausstellung (Iba), die der Senat für die Jahre 2034 bis 2037 plant. Diese soll nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Bauen und Wohnen die „Weiterentwicklung des Bestands“ ins Zentrum stellen und dabei den Schwerpunkt auf „Erhalt, Umnutzung und behutsamen Umbau“ setzen. Einer der räumlichen Fokusorte der Iba liegt zudem rund um den S-Bahnhof Landsberger Allee, also im unmittelbaren Umfeld des SEZ.
Das Hallenbad im Sport- und Erholungszentrum (SEZ): Das ehemalige Freizeitbad war über Jahrzehnte ein beliebter Treffpunkt für die Ost-Berliner Bevölkerung.
© Imago
Der thematische Schwerpunkt der Iba ist kein Irrläufer. Seit Jahren bestimmen die bestandsorientierten Themen Erhalten, Umbauen und Weiterbauen sowie die Kritik am Abriss die städtebaulich-architektonische Fachwelt und universitäre Lehre. Bereits Ende 2025 forderten 150 Personen aus der Wissenschaft, darunter zahlreiche Professorinnen und Professoren des Instituts für Architektur an der TU Berlin, in einem Offenen Brief den Erhalt bzw. eine behutsame Transformation des SEZ.
Würde der Senat die fachlich nachvollziehbaren Ziele seiner selbst ins Leben gerufenen Iba ernst nehmen, müsste er den Prozess um die Zukunft des SEZ neu aufrollen und könnte bei einem ähnlichen Tempo wie beim Haus der Statistik eine Fertigstellung zur Zeit der Iba erreichen.
Jetzt entscheidet die Politik
In den letzten Monaten konnten Initiativen sowie das zuständige Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg den Beginn der Abrissarbeiten am SEZ immer wieder hinauszögern (die Berliner Zeitung berichtete). Auch beim Haus der Statistik stellte sich der Bezirk Mitte früh auf die Seite des zivilgesellschaftlichen Bündnisses und damit gegen den Senat. Würde es nun beim SEZ gelingen, auch diesen noch zu überzeugen, hätten BIM und WBM kaum eine Wahl und das Kooperationsbündnis nach dem Vorbild des Hauses der Statistik aus Zivilgesellschaft, Bezirk, Senat und landeseigenen Gesellschaften wäre komplett.
Nach der Begeisterung und dem Erfolg des Hauses der Statistik stünde es Berlin gut, ein weiteres Modellprojekt ähnlicher Größenordnung zu realisieren, welches die kooperative Transformation eines Gebäudes der Ostmoderne sowie seines Umfeldes zum Ziel hat. Im Kontext der inhaltlichen Ausrichtung der Iba sowie der Diskussionen und Aufforderungen aus der Fachwelt erscheint es noch gebotener, die Entwicklung des SEZ-Areals unter der Prämisse des Erhalts bzw. des Umbaus der Bestandsgebäude als kooperatives städtebauliches Modellprojekt neu zu denken.
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Gelingt es den Initiativen zum Erhalt des SEZ, dieses bis zum Wahltermin am 20. September 2026 vor dem Abriss zu bewahren, könnten mit einem möglicherweise neuen Senat die Karten neu gemischt werden. Bis dahin bleibt den Abrissgegnern zu hoffen, dass möglichst viele Politikerinnen und Politiker den Erhalt des ehemaligen Spaßbades als Wahlkampfthema entdecken.
Bundesbauministerin Verena Hubertz (SPD) bedankte sich bei der symbolischen Schlüsselübergabe vor dem Haus der Statistik nach Angaben des Tagesspiegels bei allen, die „hart gekämpft haben, dass es nicht zu einem Abriss kam“. Würde ihr Parteikollege Christian Gaebler (SPD) heute seine Meinung zum SEZ-Abriss ändern, könnte ihr Nachfolger oder ihre Nachfolgerin möglicherweise in zehn Jahren ähnliche Worte zu den Menschen vor dem SEZ sprechen.
Jonathan Hertling studierte Stadt- und Regionalplanung sowie Städtebau in Berlin und Cottbus. Er arbeitet projektbezogen als selbstständiger Mitarbeiter in der Qualitätsanalyse im Regionalverkehr in Berlin und Brandenburg. Seit seinem mit dem Schinkelpreis ausgezeichneten Masterabschluss studiert er als Zweitstudium Architektur an der TU Berlin.
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