Global bedeutend, vorzüglich ausgestattet sowie auf einem anderen Kontinent gelegen ist das New Yorker Museum of Modern Art (MoMA). Warum sollte es ausgerechnet in Berlin eine große Pressekonferenz abhalten? Der MoMA-Direktor Glenn D. Lowry weiß eine einleuchtende Antwort: Weil ein Großteil seiner nächsten Projekte ihren Ursprung in Deutschland hat.
So ist die sogenannte Berliner Schule, der das MoMA ab Ende November die erste umfassende Retrospektive überhaupt widmet, gruppentechnisch klar in der deutschen Hauptstadt zu verorten. Sie transzendiert die deutschen Grenzen indes, denn gerade in den vergangenen Jahren gingen etliche der zugehörigen Regisseure mit ihren Filmen in die Welt hinaus: etwa Ulrich Köhler mit „Schlafkrankheit“ nach Afrika, Angela Schanelec nach „Marseille“ oder Thomas Arslan mit „Gold“ in die Weiten Kanadas.
In Deutschland sind die Filme der Berliner Schule allerdings ein Streitfall. Mal ganz abgesehen vom Begriff: Ist es überhaupt eine Schule im stilbildenden Sinn? Und handelt es sich denn um eine Gruppe, eine Bewegung? Fasst man unter dem Begriff Berliner Schule nicht vielmehr einige intellektuelle Individualisten zusammen, die strenge Bilder produzieren, karge Erzählungen über Verunsicherungen in oft abweisenden Räumen?
Von nicht wenigen als bedeutungsleer und langweilig empfunden, von anderen anerkannt, aber als bereits historisch, also vergangen eingeordnet, sehen nun wieder andere Beobachter diese Filme als ästhetisch anspruchsvolle Künder eines neuen Deutschland-Bildes.
Und zwar eines, das nach dem Mauerfall nicht mehr geschmeidig an alte Deutschlandbilder – Hitler! die Stasi! – anschließt, sondern die allgemeine Verunsicherung nach 1989 zulässt und metaphorisch verarbeitet. Und weil das auch noch in einem kinematographischen Kontext von Gut/Böse-Schemata sowie Schenkelklopfer-Komödien geschah und geschieht, hält Rajendra Roy die Berliner Schule für besonders wagemutig. Ja sogar tapfer!
Der Cheffilmkurator des MoMA ist seit 2004 auch internationaler Berater beim Auswahlkomitee der Berlinale und kennt sich aus mit dem deutschen Film; er hat die MoMA-Retrospektive „Berlin School“ gemeinsam mit der Berliner Kritikerin Anke Leweke kuratiert. Und zwar nicht als irgendein exzentrisches Projekt, sondern weil der ästhetisch herausfordernde deutsche Film in New York schon immer eine Heimat hatte: „Das deutsche Kino gehört zur Seele des MoMA“, sagte Rajendra Roy gestern bei der MoMA-Pressekonferenz in der Akademie der Künste am Pariser Platz. In New York gab es Filmreihen des Weimarer Kinos der Jahre 1920 bis 1933 ebenso wie Werkschauen des Neuen (west-)deutschen Films, inklusive Rainer Werner Fassbinder.
Mag die Berliner Schule hierzulande auch umstritten sein und sogar ihre Spötter haben – Tatsache ist, dass sie die einzige filmische deutsche Richtung ist, die internationale Anerkennung erfährt, auf den großen Filmfestivals vertreten ist und mit Preisen geehrt wird. Davon erfahren die Daheimgebliebenen indes nur wenig.
Doch die Auseinandersetzung in der Heimat um Regisseure wie Christoph Hochhäusler, Christian Petzold, Benjamin Heisenberg oder auch Valeska Grisebach beweist nicht zuletzt, wie tief die Identitätskrise einer ganzen Nation reicht. In 17 Filmen von neun Regisseuren wird das MoMA Rajendra Roy zufolge ein Zeitbild voller Gegenwartsspannungen präsentieren.
„Erzählungen über Zeiten eines anhaltenden Übergangs“, wie Anke Leweke es formuliert: Auch bei den anderen MoMA-Projekten geht es, wenig verwunderlich bei einem modernen Kunstmuseum, um die Bilderproduktion als Instabilitätsforschung. Den filmischen Schwerpunkt integriert auch eine von Klaus Biesenbach kuratierte Ausstellung mit Werken von Christoph Schlingensief im März. Und ab April eine Schau mit 160 Arbeiten von Sigmar Polke, die auch im Museum Ludwig, Köln, sowie in der Tate Modern London zu sehen sein wird.
Wobei Kathy Halbreich, Associate Director des MoMA, neben den Bildern besondere Freude an jenen Polke-Filmen aus den 1960er-Jahren hatte, in denen der Künstler den Zuschauer lehrt, wie dieser Dinge in Brand setzen kann. Isa Genzken wiederum ist für Glenn D. Lowry eine der einflussreichsten Künstlerinnen weltweit und wird ab 18. November mit einer Riesenschau ihrer Fotos, Collagen, Installationen und Videos gewürdigt. Der deutsche MoMA-Schwerpunkt in den nächsten Monaten wird flankiert von Ausstellungen etwa zu Frank Lloyd Wright und Magritte.
Natürlich ist es kuratorisch geschickt, ein Jahresprogramm aus widersprüchlichen Ideen und deren stofflich-medialen Trägern zu komponieren, das dann für ganz unterschiedliche Publikumsgruppen von Interesse ist. Und das ist Lowrys Ideal eines Museums: Es soll selbst ein Ideengenerator sein, das seine tatsächlichen Wände durchdringt und überwindet.
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