Special Olympics

101 Prozent: Badmintonspielerin Silvia Dill ist zu sich selbst knallhart

Die 58-jährige Berlinerin erlebt in ihrer Heimatstadt ihre Premiere bei den Weltspielen der Special Olympics. Deutschland zu vertreten, macht sie stolz.

6 Min
Die Badmintonspielerin Silvia Dill feiert bei den Weltspielen ihre Premiere bei der größten Veranstaltung der Special Olympics.

Die Badmintonspielerin Silvia Dill feiert bei den Weltspielen ihre Premiere bei der größten Veranstaltung der Special Olympics.

© Special Olympics

Das mit Pailletten geklebte Berlin auf dem Cap funkelt in der Mittagssonne schon aus größerer Entfernung. Im betonfarbenen Bild, bestehend aus Lager- und Verkaufshallen des Dong Xuan Centers, Getränkelieferanten sowie anderen Gewerbetreibenden und Fabrikhallen in Lichtenberg zwischen Herzbergstraße und Landsberger Allee, ist die pinkfarbene Kopfbedeckung von Silvia Dill mit dem auffallenden Berlin-Schriftzug ein bunter Farbtupfer. Ihre Schicht in der Werkstatt von LWB Elektrorecycling hat die 58-Jährige gerade hinter sich gebracht – das Gespräch über die Weltspiele der Special Olympics aber möchte Silvia Dill gerne woanders führen.

Zwei Tram-Stationen weiter kenne sie eine kleine Lokalität, wo es sich bei einer Tasse Kaffee ganz gut erzählen lasse. „Ich alte Frau werde nächstes Jahr 60 und mache noch solche Dinger mit“, sagt sie und lacht. Nationale Spiele hat sie bereits erlebt, war deutschlandweit beispielsweise in Braunschweig, Jena, Düsseldorf und München dabei. Weltspiele, so wie die, die am Sonnabend mit der großen Eröffnungsfeier im Olympiastadion beginnen und am 25. Juni enden, hat sie bislang noch nicht erlebt. „Ich bin aufgeregt, es könnte am besten schon gestern angefangen haben“, erzählt sie. Vor allem auf die anderen Sportler sei sie sehr gespannt. Auf die Franzosen freue sie sich schon, denn sie habe französisches Blut in sich: „Mein Großvater, den ich leider nie kennenlernen durfte, war Franzose.“

Silvia Dill ist eine waschechte Berlinerin

Zu viel größeren Teilen aber ist Silvia Dill waschechte Berlinerin, was man hin und wieder unschwer am Dialekt hört. Bei den Weltspielen wird sie als eine von drei deutschen Badmintonspielerinnen im Einsatz sein – im Einzel und Doppel. Den Spielplan, der ihr viel abverlangen wird, kennt sie schon – ein freier Tag liefert wenig Raum für Erkundungen. Diesen aber werde sie keinesfalls im Hotel verbringen, sondern den anderen Sportarten einen Besuch abstatten.

In ihrer Familie, in der sie die einzige Person ist, die so richtig Sport macht und dem Sport immer treu geblieben ist, sind sie alle „stolz auf das Tantchen“, wie sie sagt. Früher waren es Handball und Fußball, bis zum Bezirksmeistertitel auf dem Kleinfeld hatte es auf dem Rasen gereicht. Dann kam der Unfall. Ein Autofahrer hatte die Vorfahrt missachtet und sie auf ihrem Fahrrad angefahren. Auf den großen Sturz folgte der körperliche Schaden: eine gesplitterte Kniescheibe. Der geistige Schaden begleitet sie in Form von Orientierungsproblemen bis heute. „Seitdem vergesse ich manche Dinge. Ich schreibe mir deshalb alles auf, damit ich nichts vergesse“, sagt sie.

Als sich Silvia Dill mit dem Leben neu arrangiert und in ihrer heutigen Arbeitsstätte einen neuen Job gefunden hatte, gab es auch wieder einen Platz für Sport. Beim reichhaltigen Angebot der Werkstatt fiel ihre Wahl auf Badminton und Bowling. Jeweils einmal pro Woche wird trainiert. Gerade beim Badminton „ist man viel in Bewegung und es macht Spaß in einem Team, in so einer Truppe“, sagt sie.

Dabei habe sie auch ihren Doppel-Partner, einen Mann, kennengelernt. Bei ihrem gemeinsamen Wettkampf habe sie ihm erst einmal erklären müssen, wie sie sich das so auf dem Spielfeld vorstellt. Das habe ziemlich schnell gut funktioniert. Aber: „Wenn wir bei den Weltspielen sind, hauen wir noch einen Klecks drauf und dann klappt das“, habe sie ihm gesagt. „Er fand das ganz schön streng. Ich habe aber gesagt, dass wir doch was erreichen wollen. Zum Ausruhen kann ich auch Urlaub nehmen.“ Ehrgeiz und Wille sind zwei treue Begleiter in ihrem Leben.

Nicht nur auf dem Fußballrasen oder Badmintonfeld, sondern auch im Privatleben, in welchem Silvia Dill schon viel erleben musste. Den bereits beschriebenen Unfall oder den Griff zum Alkohol, als Reaktion auf körperliche Gewalt von ihrem früheren Partner. Von dem habe sie sich trennen können und auch dem Alkohol konnte sie entfliehen, als es zu viel wurde. „Es ist schwierig, sich einzugestehen, dass man Probleme mit dem Alkohol hat. Da musste ich aber irgendwann was tun – habe eine Entgiftung gemacht, bin zur Langzeittherapie gegangen“, erzählt die 58-Jährige, deren einziges Laster jetzt das Rauchen ist. Die Schläge ihres damaligen Partners und die Flucht in den Alkohol sind Themen, die sie heute in Gesprächen in ihrer Funktion als Frauenbeauftragte immer wieder hört. Von ihren Erfahrungen können nun andere Frauen profitieren.

In den Tagen der Weltspiele in ihrer Heimatstadt Berlin aber gilt der Fokus dem Sport. Dafür hat sie extra den Umfang des eigenen Trainings erhöht, geht jetzt fast jeden Morgen vor der Arbeit laufen. Aus den anfänglichen zehn sind mittlerweile 30 Minuten geworden, manchmal ist sie sogar 45 Minuten unterwegs. Dadurch sei sie fit für den Arbeitstag, in dem sie elektronische Geräte demontiert, aber auch mal bei Beräumungen, bei denen aus verschiedenen Betrieben Elektro-Geräte abgeholt werden, dabei ist. „Das ist für mich wie ein zusätzliches Training und macht auch Spaß.“

Mit 50 Jahren hatte sie für den Job extra noch einen Abschluss als Facharbeiter gemacht und auch damit ihren Willen und Einsatz gezeigt. Sich selbst gegenüber sei sie in allen Lebenslangen knallhart – 101 Prozent gelten für Silvia Dill bei der Arbeit und im Sport. „Ausgeruht wird am Abend im Hotel. Wir vertreten schließlich Deutschland“, sagt sie. Allein diese Tatsache mache sie schon richtig stolz.

Den Druck vor den Spielen nur nicht zu hoch schrauben

Ganz vorne sieht sie sich im Duell mit Gegnerinnen, die gerade einmal 20 Jahre alt sind, ohnehin nicht. „Wenn ich 15. bin, ist das auch gut. Und alles, was besser ist, ist super“, so Dill. „Aber ich will den Druck nicht zu hoch schrauben und hinterher vielleicht enttäuscht sein. Ich gehe das ganz entspannt an, auch wenn ich total nervös sein werde.“

Am Mittwoch geht es in das Athletenhotel, wenn sie an die Eröffnungsfeier denkt, bekommt sie Gänsehaut. „Das sind meine ersten Weltspiele, das ist wie Schulanfang oder der erste Freund. Ich bin megaaufgeregt, freue mich auf die Menschen, die verschiedenen Nationalitäten, verschiedensten Charaktere und am meisten darauf, auf dem Feld zu stehen und zu schwitzen. Auch wenn ich jede Zigarette verfluchen werde. Ich werde mein Bestes geben. Was ich mir in den Kopf setze, klappt auch“, sagt Silvia Dill. Man glaubt es der Frau mit der funkelnden Kopfbedeckung sofort.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema