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Kolumne

Warum leben wir eigentlich in Berlin, wenn uns die Stadt so fertigmacht?

Die Stadt ist unser Gegner, der Weg zur Arbeit ein täglicher Kampf. An der Kaffeemaschine im Büro geht es weiter. In diesen Tagen frage ich mich, warum ich mir das antue.

3 Min
Berlin-Kreuzberg entschleunigt: Sie wenig Verkehr ist nur in der Ferienzeit.

Berlin-Kreuzberg entschleunigt: Sie wenig Verkehr ist nur in der Ferienzeit.

© Imago

Als ich heute früh den Kottbusser Damm auf der Neuköllner Seite hochfuhr, erwischte es mich mit Macht: Kaum Autos waren unterwegs, überall gab es freie Parkplätze. Vor dem Carik Café war ein einziger Tisch besetzt, dasselbe Bild bot sich ein paar Meter weiter vor dem Frühstückslokal La Femme. Ich atmete durch. Das Tempo der Sinfonie der Großstadt ist normalerweise schnell bis sehr schnell, aber in diesen Tagen spielt Berlin adagio. 

Okay, aus der Kreuzberger Böckhstraße rasten dann zwei Polizeiautos mit Blaulicht heran, aber eigentlich verstärkten sie den Eindruck der Entspannung nur, weil der Kontrast so deutlich wurde. An der Ampelkreuzung Adalbert-/Oranienstraße schaffe ich nie die Grünphase, denn hier parken Autos in zweiter Reihe und versperren mir den Weg. Nicht so in diesen Ferientagen, ich fahre ungehindert durch.

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Der Höhepunkt meines Arbeitsweges ereignete sich an der Kreuzung Adalbertstraße/Engeldamm. Ein von rechts kommender Lkw-Fahrer ließ mir die Vorfahrt. Ich hob die Hand zum Dank und war gerührt. Ich schwöre, dass mir das noch nie passiert ist. Oder fast nie. Die Entschleunigung scheint die Menschen höflicher zu machen.

Voll ist es nur in den Regionalbahnen, mit denen man raus aus Berlin kommt

Im Büro ging es weiter. Nach der Morgenbesprechung bilden sich normalerweise lange Schlangen an der Kaffeemaschine, und man muss zuschauen, wie sich Kollegen ausgefallene Mischungen zubereiten: Erst kommt ein Espresso, dann ein wenig Hafermilch, dann eine Schaumhaube aus Kuhmilch. Dieser Knopf wird gedrückt, dann jener. Man versucht, nach außen gute Miene zu machen, während man drinnen kocht. Heute war ich in null Komma nix dran. Und im Großraum freie Schreibtische en masse. Links neben mir sitzt einfach niemand.

Von Freunden höre ich Ähnliches, alle sind begeistert. Voll ist es eigentlich nur noch in den Regionalbahnen, mit denen man am Wochenende raus aus Berlin kommt. Die Stadt ist unser Gegner. Warum leben wir eigentlich hier, wenn uns das Großstadtleben, wie es wirklich ist, so fertigmacht?

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