Bevor wir hier allen die Laune verderben mit diesen penetranten Klagen darüber, wie schlecht doch wieder einmal der Berlinale-Wettbewerb war, wenden wir uns lieber schönen Erinnerungen zu. Nämlich Bildern und Sätzen, die hängengeblieben sind in diesen Festivaltagen, die sich eingebrannt haben – was nicht immer einen hochkünstlerischen Grund hat. Da ist etwa der präpotente Anwalt aus „No Man’s Land“, der mitten in der chinesischen Wüste – sein Auto ist Schrott – ein lässig herumstehendes Pferd besteigt, aber das GPS mitnimmt. Cowboy, digital! Ein wieder anderer Mann fragt sich im selben Film eher rhetorisch „Wie viele Idioten treffe ich denn heute noch!“, während er geschlagen am Boden liegt – er könnte glatt ein Berliner sein!
Schön ist auch dieser paradoxe Satz aus dem seltsam misslungenen Film „Praia do Futuro“: „Alles wird gut, wenn die Zukunft kommt!“ Und umwerfend jene Szene aus „Die geliebten Schwestern“ von Dominik Graf, in der Charlotte und Caroline von Lengefeld rechts beziehungsweise links am Krankenbett des Dichters Friedrich Schiller sitzen, dessen Geliebte sie sind: Zwei schwarze Schatten im Gegenlicht, kaum voneinander unterscheidbar. Für solche Bilder liebt man das Kino. Und der Berlinale-Wettbewerb 2014 war übrigens keinesfalls schlecht. Anke Westphal
Am besten im Kino bleiben
Morgens Mongolei, mittags München, abends Afghanistan: Beim Betrachten der Berlinale-Filme reist man in rasender Geschwindigkeit rund um die Welt. Von der realen Welt kriegt man während der Festivaltage hingegen nicht mehr viel mit; wer von morgens um acht bis nachts um zwei zwischen Filmen, Pressekonferenzen und Partys hin und her hetzt, hat dazu schlicht keine Zeit. Erst gegen Ende beginnt man sich langsam wieder in die Nachrichtenlage einzuarbeiten: Ach, die Olympischen Spiele. Haben die schon angefangen? Echt? Wo waren die noch mal?
Und offenbar haben die Menschen da draußen sich seit Tagen den Kopf über das homophobe Gesabber eines Ex-Kulturchefs zerbrochen und darüber, was das für den zivilisatorischen Konsens bedeutet – während man selber noch glücklich die polymorph perversen Drag-Filme Jack Smiths genoss und bei der Verleihung der Teddy Awards mit den schönsten Menschen der Stadt tanzen ging. Da wünscht man, man bräuchte das Kino und die kleine Welt drumherum nie zu verlassen. Jens Balzer
Bewegende Begegnung
Vor der Leinwand des Kinos International stehen am vergangenen Sonntag zwei Frauen und umarmen einander. Die eine ist Vanessa Lapa, eine israelische Filmemacherin. Sie hat hier gerade ihren Film „Der Anständige“ gezeigt, in dem sie das Privatarchiv Heinrich Himmlers, dem „Reichsführer SS“, verarbeitet. Sieben Jahre hat sie an dem Film gearbeitet, an diesem Berlinale-Abend ist seine Weltpremiere. Im Abspann sind die Namen ihrer vier Großeltern erwähnt. Sie sind Überlebende des Holocaust.
Die andere Frau dort vor der Leinwand ist Katrin Himmler. Sie ist die Großnichte des Massenmörders Heinrich Himmler, dem auch die Konzentrationslager unterstanden. Auch sie hat sich mit dem Archiv ihres Großonkels, mit der Geschichte ihrer Familie beschäftigt. Vanessa Lapa aus Tel Aviv und Katrin Himmler aus Berlin kennen einander. Und jetzt stehen die beiden da, und ihre Bewegung ist so groß, dass sie weinen müssen und einander viel länger in den Armen liegen, als es bei so einer Gelegenheit üblich ist. Susanne Lenz
Beeindruckende Kamerafahrt
Der chinesische Film noir „Black Coal, Thin Ice“ ist einfach großartig. Der zärtliche wie grobe, vertrackte, bildgewaltige Film enthält viele wunderbare Einzelszenen. Die für mich wunderbarste Sequenz kommt früh im Film: Der Polizist Zhang (Liao Fan) wird von einem Kollegen aus dem Krankenhaus abgeholt, man redet im Auto und fährt dann in einen Tunnel hinein. Am anderen Ende ist es plötzlich Abend und Winter; in der verschneiten Ausfahrt ist ein großes Motorrad abgestellt, und am Rand lehnt jemand.
In einer langsamen Kamerafahrt geht es erst an diesem sich anlehnenden Mann vorbei, dann in einer Kurve zurück. Ein Mopedfahrer hält an, steigt ab und fragt, ob er helfen könne. Dann sieht man, dass da Zhang liegt, nur eben Jahre später, er ist heruntergekommen und völlig versoffen. Der Helfer soll gefälligst abhauen, raunzt Zhang. Was der dann auch tut. Leicht genervt wendet er sich von Zhang ab und fährt weg. Auf Zhangs Motorrad. Nur der Betrunkene und ein sehr klappriges Moped bleiben zurück. Thomas Klein
Farben, Raum und skurrile Charaktere
Es ist angesichts des realen Elends dieser Welt, das in zahlreichen Filmen auch dieser Berlinale seinen Widerhall findet, fraglos larmoyant, über die eigene Verfassung beim Filme-Schauen zu jammern. Aber nachdem wir im Vorfeld dieser Festspiele filmisch mit misshandelten Kindern, sterbenden Landschaften, schlimmen Arbeitsbedingungen, kriegerischen Konflikten und scheiternden Lebensentwürfen jedweder Art konfrontiert waren, hatte sich vor jedem neuen Gang ins Kino eine gewisse Angst ausgebreitet.
Welches fahlfarbene Unglück würde uns heute erwarten? Vor diesem Hintergrund ist der Glücksmoment kaum zu beschreiben, als sich der Vorhang zu „The Grand Budapest Hotel“ öffnet. Diese Farben! Dieser filmische Raum! Diese versponnene Welt voller skurriler Charaktere! Diese Schaulust, mit der das Auge nimmermüde im Detailreichtum schwelgt! Herrlich! Danke, Wes Anderson. Katja Lüthge
Allgegenwärtige Globalisierung
Natürlich ist die Berlinale ein Teil der Globalisierung – mit allen Vorzügen und Problemen. Wie macht man einem nicht japanisch sprechenden Publikum klar, dass der hässliche Zausel, der in dem Film „Chisai Ouchi“ das bezaubernde Dienstmädchen heiraten will, einen schauderhaften Dialekt spricht? Na klar, wofür gibt es Untertitel? Da lese ich „Guader Dee“. Aber was ist das? Ach, so. Es schmeckt dem fiesen Kerl, was er da in der Tasse hat. Bis ich das verstanden habe, ist der Film längst weiter, und das Dienstmädchen weint bereits bitterlich. Macht nichts, wird sie getröstet. Sie könne ja auch noch mit einem anderen ville Kinda kriagn. Harald Jähner
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de