Schrottplätze gehören zu den letzten Männer-Revieren. Vereinzelt taucht einmal eine Frau oder gar ein Kind auf. Scheu stehen sie am Rand. Sie suchen hier nichts. Anders die Männer. Für sie sind die Autowracks wie Pilzgründe. Überall entdecken sie Brauch- oder Verkaufbares. Mit ihren Schraubenziehern bauen sie Zylinderköpfe und Stoßdämpfer aus, schleppen ganze Motoren weg. Besonders beliebt sind deutsche Autos. Wenngleich so ein Mercedes seine Teile ungern herzgibt. Einer der Männer hat es schließlich geschafft und zeigt seine Beute triumphierend her.
Die Regisseurin Nadège Trebal muss den richtigen Ton im Umgang mit diesen Männern getroffen haben. Sie sieht ihnen beim Arbeiten zu, folgt ihnen in höflichem Abstand mit der Kamera. Selten blickt sie direkt in die verwitterten Gesichter. Sie zeigt die Männer in ihren Bewegungen und hört ihnen zu. Weil sie sich wohl fühlen in einer Umgebung, die nichts von ihnen erwartet, reden sie: Ein Afrikaner schildert seinen Weg nach Europa. Wie das marode, überfüllte Boot in Seenot geriet, wie er mit seinem Leben abschloss und doch gerettet wurde. Nebenbei baut er eine Motorhaube aus, scherzt mit einem Kumpel. Ein anderer schwärmt immerzu von seiner schönen Tochter, auf dem Schrottplatz, weit weg von der Familie, spürt er sein Vatersein.
Trebal hat ihren Film fast ganz entfärbt – die milchige Wintersonne lässt den Schrottplatz fahl schimmern. In ihren grauen, braunen Jacken verschmelzen die Männer mit den Wracks. Sie steigen in sie hinein, kriechen darunter. Es ist ihre Materie, mit ihr sind sie vertraut. Porträtiert von ihr wird der Schrottplatz zu einem fast poetischen Niemandsland. Hier kann sich vieles ereignen,weil der Ort von keinerlei Vorstellungen überfrachtet ist.
Der Schrottplatz: Männer-Revier und Lebensmetapher.
© berlinale Lizenz
Über dem vertrauensseligen Reden der Männer gerät fast in Vergessenheit, dass der Schrottplatz auch eine Metapher für ihr Leben ist. Sie müssen zusehen, was sie aus den Resten, die ihnen die Anderen übriglassen, davon tragen können. Sie sammeln, was auf den Feldern übrigbleibt – wie es vor Jahren Agnès Varda in ihrem wunderbaren Film „Der Sammler und die Sammlerin“ gezeigt hat. Nadège Trebal steht in dieser Tradition des genauen, zärtlichen Blicks. Solche Filme sind nicht „klein“, sie sind Glücksfälle.
Casse. Scrap Yard 13. 2. 14 Delphi Filmpalast; 14. 2., 19.30 CineStar 8.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de