Nicht Cavalry (also Kavallerie) wie offensichtlich viele Menschen lesen würden, heiße der Film, sagt der großartige irische Schauspieler Brendan Gleeson bei dessen Vorstellung, sondern Calvary (Golgotha): der Ort der Kreuzigung Jesu. Dieser Fehler mag mindestens zwei Gründe haben. Zum Einen ist die Religion in unserem Alltag wenig präsent. Zum Anderen hat Brendan Gleeson ja durchaus etwas von einer Ein-Mann-Kavallerie. Hier spielt er einen Soldaten im Namen Jesu − eigentlich ist seine Figur, der irische Landpfarrer Lavelle, trotz aller verbalen Schärfe ein sanftmütiger und gutherziger Mann Gottes. Genau das wird ihm zum Verhängnis werden. In der langen Eingangsszene sehen wir Lavelle im Beichtstuhl sitzen, sein bärtiges und sorgenvolles Gesicht in leinwandfüllender Größe. Es sind kaum Regungen zu merken, dabei geschieht gerade Ungeheuerliches. Ein Mitglied der Gemeinde möchte sich für den erlittenen sexuellen Missbrauch durch einen Geistlichen rächen und hat sich dafür bedacht einen untadeligen Priester ausgesucht. Eine Woche gibt er Lavelle Zeit, sein Leben in Ordnung zu bringen und sich zu verabschieden, dann, am nächsten Sonntag würde er ihn umbringen.
Da er sich an das Beichtgeheimnis gebunden fühlt, macht Lavelle sich selbst auf die Suche nach dem abtrünnigen Schaf. Je länger er sucht, desto klarer wird: Zynismus, Gier, Verbitterung und Hass bilden den Untergrund, auf dem die von außen betrachtet idyllische Gemeinde fußt. Wahrer Glaube ist jedenfalls nicht mehr zu finden, das potenziell Böse allgegenwärtig. Allein in einem alten Mann, der bald sterben wird, und seiner in London lebenden Tochter, die gerade einen Selbstmordversuch überlebt hat, findet Lavelle Hoffnung, ohne jemals gegen sein Schicksal aufzubegehren. Er will an das Gute glauben, auch noch, als das Gotteshaus symbolträchtig in Flammen aufgeht.
Mit „The Guard“ landete der Regisseur John Michael McDonagh 2011 im Berlinale-Panorama einen Hit. In der schwarzen Komödie war Brendan Gleeson als knorriger Dorfpolizist zu sehen, der sich die Welt nach seinen eigenen Moralvorstellungen erschafft.
Die amüsanten, wenig zimperlichen Dialoge, die vielen skurrilen Typen mit unterschiedlichen Defiziten und Abgründen und diese verlässliche Nichtkorrumpierbarkeit eines schrägen sympathischen Charakters kennzeichnen auch „Calgary“, der aber ungleich düsterer daherkommt. Und das ist nicht im Kern dem Thema sexueller Missbrauch von Kindern durch katholische Geistliche geschuldet, der hier zwar mit drastischen Schilderungen die Geschichte in Gang setzt, aber im Weiteren nicht handlungsvorantreibend ist. Er wolle Rache für die erlittenen Qualen, und nicht lernen, damit zurechtzukommen, hatte das Opfer sexueller Gewalt und potenzielle Mörder zu Beginn im Beichtstuhl gesagt. Und hier findet der Film seine Thema. Unter welchen Bedingungen kann es möglich sein zu vergeben? Welche Größe dazu gehört, zeigt das Ende des Films.
Calvary 14.2.: 21.30 Uhr, Zoo Palast 1; 16.2.: 20 Uhr, International
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