Wer ist Herr, wer ist Knecht? Wer befiehlt, wer dient? In zwei griechischen Filmen steht die Frage nach Unterwerfung und Dominanz im Mittelpunkt − ein klassisches Thema. So ist es sicher kein Zufall, wenn die Hauptfigur in „Na Kathese Ke Na Kitas“ (Standing Aside, Watching) Antigone heißt. Auch wenn der Regisseur Yorgos Servatos ausgiebig Western-Zitate in seine Geschichte einflicht: Er entwirft mit seinem Film ganz nebenbei auch eine höchst moderne Cover-Version von Sophokles’ Tragödie „Antigone“. Die Frau, die diesen gewaltigen Namen trägt, ist nicht mehr ganz jung, geboren zu Anfang der 1980er Jahre, wie sie sich in einem Monolog selbst einführt. Damals, als die Verhältnisse „ruhig und stabil“ erschienen. Nach sieben Jahren Abwesenheit kehrt sie in die Kleinstadt ihrer Jugend zurück. Am Bahnhof sitzt ein Mann mit schwarzem Hut – eine Mischung aus blindem Seher und ausrangiertem Sheriff – der ihr gleich sagt, dass hier eigentlich keiner aus dem Zug steige.
Unheil dräut. Schon der bleierne Winterhimmel deutet darauf hin. Antigone (Marina Symeov) findet eine verwüstete Restgesellschaft vor. Es herrschen Gesetzlosigkeit und Gewalt, die Krise hat gewütet wie ein Krieg. Der Ort wird vom skrupellosen Schrotthändler Nondas (Nikos Georgakis) in Schach gehalten. Antigone fordert ihn heraus, indem sie seine korrupten Machenschaften und seine brutalen Übergriffe gegenüber ihrer Freundin Eleni aufdeckt. Ähnlich wie bei Sophokles prallen Machokultur und weibliche Rebellion aufeinander. Eleni verkörpert die Angepasste – gleich Antigones Schwester Ismene – in Nondas kann man einen heruntergekommenen König Kreon ahnen.
Servatos nimmt sich viel Zeit, die Lethargie des Orts und seiner Bewohner in langen Einstellungen zu erzählen. Ihr Trinken, ihre Freudlosigkeit, selbst beim Tanzen, ihre verrohte Sexualität. Die Haltung, die der Film im Titel trägt − Danebenstehen, Zusehen − wird am Ende vom Seher-Sheriff als Überlebensstrategie angepriesen. Aber da hat sich Antigone schon entschlossen, dem Treiben des Tyrannen ein Ende zu setzen.
Auch der Film „Sto Spiti“ (At Home) handelt von den Erosionen menschlicher Beziehungen durch die Wirtschaftskrise. Von bisher verschleierten Machtverhältnissen, die sich dadurch erst offenbaren. Der Regisseur Athanasios Karanikolas hatte schon lange vor dem Zusammenbruch beobachtet, wie reiche griechische Familien Einwanderer aus Albanien als Hausangestellte ausbeuten, indem sie ihnen die Illusion geben, sie gehörten zur Familie.
So wie Nadja, eine Frau mittleren Alters, die seit fast zwanzig Jahren für ein wohlhabendes, lifestylebewusstes Paar und dessen Tochter arbeitet. Zu Beginn sieht man Nadja im schlicht-eleganten Kleid auf einem Pferdehof. Sie könnte die „Dame des Hauses“ sein, aber sie ist nur das Mädchen für alles. Sie putzt, kocht, kauft ein, umsorgt die einzige Tochter, der sie innig zugetan ist. Aber dann hat sie Taubheitsgefühle in den Beinen. Die Diagnose ist niederschmetternd: Multiple Sklerose. Sie ist nicht einmal krankenversichert. Der Patron zahlt bar bei einem Ärztefreund. Damit hat die Fürsorge von Seiten ihres Arbeitgebers aber ein Ende. Der Mann sagt zu seiner Frau: „Ich kann in diesem Haus keine Kranke um mich haben“. Das Paar entlässt Nadja, die eines Abends zurückkehrt um zu sehen, durch wen sie ersetzt wurde. Unendlich scheint ihre Duldsamkeit, nur ihr Freund fordert sie auf, sich endlich gegen „diese Leute“ zur Wehr zu setzen.
„Sto Spiti“ ist ein herausragender Film. Visuell durchkomponiert, spannungsgeladen und genau. Das Haus der Familie – ein puristischer Kubus mit riesigen Panoramafenstern − thront über der Ägäis. Man fühlt sich außerhalb der ohnehin zerfallenen Ordnung, bringt Geld in „Sicherheit“, schränkt sich hier und da ein, etwa durch den Verkauf des Reitpferds. Karanikolas schuf ein eindringliches, aber keineswegs demagogisches Porträt jener Schicht, der die Erschütterungen außerhalb ihrer Refugien kaum einen Kratzer zufügen.
Na Kathese Ke Na Kitas 14.2.: 22.30 Cinemax 7,; 15.2.: 20.15 Cinestar 3; 16.2.: 22.30 Cubix 7 + 8
Sto Spiti 16.2.: 18.45 Delphi
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