Berlinale-Wettbewerb

„Ghost Town Anthology“ porträtiert das triste Leben auf dem Land

Regisseur Denis Coté thematisiert die Landflucht in Kanada.

Thomas Klein
3 Min

Der Film „Ghost Town Anthology“ erhält von unserem Filmkritiker zwei von fünf Sternen. ★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

+++

Winter in Quebec. Entsättigt sind die Bilder einer ohnehin schon trostlosen Landschaft: Verschneite Felder und kahle Bäume umgeben das Dorf Irénée-les-Neiges, leere Bauernhöfe, verlassene Häuser. Nur 215 Menschen leben hier noch. Man kennt sich, jeder Verlust wiegt doppelt und dreifach: Der Unfall des jungen Simon, was niemand einen Suizid nennen will, traumatisiert die Gemeinde, die Totenrede der Bürgermeisterin (Diane Lavallée) klingt fast wie eine Heiligsprechung.

Denis Coté verbindet Alltägliches mit Übersinnlichem

Man hält viel auf den dörflichen Zusammenhalt, weist jede Hilfe von außen zurück. Die Bezirksverwaltung schickt eine junge Frau für die seelsorgerische Betreuung, doch die Bürgermeisterin weist sie barsch zurück. Dabei können die Dörfler jede Unterstützung gebrauchen. Denn immer mehr Leute sehen den Verstorbenen. Es rumpelt in leeren Zimmern. Gestalten tauchen auf, auf dem Feld, auf der Straße.

Verstört: Jimmy Dubé (Robert Naylor), der Bruder des Toten.

Verstört: Jimmy Dubé (Robert Naylor), der Bruder des Toten.

© Screengrab

Denis Côté war vor drei Jahren mit „Boris Sans Béatrice“ im Berlinale-Wettbewerb, damals balancierte der Regisseur mit seiner Geschichte seelische Last und mythische Bedeutung. Auch in „Répertoire des villes disparues“ („Ghost Town Anthology“) versucht er das Alltägliche mit etwas Übersinnlichem in Verbindung zu bringen. Côté macht sie greifbar, die vage Sinnlosigkeit eines Landlebens in einem Dorf, in dem Menschen nur noch aus Gewohnheit leben. In Vignetten skizziert er den Schock und die Trauer, aber auch die bleierne Leere, die in Irénée-les-Neiges herrscht. Simons kleiner Bruder Jimmy (Robert Naylor) fordert ein Zeichen, ein Signal von dem Toten, sein Vater (Jean-Michel Anctil) fährt einfach irgendwann los, irgendwohin durch das menschenleere Hinterland.

„Répertoire des villes disparues“ wird zu Akte X

Man will sich auf Côtés Blick einlassen und auf die Erscheinungen, von denen die Lebenden verfolgt, heimgesucht, geplagt werden: Trauer und Tristesse können viele Formen haben. Doch dann wird aus dem spröden Drama über Landflucht und emotionale Verkümmerung doch eine Art Autorenfilm-„Akte X“.

Bei einer Versammlung, auf der die traumatisierte Gemeinde zusammenkommt, erklären der Mann von der Bezirksverwaltung und die von ihm geschickte Betreuerin, die „Gestalten“, die man sähe, seien tatsächlich keine Einbildung. Nein, überall in Quebec, jenseits der großen Städte, würde es dieses Phänomen geben: Die Toten kehren zurück an die Orte ihres Lebens, regungs- und wortlos, die sind wirklich da.

Und plötzlich wirkt „Répertoire des villes disparues“ nicht mehr ambitioniert und psychologisch, sondern wie eine nur halb durchdachte Genre-Spielerei. Fünf Meter über dem winterlichen Acker schwebt die zu Lebzeiten so labile und schreckhafte Adèle (Larissa Corriveau), zufrieden sieht sie aus – aber ein Kichern lässt sich beim Zuschauen nicht ganz unterdrücken.

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