Ein Leichenteil reist durch den Industriekreislauf. Vom Güterzug auf die Schütte, von der Schütte in den Laster, vom Laster aufs Förderband, und hier fällt dann einem Arbeiter auf, dass zwischen den Kohlen eine Hand liegt. Wessen Hand? Irritierend wird zwischen die Transportstationen der letzte Sex eines Mannes mit seiner geschiedenen Frau geschnitten, der Blick fällt auf ihre Hände, die sich in verzweifelter Lust verkrampfen.
Aber der Zusammenhang, den der Zuschauer herstellt, ist falsch. Kurz darauf sehen wir den geschiedenen Mann – er ist Kriminalpolizist – einer Frau in einer kleinen Wäscherei die Nachricht überbringen, dass ihr Mann gestorben sei, denn neben der abgetrennten Hand lag sein Ausweis. Die junge Frau hat im Weinen die Hände vor das Gesicht geschlagen, und es wird noch lange dauern, im Film fünf Jahre, bis wir ihr Gesicht zu sehen bekommen.
„Black Coal, Thin Ice“ („Bai Ri Yan Huo“) ist ein chinesischer Film noir. Autor und Regisseur Diao Yinan hat sich mit Filmen wie „Die Spur des Falken“ oder „Im Zeichen des Bösen“ befasst, als er seinen Wettbewerbsbeitrag vorbereitete. Die Verwandtschaft ist unübersehbar: Zhang, der geschiedene Polizist, wird nach einer Verwundung im Dienst entlassen und fristet als Wachschutz einer Fabrik ein nur mit Trunkenheit zu ertragendes Dasein. Als er seinen alten Kollegen beim Ermitteln wiedertrifft, gibt ihm das neue Energie: Schon wieder sind Leichenteile aufgetaucht, diesmal in der Nudelsuppe eines Imbissstands, und die Spuren weisen wieder auf den Umkreis der Wäscherin. Die ist nun ein Paradebeispiel undurchdringlicher Schönheit, erst kalt, dann verzweifelt, schließlich tief in die Sache verstrickt, genau die Mischung, die einen Sam Spade oder Philip Marlowe anzog und nun Zhang anzieht, der mit ihr Schlittschuh läuft und sie schließlich überführt.
Zentral in „Black Coal, Thin Ice“ ist schließlich die Stadt – auch weil der Film hier die Unterschiede zur Schwarzen Serie zeigen. Yinan hat seinen Film in einer nordchinesischen Kleinstadt gedreht – was auch immer „klein“ in China bedeutet: Eine U-Bahn gibt es hier jedenfalls auch. Diese namenlose Stadt, virtuos und sinnlich eingefangen von Dong Jinsong, zerfällt in unverbundene Quartiere, in Industrieviertel, Suppenküchen, Tanzparkette, dort eine alte Ecke, die von der Hochstraße überbaut wurde, hier Amüsierflächen, auf denen sich keiner amüsiert. Schneematsch schafft zusätzlich Tristesse, die Dunkelheit ist von freudlos bunten Lampen erhellt. Das ergibt einerseits ein klassisches Noir-Labyrinth, andererseits aber auch überaus sinnliche Eindrücke von einem gesellschaftlichen Nirgendwo, das ganz anders geartet ist als Marc Augés „Nicht-Orte“, an denen europäische Filmemacher die Verheerungen unserer Fetische Mobilität und Konsum ins Bild setzen. Hier sieht man den Fortschritt in verschiedenen Geschwindigkeiten sich durch die Straßen fressen und alte Hässlichkeit mit neuer Hässlichkeit überbieten. Und man spürt allenthalben noch die Gewohnheiten einer Diktatur, am eindrucksvollsten dort, wo die Menschen in ihrer Freizeit sind: In angestrengt verruchter, roter Beleuchtung wird zu spießiger chinesischer Popmusik spießig getanzt. Oder man fährt artig in Reih und Glied Schlittschuh, ein quäkender Lautsprecher spielt dazu einen Walzer.
Der neue Reichtum des Landes kommt hier höchstens in Gestalt eines Verkehrsvorhabens an: Da gräbt dann irgendeine zentrale Behörde einen Tunnel mit allen modernen Schikanen in die Stadt, der aber nirgends hinführt und auch kaum befahren ist. In einer Szene torkelt die Kamera in den seltsamsten Schlangenbewegungen die verschneite Rampe hinauf, bis man merkt: Das ist der Weg eines Mopedfahrers, der auf dem ungeräumten Straßenbelag nicht vorankommt – und sich dann das Motorrad von Zhang klaut, der betrunken und gestürzt am Straßenrand liegt.
Das ist übrigens eine der vielen Episoden dieses Films, die seltsam funktionslos bleiben; weder wird in ihr die Handlung vorangetrieben, noch erzählt sie etwas über die Figuren. Vielleicht erschließt sich dem europäischen Betrachter nicht, was solche Szenen mit der Realität im modernen China zu tun haben. Vielleicht dienen sie auch nur dazu, den Ermittlungsplot mit seinen doppelten Böden noch weiter in traumentrückte Schleifen zu entrücken und die dokumentarische Realität der Bilder zu brechen. Wie schon die Eingangsmontage von Sex und reisendem Leichenteil zeigte, ist hier dem gewohnten Blick nicht zu trauen.
Natürlich, Zhang verliebt sich in die Wäscherin, gegen alle Warnungen seines ehemaligen Kollegen, dass alle, die sich um sie bemühen, ermordet werden. Am Ende muss Zhang erkennen, dass die junge Frau in die Morde in ihrem Umfeld tief verwickelt ist. Tote sind gar nicht tot, sondern nur abgetaucht und verfolgen die Lebenden mit Eifersucht.
Erzählt wird das alles recht kühl, in schroffen und raffiniert kalkulierten Tempo- und Tonlagenwechseln. In ihrer abstrakten Intelligenz bleibt die Geschichte allerdings hinter der visuellen Kraft des Films zurück; „Black Coal, Thin Ice“ ist ein hochinteressanter Film jenseits chinesischer Genres – sich für ihn zu erwärmen, ist nicht leicht.
Black Coal, Thin Ice (Bai Ri Yan Huo): 13.2.: 9.30 Uhr sowie 18 Uhr, Friedrichstadt-Palast.
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