Berlinale Wettbewerb

Dieser Krimi verliert sich in lauter falschen Fährten

Benoit Jacquots Melodram "Eva" mit Isabelle Huppert kann nicht überzeugen.

Gerhard Midding
3 Min
Gaspard Ulliel als Erfolgsautor ohne Talent und Isabelle Huppert als Edelprostituierte

Gaspard Ulliel als Erfolgsautor ohne Talent und Isabelle Huppert als Edelprostituierte

© MACASSAR PRODUCTIONS

Die Hochstapelei ist eine tückische Prämisse für einen Film. Als Überrumpelung der Verhältnisse besitzt sie romantisches Potenzial: Sie eröffnet Möglichkeiten. Ihren Urheber jedoch bringt die Anmaßung einer falschen Identität meist in Verlegenheit: Er ist eine Leerstelle, die sich schwer füllen lässt.

Nach „Transit“ ist „Eva“ der zweite Wettbewerbsbeitrag dieses Sonnabends, in dem ein entwendetes Manuskript als Passierschein in ein neues Leben dienen soll. Nach dem Tod eines siechen Schriftstellers stiehlt sein Pfleger Bertrand (Gaspard Ulliel) dessen letztes, unveröffentlichtes Theaterstück. Die Komödie feiert in Paris riesigen Erfolg, der sich sodann auf der Tournee durch die Provinz wiederholen soll.

Derweil wartet sein Verleger ungeduldig auf Bertrands zweites Stück. Er flieht in das Chalet der Familie seiner Freundin, wo er zwei ungebetene Gäste überrascht, die Prostituierte Eva (Isabelle Huppert) und einen ihrer Freier. Bertrand ist fasziniert von der undurchsichtigen Frau. Es scheint, als würde er ihr verfallen. 

Eine Reflexion über Kreativität und Ironie

Nun gibt es kaum ein folgenlose vergeblicheres Vorhaben, als eine Hure verführen zu wollen. Aber Bertrand nutzt ihre heimlichen Treffen zugleich als Inspirationsquelle. Der Erfolgsautor ohne Begabung stiehlt nun der Wirklichkeit die Ideen. Irgendwo steckt darin auch eine Reflexion über Kreativität und Ironie, aber Benoit Jacquot und sein Drehbuchautor Gilles Taurand verlieren diesen Aspekt rasch aus dem Blick.

Die Filme des Regisseurs kreisen stets um einen Tauschhandel der Gefühle. Mithin sollte er sich mit der Adaption des Romans von James Hadley Chase auf vertrautem Terrain bewegen. Allerdings hat er seinen Hauptdarstellern vorenthalten, dass sich  in ihren Arrangement auch erotische Spannung entwickeln müsste.

Huppert, ohnehin eine Spezialistin für den Vorbehalt in der Liebe, amüsiert sich leidlich über dies kurios ausgeschlagene Lodern. Aber Ulliels Spiel mag gar nicht erst die große, verzehrende Leidenschaft behaupten; Bertrand ist eine fatal uneigentliche Figur. Der Selbsthass und die Verletzbarkeit des ruppigen Stanley Baker waren in Joseph Loseys Erstverfilmung weit überzeugender.

Der Regisseur sabotiert seinen eigenen Plan

Jacquot versteht sich üblicherweise meisterhaft darauf, das Melodram auseinanderzunehmen und dann wieder neu zusammenzusetzen. Diesmal sabotiert er den eigenen erzählerischen Plan. Diese Autopsie einer Besessenheit verliert sich in falschen Spuren.

„Eva“ ist kein zerstreuter Film, aber ein fahriger. Er stellt lauter Fallen ohne Abgrund. Julien Hirschs Kamera übersetzt das Spiel der fragilen Identitäten zwar schlüssig in ein Labyrinth der Spiegelungen, sie arbeitet mit Unschärfen, aus denen die Figuren hervortreten oder in denen sie verschwinden; Reißschwenks akzentuieren das Hin und Her der Emotionen. Aber Dringlichkeit gewinnt dieser Tumult der Gefühle nie. Er fröstelt nur.  

Kritiker-Wertung: Der Film erhält zwei von fünf Sternen. ★★

★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema