Immer wieder versucht Sergei Dovlatov, seine Texte unterzubekommen. In den Vorzimmern des Schriftstellerverbandes steht er als Bittsteller herum. Er lässt sich halbherzige Ausreden einfallen, warum er nur so uns nicht anders schreiben kann. Als er sich dann doch einmal als Verfasser eines Gedichts zur Huldigung der Energiearbeiter versucht, kann er einen ironischen Unterton nicht unterdrücken.
Die Funktionäre nehmen ihm diesen Versuch der Anbiederung nicht ab, schicken ihn fort. Im Innenhof des Verbandsgebäudes liegen auf dem vereisten Boden zahllose Blätter Papier herum. Er entdeckt darunter die Texte seiner Freunde und auch die eigenen. Jungpioniere sollen die abgelehnten Manuskripte zur Sammelstelle für Altpapier bringen. Sergei Dovlatov ahnt, dass es um seine Zukunft als Dichter und Mensch in diesem Land düster bestellt ist. In den folgenden sechs Tagen wird sich dieser Eindruck verdichten.
Freundeskreis ist durchsetzt mit Spionen
Die Handlung führt nach Leningrad im Herbst 1971: Die Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution stehen vor der Tür, Schneefall und Nebel legen sich auf die Straßen. Der Wintereinbruch steht für die politische Eiszeit, die mit dem Machtantritt Breschnews ausgebrochen ist. Dovlatov bewegt sich in einem Kreis aus Malern, Literaten und Intellektuellen, die alle nicht mehr veröffentlichen, ausstellen oder auftreten dürfen.
Man trifft sich in Wohnungen, um dort Bilder an die Wände zu hängen und Gedichte vorzulesen. Es wird diskutiert, gesungen und viel getrunken. Am nächsten Morgen gehen die Demütigungen weiter und damit die Suche nach Überlebensstrategien. Dovlatov hält sich als Reporter für eine Betriebszeitung über Wasser, sein bester Freund Joseph Brodsky jobbt im Synchronstudio von Lenfilm.
Das ist kein lustiges Boheme-Leben, sondern ein Balancieren am Abgrund. Der Freundeskreis ist durchsetzt von Spitzeln, Opportunismus steht auf der Tagesordnung. Der KGB bestellt die abtrünnigen Jungkünstler gern ein, um ihnen schon mal die Instrumente zu zeigen. Viele von ihnen tragen im Ausweis den Vermerk jüdischer Herkunft, und sind schon deshalb stigmatisiert.
Mysteriöse Unfälle
Manche sterben an mysteriösen Unfällen oder einfach nur am Suff. Zuletzt bleibt als einziger Ausweg die Emigration. Glücklich jene, die dies geschafft haben – so wie Dovlatov und Brodsky, die noch ein paar Jahre im Westen verbringen konnten, bevor sie dort in der Fremde, fern vom geliebten Russland, im Alter von gerade einmal 49 und 56 Jahren verstarben.
Alexey German Jr. ist mit „Dovlatov“ ein dunkler, aber auch ein erhellender Film über den „Homo Sovieticus“ (Alexander Sinowjew) gelungen. Seine dicht aufgeschlossenen, entfärbten Bilder machen die Enge des Systems und die Verkrümmung der darin lebenden Menschen fast körperlich spürbar. Es handelt sich aber keineswegs nur um einen Rückblick. Die soziale Deformation und der damit verbundene Autoritätsglaube verweisen auch auf das heutige Russland.
"Dovlatov" ist erneut zu sehen am 25. 2. um 17.15 Uhr im Friedrichstadt-Palast
Kritiker-Wertung: Der Film erhält drei von fünf Sternen. ★★★
★ Totaler Flop
★★ Misslungen
★★★ Sehenswert
★★★★ Bären-Kandidat
★★★★★ Meisterwerk
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de