Silke Lambeck

Mit Geschichten der modernen Großstadtfamilie zum Jugendliteraturpreis?

Die Berlinerin freut sich über die Nominierung und möchte im Oktober auch gewinnen.

Barbara Weitzel
5 Min
Weiß, wie der Prenzlauer Berg funktioniert: Die Autorin Silke Lambeck ist für den Jugendliteraturpreis nominiert.

Weiß, wie der Prenzlauer Berg funktioniert: Die Autorin Silke Lambeck ist für den Jugendliteraturpreis nominiert.

© Silke Lambeck.

Der hier spricht, heißt Matti, geht in die fünfte Klasse und beginnt gerne Sätze mit „Mal ehrlich“. Erfunden hat ihn und alle Abenteuer, die er mit seinem besten Freund Otto erlebt, Silke Lambeck. Nicht jedoch den Satz ,Die Wonne meiner Kindheit war die Wiese’. Den, erzählt sie im Café des Literaturhauses, habe sie einem alten Schulheft entnommen.

In „Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich“ herrschen zwar keine alten Sitten mehr, es gibt aber sehr wohl Schulpersonal, das keine Kinder mag. „Ich frage mich, warum eine Frau Lehrerin wird, wegen der ein Kind mit dem Lächeln aufhört“ sagt Matti einmal über Frau Streiter, und die Sekretärin der Schule wirft Kindern einen „Was-willst-du-Insekt-hier-Blick“ zu, wenn sie den Raum betreten.


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Da will man lachen und weinen zugleich, wie so oft beim Vorlesen von Lambecks Büchern. Weil man so vieles wiedererkennt. Weil sie so genau hinsieht. Weil so viel Ernst und auch Schmerz in diesen so witzig und temporeich beschriebenen Kindheiten steckt.

Silke Lambeck hat Freude daran, mit den Klischees zu jonglieren

Lambeck selbst ist in West-Berlin aufgewachsen, sie wohnt in Dahlem. Dass die Bücher, der zweite Band mit dem Titel „Mein Freund Otto, das große Geheimnis und ich“ ist im Juni erschienen, im Prenzlauer Berg spielen, begründet die 54-Jährige mit dem speziellen und zugleich repräsentativen Charakter des Bezirks. „Dieser Stadtteil hat sich wohl am meisten verändert in den letzten 20 Jahren und dort trifft sich so vieles, was das neue Berlin ausmacht“ sagt Lambeck.

Außerdem könne man dort besonders gut Kinder in der Stadt groß werden sehen, „die das Gefühl haben, ein bisschen wenig Abenteuer zu erleben“. Sehr behütet wachsen Otto und Matti in der Tat auf – einerseits. Sie haben Yoga-, Klavier- und Kochstunden, lachen über die Helikopter-Eltern der Fynn-Momos und Lily-Tabeas auf dem Spielplatz und haben die Wahl zwischen Quitte-Lavendel-Eis und Chili-Erdbeere. Das Vergnügen, das es Lambeck bereitet, mit den Klischees zu jonglieren, kann man mitlesen. Aber immer auch das Andererseits.

Denn natürlich hat das großstädtische Familienleben mit allen seinen Ansprüchen auch eine Kehrseite. In dem Bemühen, Karriere, Selbstverwirklichung, Erziehung und Partnerschaft unter einen Hut zu kriegen, scheitern die Eltern in Lambecks Büchern nämlich genauso wie in der Realität. Sie trennen sich, reiben sich auf und handeln oft völlig an den Bedürfnissen der Kinder vorbei.

Das fängt bei Namensgebung und Eis an – Matti isst viel lieber Erdbeereis für 80 Cent am Kiosk als Quitte-Lavendel für 1,80 Euro in der Eisdiele – und endet bei der digitalen Vermarktung des Nachwuchses: Ottos Mutter betreibt einen „Mama-Blog“ und als sie dort ein Foto von Otto beim Yoga veröffentlicht, fasst Matti in eindeutigen Worten zusammen, wie sich so etwas anfühlt: „Ich kenne keinen zehnjährigen Jungen, der mit dem Po zur Decke gestreckt ins Internet gestellt werden möchte.“

Silke Lambeck befragte Frauen zum Thema Kind und Karriere 

Peng, das sitzt. Während die Kinder bei den Lesungen sich vor allem in den Schul- und Freundschaftspassagen wiederfinden, wie Lambeck erzählt, dürften nicht wenige Eltern vor allem an solchen Stellen in den Spiegel schauen. Dass sie sich darin dennoch anlächeln können, liegt an der solidarischen Warmherzigkeit, mit der die Autorin auf den Druck blickt, dem sich viele Väter, vor allem aber Mütter ausgesetzt sehen. „Mit großer Sympathie“, sagt sie, beobachte sie die Anstrengungen, alles richtig zu machen. Aber eben auch „Familien am Anschlag“.

2006 erschien ein Buch, für das Lambeck zusammen mit der Journalistin Regine Zylka 20 Frauen zum Thema Kind und Karriere befragt hatte. Es heißt „Das große Jein“ und erzählt davon, was in ihren Kinderbüchern zwischen den Zeilen steht: Alles richtig zu machen ist unmöglich.

Wir sollten nicht so streng urteilen über die Lebensentwürfe und Entscheidungen anderer, lernen wir Vorleser. Sondern vielleicht ein bisschen wie Matti sein. An einer sehr berührenden Stelle beschreibt der die vielen Vorzüge von Ottos Zuhause und seiner bloggenden Mutter und endet mit den Worten, dass „Sandra wirklich alles stehen und liegen ließ, wenn ihre Kinder sie brauchten.“

Dieses Wissen, sich immer an jemanden wenden zu können, davon ist Lambeck überzeugt, lässt Kinder unbeschadet groß werden, allen Stürmen zum Trotz. Das kann ein kurioser älterer Herr sein wie die Titelfigur „Herr Röslein“ aus den Büchern, mit denen sie sich seit 2007 von der Journalistin zur Kinderbuchautorin wandelte. Das kann ein guter Lehrer sein, wie es ihn an Ottos und Mattis Schule natürlich auch gibt – oder eben ein bester Freund.

Silke Lambeck freut sich über die Nominierung 

Mit einem wie Otto ist es dann sogar möglich, mit Hilfe eines Neuköllner Rappers einen Song aufzunehmen und auf diese Weise den letzten Kiosk in der Gegend (Erdbeereis für 80 Cent!) vor ein paar Immobilienhaien zu retten. Ja, auch die Gentrifizierung kommt vor. Doch Freunde braucht man überall. Deswegen sind diese Bücher zwar sehr großstädtisch, ihr Hauptthema jedoch ist universell.

Der Name, den Otto und Matti sich als – endlich nicht mehr brave! – HipHop-Band geben, sprang Silke Lambeck wie die „wonnige Wiese“ auch von einem Stück Papier an. Eine Postkarte der Großeltern an ihre beiden mittlerweile erwachsenen Söhne war adressiert an „Die Herren Kinder“. Das war die Geburtsstunde von Otto und Matti, deren erstes Abenteuer nun für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert ist.

Auf die Frage, ob sie aufgeregt auf die Preisverleihung im Oktober blicke, antwortet Lambeck in trockenster Matti-Manier: „Ich habe mich gefreut über die Nominierung. Und wenn man mal nominiert ist, will man ihn auch haben.“ Mal ehrlich.

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