Neustart mit Reiterhof

Gummistiefel statt Arztkittel

Die Chirurgin Ingeborg Schwenger zog ins Havelland und eröffnete einen Reiterhof.

Silvia Passow
4 Min
Ingeborg Schwenger mit einem ihrer Pferde.

Ingeborg Schwenger mit einem ihrer Pferde.

© Bernd Friedel

Sie holen sich Streicheleinheiten bei Ingeborg Schwenger. Die 60-Jährige sagt: „Die meisten Pferde werden auf viel zu engem Raum gehalten. Aber nicht bei uns.“ Die Tiere umkreisen die Pächterin des Pferdehofs in Schönwalde-Glien (Havelland), stupsen sie mit der Nase an, wollen spielen. Kein Leckerchen dieses Mal? Nicht mal eine Möhre? Nein, heute nicht. Ingeborg Schwenger begrüßt jedes Tier mit Namen, streicht über das Fell und die Mähnen. „Pferde sind einfach etwas ganz Tolles.“

Wichtiger Wirtschaftsfaktor

Pferde und Reiten – das gehört zu Brandenburg: 15.762 Mitglieder sind in 467 Reitsportvereinen des Landesverbandes Pferdesport Berlin-Brandenburg organisiert. 45.000 Pferde und Ponys stehen in etwa 600 Brandenburger Pferdehöfen, Gestüten und Bauernhöfen. Pferde sind schon lange ein Wirtschaftsfaktor in der Region: Mehr als 12.000 Menschen verdienen ihren Lebensunterhalt mit oder durch Pferde.

So wie Ingeborg Schwenger, eine Ärztin, die in Berlin erfolgreich eine eigene Klinik betrieb, dann aber mit ihren Pferden ins Havelland kam. Dort wagte sie den Neustart und setzt vor allem auf Nachhaltigkeit und eine eigene Kreislaufwirtschaft auf dem Hof. Auf ihrem Reiterhof gibt es ein Hotel und ein Restaurant mit bodenständiger Küche.

Sie habe ein passendes Landgut gesucht, erzählt sie. „Aber das Landgut hat auch irgendwie mich gefunden. Es sollte so sein.“ Eigentlich ist sie Doktorin, arbeitete als Chirurgin und Klinikchefin. 2003 wurde sie als Unternehmerin des Jahres mit dem „Prix Veuve Clicqout“ ausgezeichnet. Später sattelte sie auf Homöopathie um, wurde Präsidentin des Berliner Polo-Clubs – und mit ihm auch Deutscher Meister. Auf ihrem Landgut will sie sich auf die Wurzeln beschränken, wie sie es nennt.

Hof als Mittelpunkt des Ortes

Mehr als sechzig Pferde leben auf dem Gut, zwanzig davon gehören ihr selbst. Vor elf Jahren übernahm sie das Gut zur Pacht, brachte ihre Pferde mit, wollte mit Pferden arbeiten, wusste aber gleich, dass es dabei nicht bleiben wird. Der Hof war in alten Zeiten der Mittelpunkt des Ortes – und soll es wieder werden: Abends ein Bier trinken, einen Happen essen, und natürlich reiten. Und für die, die länger bleiben wollen, gibt es gemütliche Hotelzimmer.

Ingeborg Schwenger sitzt seit dem vierten Lebensjahr im Sattel. Neben dem Reittourismus bietet sie nun Reitunterricht für Kinder an. Springen, Dressur, Vielseitigkeit, Distanzreiten und Polo – alle fünf gängigen Pferdesportarten. Im Moment baut sie eine Reitakademie nach Vorbild der englischen Pony-Clubs auf. Das Besondere: Die Kinder müssen sich nicht vorher für eine Disziplin entscheiden, sie können sich erst mal ausprobieren.

Katzenstreu für Pferde

Hierfür hat Schwenger die Trainerin Antje Krabbe eingestellt. Krabbe erhielt als Trainerin der Kategorie A die Lütke-Westhues-Auszeichnung, in Reiterkreisen so eine Art Ritterschlag. Schwenger organisiert das Jugend-Polo-Camp und hat auch ein Buch zum Thema geschrieben.

Dabei geht es ihr nicht nur um das Wohl der Tiere, sie kümmert sich auch um die Pferdeäpfel. In die Boxen packt sie kein Stroh, das dann mit den Pferdeäpfeln stark riecht und auch noch ausgemistet werden muss. Sie gibt ein selbstentwickeltes Streu hinein, von dem die Pferdeäpfel – ähnlich wie bei Katzenstreu – nur aufgesammelt werden müssen. So entsteht weniger Dung. „Kein Boden kann unendlich viel Dung aufnehmen“, sagt sie. „Beim Boden ist es wie mit Drogen: Erst aufgeputscht für eine enorme Ernte, dann ausgelaugt und kaputt.“

Aus der Region

Ihre Methode schont die Böden, auf denen wächst, was später bei ihr im Kochtopf landet. Am Morgen werden die ersten Wildkräuter gesammelt und Gemüse aus dem Garten geholt. Eier und Fleisch kommen von Landwirten der Region, Wild liefert der örtliche Jäger, Lamm und Zicklein der ortsansässige Schäfer.

Mit ihrem Landgut möchte Ingeborg Schwenger den „Bib Gourmand“ holen, eine Auszeichnung des Guide Michelin für sorgfältig zubereitete und preiswerte Mahlzeiten – bodenständig mit besonderer Note, aber nicht abgehoben. „Ich will auch gute Hauptgerichte unter zehn Euro anbieten können“, sagt sie. „Manche glauben, wir scheffeln das große Geld. Aber erst seit zwei Jahren arbeiten wir halbwegs rentabel.“

Landgut Schönwalde, Dorfstraße 31 in 14621 Schönwalde-Glien, www.daslandgut.de

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