Omilein war meine Urgroßmutter väterlicherseits. Sie hieß eigentlich Mathilde Köhler, geborene Dern, wurde Tilly genannt und war 1900 geboren worden. Das war sehr praktisch. So wusste man immer, wie alt sie war.
In ihrer Jugend war Omilein „das schönste Mädsche von Alsfeld“ gewesen, wie sie niemals müde wurde zu betonen.
„Ich war das schönste Mädsche von Alsfeld!“, rief sie in weichem Hessisch, das sie auch noch sprach, als sie fast hundert war und seit 80 Jahren in Berlin lebte. Stolz zeigte sie mir die ovale Porträtfotografie eines pausbäckigen Mädchens im Halbprofil. „1914“ stand in verschnörkelter Handschrift am unteren Bildrand.
Anfang der 20er-Jahre war Tilly mit ihrem frisch angetrauten Ehemann Georg Köhler, genannt „Schoschl“, aus der hessischen Provinz nach Berlin gekommen. Nach Charlottenburg. In ein Mietshaus, das so herrschaftlich war, dass ich mir als Kind immer schon auf der Straße die Schuhe ausziehen wollte, um den Ostberliner Dreck nicht über die feine Schwelle zu tragen. Im Hausflur hingen Spiegel zwischen nackten Nymphen aus Stein, und das Treppenhaus wand sich um einen Drahtkäfig, in dem ein hölzerner Fahrstuhl bis in den vierten Stock führte.
Omilein war ein Feger. Eine richtige Westberlinerin. Sie kaufte Hüte im KaDeWe und Butter bei Butter Lindner und hatte die Gedächtniskirche abgeschlossen an dem Abend, bevor sie zerstört wurde. Behauptete sie jedenfalls.
Ihr Mann hatte einen Direktorposten in einer jüdischen Firma für Polsterwaren. „Polterwaren“, sagte mein Vater.
Als Goebbels 1943 den „Totalen Krieg“ ausschrie, schleifte Omilein den Schoschl zum Notar und ließ testamentarisch festhalten, dass, falls ihm etwas zustieße und sie wieder heiratete, das gesamte Vermögen ans Rote Kreuz fallen sollte.
„Um Gottes Willen!“, rief Schoschl.
„Machen Sie sich nicht unglücklich!“, rief der Notar.
Aber Omilein beharrte auf ihrem Edelmut.
Schoschl starb ein Jahr später. An Lungenentzündung. Und meine Urgroßmutter war Witwe. Mit 44 Jahren.
In Omileins Wohnung in Charlottenburg stand ein Eichentisch, der war so groß, dass eine zehnköpfige Familie daran hätte Platz finden können. Ein Relikt der mit dem Schoschl verstorbenen Zukunftspläne.
Omilein wurde Mutter. Hauptberuflich. Ihre gesamte Energie ergoss sich nun auf ihre einzige Tochter, meine Großmutter, die damals schon zwanzig Jahre alt war und für den Rest ihres Lebens versuchen sollte, sich aus der mütterlichen Würgeumarmung zu befreien. Als Omilein 1997 starb, hatte die Tochter seit vier Jahren den Kontakt abgebrochen.
Ich habe Omilein oft besucht nach der Wende. Es gab nicht viele Kinder in meiner Umgebung, die eine Westoma vorzuweisen hatten, noch dazu eine West-Uroma. Dann guckten wir zusammen Rudi Carrell und aßen am Eichentisch Hefeklöße mit geschmolzener Butter und Zimt.
Das Porträt mit dem Titel „1914“ steht heute in meinem Regal. Manchmal gucke ich es an und wundere mich, wo die Zeit hin ist.
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