Interview

Berliner Familientherapeutin: „Kurz vor Weihnachten ist die Praxis voll“

Die Therapeutin und Autorin Mona Kino über klassische Streitfallen, die ideale Weihnachtsbesuchsdauer und die Illusion, es allen recht machen zu können.

9 Min
Friede, Freude, Eierkuchen? Ist eine Illusion, und muss auch gar nicht sein.

Friede, Freude, Eierkuchen? Ist eine Illusion, und muss auch gar nicht sein.

© Imago/Science Photo Library

Weihnachten, das Fest der Liebe? Der Besinnlichkeit? Nun, bei vielen Familien sieht die Realität dann doch anders aus. Streit ums Essen, Streit um die Geschenke, und spätestens am zweiten Feiertag hängt der Haussegen schief.

Wir haben mit der Berliner Familientherapeutin Mona Kino darüber gesprochen, warum gerade Weihnachten ein solch konfliktträchtiges Fest ist, in welche Streitfallen man immer wieder tappt und wie man es dieses und in den kommenden Jahren vielleicht besser machen kann.

Frau Kino, wie voll ist Ihre Berliner Praxis vor Weihnachten?

Sie ist schon besonders voll – immer kurz vor Weihnachten und kurz vor den Sommerferien steigt der Beratungsbedarf enorm an. Viele Menschen merken, dass sie sich noch mal vorbereiten möchten, bevor es losgeht. Gerade nach der Corona-Zeit ist es auch so, dass einige gemerkt haben, wie gut es getan hat, Weihnachten mal nicht woanders hinfahren zu müssen. Das kann nun Konflikte geben mit Familienmitgliedern, die das Gegenteil wollen: Endlich wieder alle sehen können!

Wenn man sich für ein Familientreffen entscheidet: Welche sind die größten Konfliktthemen, um die es sich immer wieder dreht?

Zu mir kommen die Leute, weil sie sich dafür interessieren, wie man besser kommunizieren kann. Es ist mehr ein Auftrag: Die Familie kommt zusammen, ich möchte den Kontakt, aber diesmal will ich es anders gestalten. Aber klar gibt es auch klassische Streitfallen. Zum Beispiel die Geschenke: Wie viele und welche, das ist vor allem ein Thema mit jüngeren Kindern. Bei mir im Bekanntenkreis haben neulich Großeltern ihren Enkel gefragt, was er sich zu Weihnachten wünscht, und dabei zeigte sich auf einmal, wie wenig Kontakt sie haben, wie wenig sie voneinander wissen. Unter diesen Vorzeichen geht man natürlich ganz anders in so ein Treffen. Was mir leider auch immer wieder begegnet: Dass junge Paare bei Familienfeiern gefragt werden, wann denn endlich Nachwuchs käme.

Wirklich? Ich dachte ehrlich gesagt, diese Zeiten seien vorbei.

Das dachte ich auch mal, erlebe aber das Gegenteil. Eigentlich sollte klar sein, dass man derart intime Themen nicht ausbreitet, wenn noch Tanten und Onkel mit am Tisch sitzen. Umso erstaunlicher, dass selbst junge Leute um die 30 mir noch erzählen, dass sie in großer Runde mit der Frage nach Enkeln konfrontiert werden. Damit übt man nicht nur wahnsinnigen Druck aus, es ist leider auch so, dass diese Kultur dann in die nächste Generation weitergegeben wird, so lange man sich in diesen Fragen nicht selbst reflektiert.

Zur Person
Florian Hoffmeister

Zur Person

Mona Kino, 56, stieß als Autorin durch eine Recherche zu einem Drehbuch auf die Bücher des berühmten dänischen Familientherapeuten Jesper Juul. Als eine von drei Quereinsteigern bewarb sie sich am Deutsch-Dänischen Institut für Familientherapie (DDIF) und absolvierte dort eine vierjährige Ausbildung. Heute ist sie als Trainerin und Supervisorin in eigener Praxis sowie als Referentin beim Berliner Modellprojekt „Empathie macht Schule“ tätig, das durch die Universität Heidelberg und das VIA University College Aarhus wissenschaftlich evaluiert wird. Mona Kino lebt in Berlin und ist Mutter von zwei Jugendlichen. 2020 erschien ihr Buch „Zeit für Empathie“ im Beltz Verlag.

Die Therapeutin empfiehlt, wenn sich Konflikte nicht auflösen lassen und einfach alles zu viel wird, die Telefonseelsorge (0800/1110 111) oder die Hotline „Reden hilft“ des DDIF (030/814 525 90) anzurufen.

Streiten kann man sich ja eigentlich rund ums Jahr. Warum ist gerade Weihnachten so prädestiniert für Ärger?

Ans Weihnachtsfest hat jeder seine ganz individuellen und persönlichen Erwartungen. Es gibt viele Menschen, die Weihnachten überhaupt nicht mit einem Fest der Liebe in Verbindung bringen. Zum Beispiel, weil es für sie in der Kindheit eben nicht schön war. Ich selbst bin Jahrgang 1966 und habe eine breite Palette an Erinnerungen, von warmherzig und glitzernd bis hin zu den Momenten, an denen ich allein im Zimmer saß, nachdem man mir sagte: Das Christkind kommt nicht, weil du den Tannenbaum nicht geschmückt hast. All diese Erlebnisse fahren zu Weihnachten mit auf die Reise, und wenn man mal drüber reden möchte, wird häufig nur abgewiegelt, das sei doch nicht so schlimm. Daran entfacht sich oft Streit.

Wie lässt es sich vermeiden, dass es dazu kommt?

Streit kann man nicht vermeiden – und das muss man auch gar nicht, denn er gehört nun mal zum Leben dazu. Die Frage ist eher, wie geht man damit um. Oft verfallen die Streitparteien schnell in die Rolle des Angreifers und des Verteidigers, gehen nach außen, werfen sich Dinge vor. Der jeweils andere macht alles falsch, und am Ende zieht sich immer einer zurück. Ein klassisches Muster. Stattdessen sollte man besser zuhören und reflektieren, was man sieht. Wenn jemand aufgebracht ist, muss man nicht noch weiter dagegenhalten, sondern könnte eher sagen: Ich sehe, das regt dich auf, lass uns in fünf Minuten weiterreden.

Das klingt gut, aber in einer aufgeladenen Situation ist es vielleicht nicht das Naheliegendste, so zu reagieren.

So etwas muss man üben, leicht ist es nicht. Eben weil sich die Muster eingespielt haben und wir immer unser kleines Kind im Gepäck haben – während die Eltern sich selbst mitschleppen. Oft hat man sich zudem länger nicht gesehen, Dinge haben sich verändert. Kleine Kinder zum Beispiel machen schon innerhalb eines halben Jahres Riesensprünge, wenn man sie dann immer noch in Babysprache anspricht, kann es sein, dass die Kleinen darauf nicht reagieren. Unter uns Erwachsenen tut man gut daran, bestimmte Reizworte wie „immer“ und „nie“ im Kanon der Vorwürfe auszusparen. Mein Tipp wäre, sich vor dem Familientreffen schon mal hinzusetzen und zu reflektieren: Was könnte bei den anderen passiert sein in der Zwischenzeit? Bei manchen Familien liegt ja ein Jahr oder wegen Corona noch mehr Zeit dazwischen, seit sie sich das letzte Mal gesehen haben. Da ist es schon schwierig, nahtlos anzuknüpfen.

Oft stellt sich auch die Frage, wie lange man die „große Familie“ bei sich beheimatet. Welchen Zeitraum erachten Sie für sinnvoll?

Ich würde sagen, erlaubt ist, was gefällt. Die einen brauchen 100 Prozent Familie, die anderen gar nichts oder nur ganz wenig. Man sollte sich vorher absprechen und auch sagen, wenn einem die Vorstellungen der anderen nicht passen. In meiner Familie hat es sich so bewährt: Wir setzen uns jedes Jahr vier Wochen vor Weihnachten zusammen und überlegen, wie wir die Feiertage gestalten wollen. So haben alle genug Zeit, sich darauf einzustellen. Auch Kinder und ihre Wünsche sollten mit einbezogen werden. Wenn jemandem zu Weihnachten nach Alleinsein im Bett und einem guten Film ist, ist das auch völlig in Ordnung. Vielleicht findet man dann lieber einen anderen Termin, an dem es besser passt. Man kann auch sagen: Ihr könnt kommen, aber ich habe noch sehr viel um die Ohren und kann mich nicht kümmern, versorgt euch bitte selbst. Der Dezember ist oft so vollgepackt, hat gefühlt nur zwei Wochen, in denen man alles erledigen will, was übers Jahr liegen geblieben ist. Natürlich sollte man auch Verständnis äußern, wenn die Eltern andere Erwartungen ans Fest hatten.

Wie kommt es eigentlich, dass man beim Elternbesuch immer wieder das kleine Kind ist, dass nach wenigen Tagen schon die alten Gefühls- und Verhaltensmuster wieder da sind?

Das sind neuronale Strukturen, die sich im Gehirn aufgebaut haben. Wir haben viel Zeit im Elternhaus verbracht, da bilden sich Prozesse entsprechend aus. Die Eltern haben ihre wunderbare Datenautobahn, dass sie sich um uns kümmern und wertvoll sein müssen. Das muss nicht immer das Beste sein, aber sie geben sich Mühe, weil sie denken, dass es das Richtige ist. Und die Kinder wollen mit den Eltern kooperieren, sie wissen genau, was geht und was nicht. Das eine Kind darf das lustige sein, das andere das nette. Nur sind wir ja viel mehr als lediglich diese einzelne Facette, wir sind auch nicht mehr die kleinen Kinder von einst. Das ist der Konflikt: Beide kommen aus ihren Rollen nicht heraus. Es ist wichtig, sich dieser Muster bewusst zu werden.

Gibt es einen Punkt, an dem man die Reißleine ziehen sollte?

Das ist sehr individuell, denke ich. Es ist gut, wenn man in sich selbst hineinschauen und Warnsignale rechtzeitig erkennen kann. Wenn das Herz schon rast, sollte man auf jeden Fall mal um den Block gehen und sich dem Konflikt erstmal entziehen, um später weiterzureden. Die meisten bleiben aber leider sitzen, und dann eskaliert es richtig. Türen werden geknallt, dabei braucht es oft nur ein bisschen Zeit, um wieder bei sich zu sein. Oder es ist ganz anders: Es gibt leider wirklich sehr dysfunktionale Strukturen in Familien, und es ist mir wichtig, auch an diese Menschen zu denken, bei denen die Situation eben anders ist. Die es einfacher haben, wenn sie mit Freunden zusammen sind, weil sie mit denen ein stärkeres Fundament haben.

Bevor zu viel Geschirr zerschlagen wird, kann es sinnvoll sein, eine Runde um den Block zu gehen und später weiterzureden.

Bevor zu viel Geschirr zerschlagen wird, kann es sinnvoll sein, eine Runde um den Block zu gehen und später weiterzureden.

© Imago

Wann kann eine Therapie sinnvoll sein?

Die meisten kommen erst, wenn es weh tut, und dann ist es häufig schon richtig schlimm. Ich finde das schade, weil es besser wäre, sich in einem entspannten Moment Beratung zu holen. Dann ist man nämlich viel empfänglicher als unter Stress. Die Familie ist in meinen Augen das schwierigste Unternehmen, das wir in unserem Leben gründen können. Warum sollte man sich also nicht die Werkzeuge dafür besorgen? Für jeden Job gibt es Weiterbildungen, die einen therapeutischen Effekt haben, aber wenn man sich im Privaten therapeutische Hilfe holt, gibt es immer noch dieses Stigma. Man sei ja nicht krank oder psycho. Natürlich ist man das nicht! Es geht darum, in bestimmten Situationen besser in sich reinhorchen zu können, Muster zu erkennen. Ich habe in meiner Praxis schon ganze Familien begleitet, vom Enkel bis zu den Großeltern. Die haben sich bei mir das erste Mal überhaupt richtig zugehört und das dann auch für ihre Gesprächskultur zu Hause mitgenommen.

Bei vielen Familien ist nach zwei Jahren Corona die Luft raus, hat man das Gefühl. Spielt das auch eine Rolle bei Ihren Beratungen?

Ich erlebe auf der einen Seite, dass sich die Leute wieder aufeinander freuen, darauf, dass sie sich endlich wieder sehen können. Umgekehrt merke ich aber auch, dass dieses Jahr 2022 auch nicht gerade leicht war. Der Krieg macht etwas mit uns, die Energiekrise, viele müssen noch viel mehr aufs Geld achten. Da ist der Wunsch nach einem ruhigen Weihnachten schon auch sehr ausgeprägt.

Können die Weihnachtsfeiertage Familien nicht auch helfen, einige Sorgen aufzufangen?

Da sind wir wieder bei den Erwartungen. Ich denke, das Beste ist, nicht an einem Weihnachten alles lösen zu wollen. Sondern stattdessen die schönen Momente, und die gibt es ja auch immer, wertzuschätzen. Wenn das Essen nicht schmeckt, kann man die Mühe trotzdem würdigen. Vielleicht spielen ja auch mal wieder alle was zusammen. Bestimmte Rituale sind ebenfalls hilfreich – und auch anzuerkennen, dass jeder verschiedene Vorstellungen hat. Meine Mutter zum Beispiel wollte Weihnachten immer in die Kirche gehen. Ich fand das schrecklich. Aber einmal habe ich ihr das zu Weihnachten geschenkt, dass wir gemeinsam hingehen, und sie war darüber so glücklich. Ich glaube, ein schöneres Geschenk hätte ich ihr nicht machen können.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema