Frauenpower im Alter

Wenn das Fitness-Studio nicht nur den Körper gesund hält

Hier muss niemand tun als ob, die anderen wissen, wie es einem geht.

Claudia Fuchs
5 Min
Fürs Foto setzten sich die Damen ausnahmsweise zur gleichen Zeit aufs Rad. Von vorn: Karin Jahn (69), Ingrid Hühnerbein (74), Brigitte Bahr (74) und Sonja (74, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte). Die fünfte im Bunde, Renate Lösel (77), ist nicht mit auf dem Bild.

Fürs Foto setzten sich die Damen ausnahmsweise zur gleichen Zeit aufs Rad. Von vorn: Karin Jahn (69), Ingrid Hühnerbein (74), Brigitte Bahr (74) und Sonja (74, die ihren Nachnamen nicht nennen wollte). Die fünfte im Bunde, Renate Lösel (77), ist nicht mit auf dem Bild.

© Markus Wächter

Wer kurz nach 7 Uhr das Frauenfitnessstudio an der Frankfurter Allee betritt, kommt an ihr nicht vorbei: Karin Jahn ist immer schon da. Um kurz nach 7 schuftet die 69-Jährige bereits auf dem Cross-Trainer und schwingt Arme und Beine in atemberaubendem Tempo.

45 Minuten später geht sie aufs Laufband – am liebsten auf das gleich neben dem Pfeiler – und marschiert dort stramm bergauf. Ausladend sind ihre Schritte, entschlossen ihr Blick, und ihr Shirt bald schweißgetränkt.

Angesichts dieses morgendlichen Arbeitspensums bekommen auch deutlich jüngere Besucherinnen schnell mal ein schlechtes Gewissen. Keine hier strampelt sich so früh am Morgen schon so heftig ab wie Karin Jahn.

Auch modisch ein Hingucker

Doch nicht nur deshalb fällt die Seniorin auf in diesem Fitness-First-Studio in Friedrichshain. Auch modisch ist sie ein Hingucker: Ihre Kleidungsstücke passen farblich zusammen, immer, und zwar alles. „Sie ist die geilste von uns“, sagt ihre Freundin Renate Lösel (77), und Karin Jahn lacht.
Renate Lösel und Karin Jahn haben an einem runden Tisch gleich neben dem Eingangsbereich des Fitnessstudios Platz genommen.

Es ist kurz vor 10 Uhr, das Training für diesen Tag ist beendet, sie trinken Cappuccino. Neben Renate Lösel und Karin Jahn, die an diesem Tag Grau in allen Facetten und dazu passenden Schmuck trägt, sitzen drei jeweils 74-Jährige: Ingrid Hühnerbein, Brigitte Bahr und Sonja, die nur ihren Vornamen nennt.

Die fünf Seniorinnen sind nicht nur Stammbesucherinnen im Studio – sie haben sich, bis auf eine Ausnahme, auch hier kennengelernt. Jetzt sind sie Freundinnen. Wer den fünf Frauen zuhört beim Gespräch, merkt schnell: Unter ihnen herrscht eine Intimität, wie sie in dieser Altersklasse nur der Sport herstellen kann. Sie kennen nicht nur ihre Charaktere, sondern auch Falten, Problemzonen und andere Spuren des fortgeschrittenen Alters.

Freundschaft im Frauen-Fitness

Hier muss niemand tun als ob, die anderen wissen es ohnehin genauso gut. Die Geschichte ihrer aller Freundschaft beginnt am 1. März 2008. An diesem Tag eröffnet das Frauenfitnessstudio, und Ingrid Hühnerbein, damals 65, wird auf der Straße angesprochen, ob sie nicht auch dort Sport treiben will. „In meinem Alter geht das noch?“, fragt die Rentnerin überrascht.

Wenig später meldet sie sich im Studio an. Als jüngere Frau hat sie zu DDR-Zeiten im Haus der Pioniere in Lichtenberg Gymnastik gemacht; nun, als Seniorin, wird sie Mitglied in einem Sportstudio. Wenig später stoßen Renate Lösel und Brigitte Bahr dazu; sie waren in den 60er-Jahren Kolleginnen, sind sich nach der Wende wieder über den Weg gelaufen.

„Irgendwann waren wir beide im Konzert in Wartenberg“, erzählt Renate Lösel, die die älteste der fünf Damen ist. Unter den Konzertbesuchern sehen sie eine Frau, die sie aus dem Fitnessstudio kennen. „Das war Karin Jahn“, sagt Brigitte Bahr. „Wir haben die ganze Zeit zu ihr rübergeschaut, aber sie hat uns nicht gesehen.“

Auf den ersten Blick eint die Frauen die Fitness. Doch längst ist die Freundschaft fast ebenso wichtig geworden.

Auf den ersten Blick eint die Frauen die Fitness. Doch längst ist die Freundschaft fast ebenso wichtig geworden.

© Markus Wächter

Gemeinsamkeiten schweißen zusammen

Wieder im Studio, sprechen sie sie an – und aus einer Plauderei werden bald längere Gespräche. Schnell finden die Frauen überraschend viele Gemeinsamkeiten: Sie alle sind ausgebildete Kindergärtnerinnen, sie alle sind Rentnerinnen, und alle drei leben allein, zwei sind verwitwet. Dann stößt Ingrid Hühnerbein zum Trio – auch sie war früher Kindergärtnerin, und zwei Jahre später wird aus dem Quartett dank Sonja ein Quintett.

Auch sie ist Rentnerin und bereits verwitwet. Allerdings keine Kindergärtnerin, sondern Schneiderin. Seitdem sind die fünf befreundet. Gleich 7 Uhr morgens gehen sie in das Studio, einige zweimal, andere dreimal pro Woche. Nur das „Küken“, wie sie die fast 70-jährige Karin Jahn liebevoll nennen, kommt unter der Woche täglich.

Sie gehen aufs Laufband, fahren Rad und stemmen Gewichte. Karin Jahn zählt immer auch Kalorien, „damit ich abends mehr Nougatstangen essen kann.“ 8.20 Uhr ist ihr Training vorbei, jedes Mal, und dann steht das Highlight des Vormittags an. An einem Ort, an dem eigentlich geschwiegen wird, haben die fünf Frauen nun endlich Gelegenheit zu reden.

Sie gehen in die Sauna. „Das ist die Belohnung für uns“, sagt Sonja. „Und wehe, da ist schon ein Fremdling drin und wir dürfen nicht reden …“, ergänzt Karin Jahn. Schon öfter hat die Fünfergruppe Avancen bekommen, so manches Mal haben andere Besucherinnen versucht, aufgenommen zu werden in die heitere und ausgesprochen charmante Runde. Doch das Quintett genügt sich selbst.

Ab und zu wird auch zusammen geschlemmt

Nicht selten sitzen sie noch zusammen nach dem Training und schwatzen, am 11. 11. tragen sie kleine Hütchen, zu Nikolaus gibt’s Naschereien, auch die Geburtstage werden gefeiert. Sie verreisen gemeinsam, gehen ins Museum. „Das Soziale ist sehr wichtig“, sagt Renate Lösel. „Wenn jemand mal nicht da war, dann wird gleich angerufen, ob was nicht stimmt.“

Alt wirkt keine der Frauen. Wenn sie über die Unterwäsche der einen reden oder die Figur der anderen, dann strafen die fünf Damen all jene Lügen, die behaupten, dass die Anzahl der Lebensjahre etwas aussagt über die Fitness im Kopf. „Wir sind genauso hübsch wie vor 50 Jahren“, sagt Karin Jahn, „wir brauchen nur viel länger dafür.“

Aber natürlich tut auch der Sport das Seine. „Vor Kurzem hat eine Besucherin zu uns gesagt: Wenn ich das alles noch so machen könnte in dem Alter, in dem Sie jetzt sind, dann wäre ich froh. Sie sind eine echte Motivation für mich“, sagt Brigitte Bahr. Größer kann ein Lob in diesem Alter nicht sein. Erst recht, wenn man es teilen kann.

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