Berliner Halbmarathon

Kein schöner Anblick: Wer braucht schon den Berliner Halbmarathon?

Der Halbmarathon ist eine Veranstaltung ohne Zwischentöne. Mit ihm zeigt sich die Leistungsgesellschaft von ihrer unästhetischen Seite, meint unsere Autorin.

3 Min
Gerenne durch die Stadt braucht kein Mensch. Gerade am Wochenende.

Gerenne durch die Stadt braucht kein Mensch. Gerade am Wochenende.

© Imago/Nordphoto

Anspannung liegt in der Luft. Keuchend rasen behelmte Fahrradfahrer über die Waldwege im Tiergarten. Sie schwitzen in ihrer Schutzmontur, das Thermometer zeigt weit über 20 Grad im Schatten.

Es ist Samstag und man fragt sich, was hier los ist – während man immer wieder zur Seite springt, damit man nicht umgefahren wird.

Dann ein ellenlanger Bauzaun, die Straße des 17. Juni ist verriegelt und verrammelt. Eine Frau in Warnweste spricht am Telefon, sie unterbricht kurz und erklärt die Lage: Gesperrt wegen Berliner Halbmarathon! Die Fahrradraser weichen also in den Tiergarten aus, um ihre wichtigen Termine noch zu schaffen. Welche auch immer das an diesem Wochenende sind. Auch die vielen Jogger mit den gequälten Gesichtern ergeben jetzt Sinn. Sie trainieren für ihren großen Run am Sonntag.

Da will man am Wochenende mal ein bisschen runterkommen und Waldluft schnuppern – und dann verfolgt einen die Leistungsgesellschaft noch bis in die grüne Lunge der Stadt. Das Perfide am Halbmarathon ist ja, dass er als Volkssportveranstaltung so tut, als sei er gut für uns und unsere Gesundheit. Dabei ist er nichts anderes als ein fieser Auswuchs überkandidelter Selbstoptimierung.

Die Generation Z hat das längst erkannt, die machen den Quatsch schon lange nicht mehr mit. Mäßige Bewegung ist das Stichwort, der wahren Gesundheit geht innere Ruhe und Zufriedenheit voraus. Das stärkt auch für eine Zukunft, in der man mit weniger auskommen muss – wegen der Kapitalismuskrise.

Sperrungen der Fahrradwege drängen behelmte Mountainbike-Fahrer in den Tiergarten ab. Dort wurde es bereits am Samstag hektisch.

Sperrungen der Fahrradwege drängen behelmte Mountainbike-Fahrer in den Tiergarten ab. Dort wurde es bereits am Samstag hektisch.

© Sabine Röthig

Hier im Tiergarten aber ballert das Cortisol schon am Vortag des Halbmarathons und der Stress kickt rein wie eine böse Pille. Mal abgesehen von den Sperrungen und ihren Nebenwirkungen, ist die Veranstaltung auch aus ästhetischer Sicht eine Vollkatastrophe.

Während im Profisport auf schicke Trikots und einen stylischen Gesamtauftritt geachtet wird, sind die Sportler auf unseren innerstädtischen Magistralen ein Anblick des Grauens. Als grellbuntes Wimmelbild schieben sie sich in billigem Kunstfaser-Look durch die sowieso schon uneinheitliche Berliner Architektur. Als ästhetisch fühlender Mensch wird man da gedanklich sofort aktiv und stellt sich Alternativen vor.

Zum Beispiel Lichtenberg: Vor den homogenen DDR-Plattenbauten könnte das bunte Treiben edgy-bizarr aussehen. Und die außergewöhnlichen Bilder hätten das Potenzial, um die Welt zu gehen: „Berlin race through brutalist architecture“ würden internationale Medien titeln. Auch wäre durch die Randlange nicht das komplette Stadtzentrum lahmgelegt und alles ein bisschen entspannter. Doch das wird wohl nie passieren, denn der Berliner Halbmarathon ist eine Veranstaltung ohne Zwischentöne. Er ist Stress pur. Also muss man am Sonntag mit einer Tasse Tee zu Hause bleiben, um seine Ruhe vor der Raserei zu haben.

Am Montag ist zum Glück alles vorbei.

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