Berliner in türkischer Haft: Peter Steudtners Familie spricht von Angst und Wut

Peter Steudtner hätte längst wieder zu Hause in Berlin sein sollen. Bei seiner Lebensgefährtin und den beiden Kindern. Doch Steudtner, 45 Jahre alt, Fotograf und Menschenrechtstrainer, ist bereits vor zwei Wochen in der Türkei festgenommen worden. Am Dienstag wurden gegen ihn und fünf weitere Menschenrechtsaktivisten Haftbefehle erlassen. Nach Angaben von Amnesty International wirft ihnen die türkische Staatsanwaltschaft Unterstützung einer bewaffneten terroristischen Vereinigung vor. Um welche Organisation es sich dabei handeln soll, blieb ...

BLZ
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Peter Steudtner hätte längst wieder zu Hause in Berlin sein sollen.   Bei seiner Lebensgefährtin und den beiden Kindern. Doch Steudtner, 45 Jahre alt, Fotograf und Menschenrechtstrainer, ist bereits  vor zwei Wochen in der Türkei festgenommen worden. Am Dienstag wurden gegen ihn und fünf weitere Menschenrechtsaktivisten Haftbefehle erlassen. Nach Angaben von Amnesty International wirft ihnen die türkische Staatsanwaltschaft Unterstützung einer bewaffneten terroristischen Vereinigung vor. Um welche Organisation es sich dabei handeln soll, blieb unklar.

Steudtner hatte auf der Istanbuler Prinzeninsel Büyükada als Referent an einem Seminar zum Thema Informationsmanagement und Umgang mit Stress und Trauma teilgenommen.   Steudtner sollte über digitale Kommunikation und IT-Sicherheit reden. Am Vormittag des 5. Juli wurden   Steudtner und die anderen  Menschenrechtler festgenommen, darunter Idil Eser, die Direktorin der türkischen Amnesty-Sektion.

Die regierungsnahe Zeitung Star berichtet, die Workshop-Teilnehmer sollen eine Fortsetzung des gescheiterten Putschversuchs vor einem Jahr gutgeheißen haben. Zitiert wird der AKP-Abgeordnete Orhan Deligäz. Seinen Angaben zufolge hätten seit dem Putschversuch insgesamt vier Versammlungen auf der Prinzeninsel stattgefunden, die von Agenten des CIA und des MI6 geleitet worden seien.  Darunter auch jenes der Menschenrechtsaktivisten. Ziel sei es  gewesen, einen Aufstand nach Art der Gezi-Proteste von 2013 zu initiieren.

Angela Merkel: „ein Grund zu allergrößter Sorge“

Peter Steudtner konnte erst 30 Stunden nach seiner Festnahme seine Familie informieren. Magdalena Freudenschuss, die Lebensgefährtin Steudtners, weist die Anschuldigungen als absurd zurück. „Nicht zu wissen, wann Peter entlassen wird, macht uns Angst, aber auch wütend. Peter fehlt uns im Alltag und vielen mit seiner Arbeit für eine gerechtere, friedliche Welt“, heißt es in einer Mitteilung, in der Steudtners Familie und seine Freunde die Freilassung fordern.

Der Berliner Menschenrechtsberater Daniel O. Cluanaigh sagt, man sei schockiert, dass das gewaltfreie Engagement von Steudtner  dazu geführt habe, das er jetzt im Gefängnis sei. „Es ist abwegig, ihm die Unterstützung einer bewaffneten Terrorgruppe zu unterstellen“, so Cluanaigh.

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat die Inhaftierung Steudtners scharf verurteilt und dessen Freilassung gefordert. „Wir sind der festen Überzeugung, dass diese Verhaftung absolut ungerechtfertigt ist“, sagte die Kanzlerin am Dienstag beim Sommerfest am Sportzentrum Kienbaum östlich von Berlin. Man werde alles tun, um eine Freilassung zu erwirken. „Es ist leider ein weiterer Fall, wo aus unserer Sicht unbescholtene Menschen in die Mühlen der Justiz und damit auch in Haft kommen. Deshalb ist das ein Grund zu allergrößter Sorge“, sagte Merkel. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amtes nannte es abwegig, Steudtner   in die Nähe der Unterstützer des Terrorismus zu rücken.

Sevim Dagdelen: „Die Zeit des Wartens, Hoffens und Bittens ist vorbei“

Zuvor hatte schon SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz eine klare Haltung der Kanzlerin gefordert. Er sagte dem Spiegel: „Was wir derzeit in der Türkei erleben, überschreitet alle Grenzen.“ Auch die Grünen verlangen einen härteren Kurs. „Es ist ein unerträglicher Zustand, dass die Türkei nach Journalisten nun auch Menschenrechtsaktivisten willkürlich festnimmt. Da stellt sich die Frage, wer als Nächstes dran ist: Wirtschaftsvertreter, Touristen?“, sagte Grünen-Spitzenkandidat Cem Özdemir.

„Die Zeit des Wartens, Hoffens und Bittens ist vorbei“, sagte die Linken-Abgeordnete Sevim Dagdelen. Deutsche liefen Gefahr, in der Türkei als „Geisel“ genommen zu werden. Das Auswärtige Amt müsse daher eine Reisewarnung für die Türkei aussprechen. Und FDP-Chef Christian Lindner fordert in der Märkischen Oderzeitung das Ende der Beitrittsgespräche und das Ende der damit verbundenen Millionenüberweisungen nach Ankara.

Nach Erkenntnissen der Bundesregierung wurden seit dem Putschversuch vor einem Jahr 22 deutsche Staatsbürger verhaftet, 13 wurden inzwischen wieder entlassen. Einer der bekanntesten Festgehaltenen ist der Journalist Deniz Yücel. In seinem Fall wird die Bundesregierung seine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte   unterstützen.

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