Immerhin kann er noch eine Atelieradresse im wilden Teil Kreuzbergs vorweisen, in der Köpenicker Straße nämlich. Doch was sonst wäre „wild“ an dem Berliner Künstler Bernd Koberling, der dieser Tage achtzig Jahre alt wird und noch immer mit den „Jungen Wilden“ oder „Neuen Wilden“ in Verbindung gebracht wird?
Wenn er zum Gespräch bittet, dann lädt er zum Fünf-Uhr-Tee. Am Eingang seines über 250 Quadratmeter großen, im dritten Stock eines Gewerbehofes gelegenen Ateliers versammeln sich zahlreiche Paare gediegener Herrenschuhe, griffbereit hängen diverse Tweedjacketts und weitere unverzichtbare Accessoires eines zeitlosen Gentleman. Dabei hat er es nicht so mit den Reportern: „Ich bin eigentlich gegen Interviews.“ Vieles sei, so wie es dann später dastehe, gar nicht gemeint gewesen, und um den Besucher vollends zu verwirren, bietet der gelernte Koch für alle nur denkbaren Fragen gleich „fünf verschiedene Antworten“ an, darunter auch „völlig ungenießbare“.
Zweite Heimat Island
Zum Glück hängt da auch ein bunter Wollpullover an der Wand, und bringt man die Unterhaltung auf seine zweite Heimat Island, verwandelt sich der grübelnde Zweifler in einen melancholischen Romantiker. Er berichtet von seinen Aufbrüchen in den hohen Norden, die 1959 ihren Anfang nahmen: „ Die erste Reise nach Lappland war für mich wie ein Rauscherlebnis. Wenn man in diesen skandinavischen Raum reinfährt, fährt man fünf Stunden lang an einem Waldstück vorbei – wo dann eventuell auch mal ein kleines Holzhaus steht. Das war etwas ganz Berauschendes. Man könnte fast sagen, das war ein utopischer Raum, als es über den Polarkreis nach Lappland ging und sich der Raum immer mehr öffnete.“
Ein wichtiger Moment ereignete sich auf einer Wanderung mit einem Freund: „Als wir dann noch im Sturm auf einen Berg stiegen, war das so ein hinreißend dramatisches Gefühl, dass ich sagte: Ach, wenn man das nur eines Tages malen könnte.“
Der „arbeitende Individualist“
Koberlings Begeisterung für eine so überzeitliche Vorstellung wie die von der Landschaft als Spiegel der menschlichen Seele haben ihn in der Wahrnehmung seiner Zeitgenossen gelegentlich anecken lassen, dazu hat er sich einige Grundsätze bewahrt, mit dem man in einem von intellektuellen Überspanntheiten geprägten Kunstbetrieb keinen Beliebtheitswettbewerb gewinnt.
„Bis heute hat nur ein Satz Bestand: Lügen haben kurze Beine“ beispielsweise. Oder: „Ich habe eine einfache Formel: Der Inhalt muss sich an der Malerei reiben, sonst wird es illustrativ. Und die Malerei muss sich am Inhalt reiben, sonst wird es zum Design.“ Und vor allem: „Ich stelle das, was ich am meisten liebe, was ich am schönsten finde, ins Zentrum meiner Malerei.“
Memories of Water II, 2008
© VG Bildkunst Bonn /Bernd Koberling, courtesy KEWENIG and the Artist
Die Pfade dieser Malerei sind indes verschlungen: Sie nimmt ihren Anfang in der Nachkriegszeit, als in der westeuropäischen Kunstszene noch das Pathos der Abstraktion dominiert. Dagegen hat Bernd Koberling, der „arbeitende Individualist“, der seine Position in einem Text aus dem Jahre 1977 als „individual-anarchisch“ beschreibt, aber etwas: „Lieber wollte ich unprätentiös wie ein Anstreicher malen, als in die Ästhetik des Informel zurückfallen.“ So entstehen lakonische Werke wie 1963 das „Selbst mit roter Angeljacke“ oder ein Jahr später die von Exkursionen in den Norden inspirierten „Hüttenbilder“.
Nachhall bei den Schülern
Es folgen Experimente mit überspannten Leinwänden, Malwasser und Schrift im Bild. Anstöße kommen sogar aus dem fernen Osten, wie aus der Publikation „Lernt aus der Landwirtschaft von Dadschai“. Aber er ist Künstler, kein Ideologe – und so holt ihn bereits Mitte der Siebzigerjahre seine Berufung wieder ein, die Landschaftsmalerei, die er auf prägende frühe Jahre in der Wildnis außerhalb des kriegszerstörten Berlins zurückführt.
Seine Bedeutung für die Malerei ist eine doppelte: Es ist ihm gelungen, durch seinen individuellen Ansatz der Transformation von Natur in Malerei einen lange unter Kitschverdacht stehenden Begriff zu entstauben und ein Nachspüren von Naturerlebnissen jenseits bloßer Abbildqualitäten zu ermöglichen. Doch auch sein Wirken als Professor an der Berliner Universität der Künste gilt es zu würdigen: Wie die Ausstellung „Vitales Echo“ im Künstlerhaus Bethanien 2016 zeigte, hat seine lebenslange Arbeit an bildnerischer Verdichtung einen Nachhall im Werk vieler seiner Schüler ausgelöst.
Bernd Koberling, Gentleman und Maler der Neuen Wilden.
© KEWENIG/Christian Schulz
In seinem späteren Werk hat er einen zeitgemäßen Zugang zurück zur einst geschmähten Abstraktion gefunden: So erinnern seine wie poetische Aquarelle wirkenden Acrylmalereien an jene zellulären Tiefenebenen des Lebens, deren filigrane Schönheit sich nur starken Mikroskopen offenbart. Doch selbst, wenn seine Malerei milder geworden ist – wild werden kann er noch heute: Es genügt, ihn auf die Kreuzberger Gewerbemieten anzusprechen.
Bernd Koberling: Malerei 2003–2018, 6.11. bis 26.1., Di–Sa 11–18 Uhr, Galerie Kewenig, Brüderstraße 10
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