Interne Warnung

Zwei Lebensmüde wollen sich von der Berliner Polizei erschießen lassen

Berlins Funkwagenbesatzungen wurden vor „Suicide by Cop“-Gefahr gewarnt.

Andreas Kopietz
3 Min
Polizisten, die Streife laufen und zu Einsatzorten gerufen werden, sollen vor allem reden, bevor sie die Waffe ziehen.

Polizisten, die Streife laufen und zu Einsatzorten gerufen werden, sollen vor allem reden, bevor sie die Waffe ziehen.

© dpa

„Suicide by Cop“ wird dieses Phänomen genannt, das bislang vor allem in den USA eine Rolle spielte. Doch Anfang dieser Woche erging durch das Berliner Polizeipräsidium ein Warnhinweis an alle Funkstreifenbesatzungen. Darin wird auf zwei Personen verwiesen, die es offenbar darauf angelegt haben, von der Polizei erschossen zu werden.

Ins Krankenhaus eingeliefert

Am vergangenen Sonntag schrie die 29-jährige verwirrte Frau Polizisten an, die um sie herumstanden. Dann griff sie in ihre Bauchtasche und zog eine Pistole. „Es war nicht ersichtlich, dass es sich bei der Waffe um eine Schreckschusswaffe handelte“, sagt Polizeisprecher Thomas Neuendorf auf Anfrage. Durch ein geschicktes Vorgehen hätten die Beamten die Frau überwältigt, ohne dass sie schossen.

Die Frau wurde ins Krankenhaus Neukölln eingeliefert. Bei ihrer Entlassung äußerte sie gegenüber einem Arzt die Absicht, sich von der Polizei erschießen zu lassen.

Ein anderer Vorfall ereignete sich am 4. Oktober in einem Flüchtlingsheim an der Spandauer Schmidt-Knobelsdorf-Straße. Ein 34-jähriger Ägypter sah überall Verrat und fühlte sich verfolgt. Er machte deutlich, dass er die Konfrontation mit Polizisten suchen wolle, damit sie ihn erschießen. Nach einer zeitweiligen psychiatrischen Unterbringung im Krankenhaus wurde er wieder entlassen.

Das Phänomen „Suicide by Cop“ hat die Berliner Polizei bislang noch nicht groß beschäftigt. Fälle, dass sich Selbstmörder von Polizisten erschießen lassen wollten, wurden laut Polizeisprecher Neuendorf bisher nicht bekannt. Er sieht das Problem, dass eine Suizid-Absicht für einen Polizisten nicht erkennbar sei. „Der Angreifer verhält sich so wie ein echter Angreifer.“ Der Beamte sehe zunächst einmal die Gefahrenlage.

Sieben Meter sind die Grenze

Eine Regel besagt: Sobald ein mit Stichwaffen bewaffneter Angreifer sieben Meter entfernt steht, ist sein Handeln nicht mehr vorauszusehen. „In der Ausbildung lernen die Polizisten Möglichkeiten kennen, den Stress zu vermindern“, sagt ein Trainer. Das diene alles nur dem Ziel zu deeskalieren, mit der Sprache und nicht mit der Waffe.

Doch bei bestimmten Leuten kommt man damit nicht weiter. Etwa im August in Falkensee (Havelland), als ein 26-jähriger Berliner damit drohte, sich umzubringen. Polizisten bedrohte er mit einer Schreckschusspistole, die wie eine scharfe Waffe aussah. Daraufhin schoss ihm ein Beamter in die Beine. Einige Tage zuvor hatte eine Polizistin in Hellersdorf einen Mann angeschossen, der mit einem Motorradkettenschloss auf sie losgegangen war.

BdK fordert andere Ausbildung

Wollte er erschossen werden? So wie der Verwirrte, der 2013 am Neptunbrunnen mit einem Messer auf einen Polizisten losging? Oder wie jener Mann, der 2012 in Wedding mit einer Axt Polizisten attackierte? In diesem Fall hat die Mordkommission sogar entsprechende Zeugenaussagen.

Die Frage, ob diese Leute erschossen werden wollten, beschäftigt Michael Böhl, Landesvorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter. „Das Phänomen ,Suicide by Cop‘ ist wahrscheinlich nicht neu, es ist in Berlin offenbar nur noch nicht zur Kenntnis genommen worden“, sagt der Kriminalist.

„Wir wissen in Deutschland einfach zu wenig darüber und sollten uns ohne Panikmache informieren und wappnen. Diese Versuche, sich öffentlichkeitswirksam ins Jenseits zu befördern, führen bei Weitem nicht immer zum Erfolg. Vor allem, wenn die Polizisten gut ausgebildet sind“, sagt Böhl. Jedoch verlangt er eine Neuausrichtung des Einsatztrainings: „Es wäre sinnvoll, Erfahrungen anderer Länder und Psychologen einfließen zu lassen.“

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