Berliner Schnauze

Von wejen kalter Kaffe

Das Verhältnis der Berliner zum Kaffee ist ganz speziell.

Torsten Harmsen
2 Min

„Ick kann et nich sehn“, sagt meine alte Tante, „wie die da mit die Pappbecher rumrenn’.“ Sie meint die Kaffeetrinker auf dem Weg zur Arbeit. Auch das Trinken aus „Kaffetöppen“ missbehagt ihr. Nichts gehe über einen schön gedeckten Tisch mit Kaffeetassen, sagt sie. Stimmt, denke ich, und schlürfe dabei aus meinem großen Kaffeetopp, auf dem steht „Ich war’s nicht“, um nach diesem kühl-trüben Osterfest endlich wieder wach zu werden.

Jeder Deutsche  trinkt im Schnitt 150 Liter Kaffee im Jahr. Auf die 3,5  Millionen Hauptstädter umgerechnet sind das 525 Millionen Liter – das Volumen von mehr als 200 olympischen Schwimmbecken. Kinder  sind als Konsumenten natürlich nicht mitgerechnet. Obwohl:  Ich kannte mal eine 14-Jährige, die acht Tassen am Tag trank.

Der Berliner sagt „Kaffe“. Dafür wird er oft belächelt. Aber er ist damit tatsächlich näher dran an dem arabischen „qahwa“ als die anderen mit ihrem französisch klingenden „Kaffee“. Das Berlinische steckt voll von „Kaffe“-Begriffen. Der alte Berliner hat sehr oft „Kaffedurscht“, aber „nach echtem Bohnenkaffe“, nicht nach „so ner Zichorienbrühe“ wie in Notzeiten nach dem Kriege, als man sang: „Für einen richtjen Mann jibts Kaffeersatz!“. Im Originalschlager von 1942 hieß es „keinen Ersatz“.

„Da kommt ei’m ja der Kaffe hoch!“

Für die Kinder gibt’s „Muckefuck“. Und zu getrocknetem Kaffee sagt der Berliner „Krümelkaffe“. Manche mögen den Kaffee „türkisch“, also in der Tasse aufgegossen. Filterkaffee ist für sie, „als wennste ne Frau durch'n Schleier küsst“. Dünnen Kaffee nennt man „Lorke“, „Plörre“ oder „Blümchenkaffe“, und wenn der Kellner dann fragt: „War der Kaffee gut?“ sagt man: „Nich die Bohne!“.

„Kalta Kaffe“ ist alles, was den Berliner nicht interessiert oder was er geringschätzt. Und wenn er sich ärgert, sagt er: „Da kommt ei’m ja der Kaffe hoch!“ An früheren Ausflugsrestaurants stand übrigens oft „Hier können Familien Kaffee kochen“.

Der Berliner muss sich allerdings – wie alle anderen Nördlinge – klarmachen, dass er von einem Stoff abhängt, über den er nicht selbst verfügt. Dies ist eine historisch heikle Situation. Es ist fast so, als seien die Brasilianer abhängig von einer täglichen Schüssel märkischer Kienäppel-Suppe. Aber vielleicht sorgt der Klimawandel auch dafür, dass wir hier bald selbst Kaffee anbauen.

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