Berliner schwer erkrankt

Wenn ein Blutspender plötzlich selber Blut braucht

Der Berliner Andreas Kramer hat im Laufe seines Lebens insgesamt 25 Liter Blut gespendet. Dann erkrankte er schwer und brauchte selbst jede Menge Blutplasma. Dass nur so wenige Menschen spenden, versteht er nicht.

Claudia Fuchs
6 Min
Andreas Kramer im Blutspendebus, der regelmäßig vor seiner Bank steht.

Andreas Kramer im Blutspendebus, der regelmäßig vor seiner Bank steht.

© berliner zeitung/Markus Wächter Lizenz

Nachdem Andreas Kramer zum 50. Mal Blut gespendet hatte, wurde er im Frühjahr 2014 eingeladen vom Deutschen Roten Kreuz – zu einer Feier als Dank für ihn und andere Jubiläumsspender. Doch Andreas Kramer konnte nicht kommen: Er lag auf der Intensivstation im Krankenhaus, litt unter einer schwerwiegenden Autoimmunerkrankung des Gehirns, die unter anderem für Krampfanfälle und Gedächtnisverlust sorgte. Einer Krankheit, die so selten ist, dass sie bei Andreas Kramer drei Monate lang unentdeckt blieb. Kramer, Mitarbeiter einer Bank, wäre ohne ärztliche Hilfe gestorben.

Dass er wieder gesund geworden ist, verdankt er – außer den Ärzten – anderen Blutspendern. Denn Andreas Kramer, der bis dahin 25 Liter Blut gespendet hatte, wurde selbst zum Empfänger. Zwei Tage lang wurde ihm Blutplasma infundiert, nur so konnten die Antikörper in seinem Blut verschwinden.

Gesund und dankbar dafür


Bedarf: Forschungen besagen, dass jeder Mensch mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 bis 80 Prozent im Laufe seines Lebens auf ein Blutprodukt angewiesen ist.

Bundesrepublik: Jedes Jahr werden in Deutschland 4,6 Millionen Blutspenden von etwa 2,7 Millionen Spendern entnommen. In Berlin werden jeden Tag 15 000 Blutspenden benötigt. Gespendet werden kann beim DRK, staatlichen Einrichtungen und privaten Blutspendediensten.

Spender: Spenden kann, wer 18 bis 72 Jahre alt ist und mindestens 50 Kilo wiegt. Männer dürfen sechs Mal pro Jahr spenden, Frauen vier Mal. 33 Prozent der Bevölkerung sind theoretisch zum Spenden geeignet, es spenden aber nur drei Prozent.

Blutgruppen: Es gibt vier Blutgruppen (A, B, AB und 0), sie sind sehr unterschiedlich verteilt. Am häufigsten kommen A und 0 vor. Blutgruppen werden zudem am Rhesusfaktor unterschieden, 85 Prozent verfügen über ihn, 15 Prozent sind rhesus-negativ. Blutgruppen sind meist nicht kompatibel. Nur die Blutgruppe 0 negativ kann allen als Spenderblut verabreicht werden, Menschen mit AB positiv kann jede Blutgruppe verabreicht werden.

Ablauf: Vor der Spende werden Personalien erfasst. Eine kleine Untersuchung und ein Fragebogen prüfen die Tauglichkeit. Die eigentliche Spende von 500 Milliliter Blut dauert sieben bis zehn Minuten.

Haltbarkeit: Rote Blutkörperchen – der Hauptbedarf bei Spenden – sind bei vier Grad bis zu sieben Wochen haltbar, Blutplasma bei minus 40 Grad zwei Jahre lang. Blutplättchen sind nur vier Tage haltbar.

Infos unter: www.blutspende-nordost.de


Andreas Kramer ist ein hochgewachsener, schlanker Mann. Wenn er über die Zeit im Frühjahr 2014 und seine Erkrankung spricht, sieht man, wie schwer die Erinnerungen an diese Tage und Wochen auch nach anderthalb Jahren noch wiegen. Als endlich die Diagnose feststand und Ärzte empfahlen, ihm Blutplasma zu verabreichen, und ihn um seine Einwilligung baten, zögerte er keine Sekunde. „Natürlich, weil ich keine andere Wahl hatte“, sagt er, „aber auch, weil ich wusste, wie sicher Spenderblut ist.“

Er lag im Bett, über seine Halsvenen tropfte Blutplasma in seinen Körper, und er blickte geradewegs auf die Beutel mit der gelben Plasma-Flüssigkeit. „Da hab ich an die Leute gedacht, die das Plasma gespendet haben. Dass es andere Menschen sind, die mir die Möglichkeit geben, gesund zu werden.“

Andreas Kramer ist 18 Jahre alt, als er zum ersten Mal zum Blutspenden geht. Er lebt damals im Siegerland in Nordrhein-Westfalen. Kramer belegt einen Erste-Hilfe-Kurs beim DRK, und da auch seine Eltern spenden, ist es irgendwie folgerichtig, dass auch er zum Blutspender wird. Kramer spendet fortan in unregelmäßigen Abständen, er studiert, später zieht er nach Berlin.

Und da ändert sich alles.

Blutspendebus vorm Arbeitsplatz

Denn genau vor seiner Bank steht in regelmäßigen Abständen ein Blutspendebus des DRK. „Ich habe da irgendwie Ehrgeiz entwickelt“, erzählt er. Wenn der Bus da stand, kam auch Kramer und ließ sich Blut abnehmen. 500 Milliliter, Blutgruppe 0 positiv. In den folgenden 24 Stunden wird das Blut auf Blutgruppe, Antikörper und Infektionen untersucht, und anschließend in drei Bestandteile aufgeteilt: rote Blutkörperchen, Blutplasma und Blutplättchen. Pro Spende kann somit drei Patienten geholfen werden. Blutspender werden verstärkt in Ferienzeiten, wie jetzt im Herbst oder über Weihnachten gesucht, weil dann auch viele der regelmäßigen Spender verreist sind.

Kramer, der wie alle beim DRK freiwillig und kostenlos spendet, hat beim Spenden immer eine Person vor Augen: seine Tante. „Sie starb bereits jung an Krebs und brauchte Spenderblut in nicht unerheblicher Menge.“ Und noch einen Grund hatte er zu spenden: „Ich war immer gesund und dankbar dafür. Es ging mir gut, und davon wollte ich anderen was abgeben.“ Dass er selbst zum Empfänger werden könnte, war nichts, worüber er nachdachte.

Als Kramer im Sommer 2014 wieder gesund ist, kommt er der Einladung des DRK zur Feier nach, wenn auch verspätet. „Wir wurden in Dreiergruppen nach vorn gebeten, dann gab eine Urkunde und eine Ehrennadel“, erinnert er sich. Völlig unüblich, bittet Kramer selbst um das Wort. „Dort im Saal waren 100 Leute, und es war nicht auszuschließen, dass einer von ihnen mir Blut gespendet hat“, sagt er. Er, der geehrte Spender, der auch Empfänger war, bedankt sich an diesem Tag bei den Männern und Frauen.

Eine Art Abschluss

Dass nur so wenige Menschen Blut spenden, versteht er nicht. Für ihn, der ohne eigene Not so oft spenden ging, ist das nun eine echte Herzensangelegenheit geworden. „Er ist ein guter Botschafter fürs Blutspenden“, sagt Kerstin Schweiger, Sprecherin des DRK-Blutspendedienstes Nordost, der für Berlin, Brandenburg, Sachsen, Schleswig-Holstein und Hamburg zuständig ist. Andreas Kramer sprach bereits vor Männern und Frauen, die mehr als 100 Mal Blut gespendet haben. „Er hat dort sehr berührende Worte gefunden“, sagt Schweiger.

„Damals Danke zu sagen, war sehr wichtig für mich“, sagt Kramer. „Das war auch eine Art Abschluss.“ Abschluss von der Krankheit, aber auch vom Blutspenden. Denn wer einmal Empfänger einer Bluttransfusion war, darf Zeit seines Lebens nicht mehr spenden. „Das macht mich schon wehmütig, wenn der Blutspendebus wieder vor der Bank steht“, sagt er. Schließlich weckt das Erinnerungen an die Zeit vor seiner Erkrankung. „Aber der Bus macht mir auch klar, wie gut es mir heute geht.“ Seine Geschichte sei schließlich keine Geschichte zum Weinen. „Sie ist ja gut ausgegangen.“

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