Der Gasometer an der Torgauer Straße ist ein Wahrzeichen von Schöneberg. Das 78 Meter hohe markante Stahlskelett erinnert von weit her daran, dass der heutige Teilbezirk vor 100 Jahren wichtiger Standort für die Energieversorgung Berlins war. Bei seiner Inbetriebnahme 1913 zählte er zu einem der drei größten Gasbehälter Europas. Erst 1995 nahm die Gasag den Behälter vom Netz. 2007 wurde er zusammen mit dem Gelände verkauft.
Seitdem gibt es dort regelmäßig Richtfeste, Einweihungen, Premieren. Ständig macht irgendwo eine Firma aus der Energie- oder Mobilitätsbranche auf, ständig präsentiert die Technische Universität neue Kooperationen, ständig stellt die Deutsche Bahn innovative Verkehrsprojekte vor, ständig gibt es Fototermine an 50 Ladestationen für Elektroladeautos. Überall wird entwickelt und geforscht und erprobt. Nicht zuletzt bringt die ARD-Talkshow von und mit Günther Jauch den Gasometer jeden Sonntagabend in Millionen Wohnzimmer. Insgesamt 25 Gebäude sollen einmal auf dem Areal zu finden sein, das Europäische Energieforum (Euref) den Wissenschaftsstandort Berlin schmücken. Doch jetzt stockt der Ausbau.
Bezirk fordert Bürgschaft
Die britische Imperial Continental Gas Association gründet 1825 auf dem heutigen Standort das erste Gaswerk für Berlin.
Ab 1910 wird der heutige Gasometer errichtet mit einem Volumen von bis zu 160 000 Kubikmetern. 1913 geht er ans Netz, 1995 wird er stillgelegt. Heute steht er unter Denkmalschutz.
Die Gasag verkauft das Gelände an die Euref, die ab 2007 in die Entwicklung eines Campus für innovative und nachhaltige Technologien investiert.
Die Euref AG will zwei Bürobauten errichten, doch das Stadtplanungsamt von Tempelhof-Schöneberg stellt sich quer. Es will den Bau nicht genehmigen. Begründung: Die Euref erfülle ihre Verpflichtungen nicht. Der Investor habe keine Bürgschaften für den Bau einer Erschließungsstraße vorgelegt. Also gebe es auch keine materielle Planreife, so der Fachbegriff, sagt das Amt.
Diese Straße – ein Neubau, der vom Sachsendamm über den Tempelhofer Weg den Bahndamm des S-Bahnrings durchqueren und schließlich in die Torgauer Straße münden würde (siehe Karte) – soll einen großen Teil des Verkehrs zum Gelände übernehmen. Der bisher einzige Zugangsweg, die Torgauer Straße, ist mit ihrem Kopfsteinpflaster und dem schmalen Fußweg für alle Verkehrsteilnehmer eine Tortur. Ob sie überhaupt mehr Verkehr bewältigen könnte, ist umstritten. Außerdem würde die Erschließungsstraße eine Verbindung zur Autobahn schaffen und damit Verkehr vom Wohnkiez fernhalten. Zwischen 11 und 14 Millionen Euro soll die Straße kosten. Abgemacht ist, dass die Euref einen Teil davon bezahlt, den Rest übernähmen Bezirk und Land Berlin. Die Frage ist jetzt vor allem: Wann bezahlt die Euref?
Euref-Vorstand Benjamin Melcher hält die Straße derzeit für nicht notwendig. Gutachten besagten, dass derzeit keine extra Erschließung gebraucht werde, die Verkehrszunahme sei „annehmbar“, eine neue Straße allenfalls „eine Sache des Komforts“. Motto: Kann man bauen, muss man aber nicht. Also mache man’s eben nicht. Melcher sagt, er fühle sich „wie vor den Kopf gestoßen“. Übrig bleibe ein „Gefühl der Behinderung, der Nicht-Unterstützung“ – und das, obwohl man doch weiter investieren und damit 1 200 neue Arbeitsplätze schaffen wolle.
Streit zwischen Grünen und SPD
Der Streit ist auch ein Streit zwischen den Grünen und der SPD. Die (grüne) Bezirksstadträtin für Stadtentwicklung, Sibyll Klotz, beharrt darauf, dass „ich gar nicht anders entscheiden kann. Wir brauchen Sicherheiten, falls der Investor sich vom Acker macht.“ Ohne die Sicherheiten könne und dürfe die öffentliche Hand in so einem Fall gar nicht investieren. Das sehe im Übrigen auch das bezirkliche Rechtsamt so.
Mit ihrer klaren Haltung steht Klotz im Widerspruch zur SPD, mit der die Grünen eine Zählgemeinschaft im Bezirk haben. Die SPD sieht im Vorgehen des Investors kein Problem, Berlins ehemaliger Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) agiert als Lobbyist und Türöffner für die Euref. In der September-Sitzung des Bezirksparlaments stimmte schon die CDU mit der SPD: Stadträtin Klotz solle die Genehmigungen erteilen.
Dazu muss man wissen, dass die Umweltpartei im Bezirk das Geschehen auf dem Gelände immer schon kritisch beäugt hat – so manches hat sie schon verhindert oder zumindest verändert. So darf der Gasometer selbst nicht wie ursprünglich geplant bebaut werden. Statt ursprünglich 65 Meter darf der Wohnungsbau im Gerüst nur noch 57 Meter hoch werden, die oberen zwei Felder des Skeletts bleiben frei.
Jetzt wurde die höhere Ebene eingeschaltet, die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, mit Senator Andreas Geisel an der Spitze – einem SPD-Mann. Klotz sagt: „Sollen die entscheiden. Ich sehe aber nicht, wie sie sich über geltendes Recht hinwegsetzen können.“
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