Berlins Bilderbuch-Kita

Manche Parlamentarier tragen noch Windeln

Stefanie Hildebrandt
3 Min
Abstimmen übers Essen. Bei den Weltentdeckern ganz selbstverständlich.

Abstimmen übers Essen. Bei den Weltentdeckern ganz selbstverständlich.

© Thomas Uhlemann

Mehr als 1400 Kitas haben sich für den Deutschen Kitapreis beworben. Im Mai wird er zum ersten Mal verliehen. In Berlin haben es zwei Kitas unter die zehn Finalisten geschafft. Die Kaulsdorfer Kita „Kleine Weltentdecker“ gehört neben der Friedrichshainer Kita „Menschenkinder“ zu Deutschlands Spitzenkitas, hat gute Chancen, zur besten Deutschlands gewählt zu werden.

Martina Junius, die Leiterin der Kita, empfängt uns mit einem Lächeln. Die trockenen Zahlen sind schnell referiert. 190 Kinder werden  in neun Gruppen betreut. 36 Erzieherinnen arbeiten hier. An einem sonnigen Vormittag wie diesem sind natürlich alle draußen im Garten. Eine gute Gelegenheit, sich die  Gruppenräume genauer anzusehen.

Die Zimmer quellen über vor Kreativität. Da gibt es den Bauraum, Dinos aus Salzteig liegen zum Trocknen aus. Computerraum, Tanzraum, Holzwerkstatt, jede Menge Bewegungsräume, ein Erlebnisbad und ein „Snoozleraum“ zum Ausruhen sind schon ziemlich eindrucksvoll. Kein Wunder, dass die Warteliste der Kita ellenlang ist. Doch die  Ausstattung ist lange nicht alles.

Eine weitere Besonderheit: Das Kinderparlament. Für das Gremium, in dem Kinder Entscheidungen über den Speiseplan fällen, kann jeder kandidieren. Zur Wahl ihrer Vertreter haben die Knirpse eigens Wahlplakate angefertigt. Mit Murmeln wurde abgestimmt. Alle zwei Wochen tagen nun neun Parlamentarier, manche tragen noch Windeln.

2010 wurde die Kita des Trägers FIPP saniert. Martina Junius ist die engagierte Leiterin der Kita.

2010 wurde die Kita des Trägers FIPP saniert. Martina Junius ist die engagierte Leiterin der Kita.

© Thomas Uhlemann

Was es noch zur frühkindlichen Demokratieübung braucht? Laminierte Karten mit Nahrungsmitteln und Murmeln. Eis oder Pudding zum Dessert? Selbst ein Anderthalbjähriger macht sich die Geschmacksentscheidung nicht leicht. Lange überlegt er, wählt am Ende das Eis. Und das gibt es dann auch. „Einmal gab es Nudeln mit Bratwurst und Brokkoli“, sagt Kitaleiterin Martina Junius. Schräg, aber lecker. Und ein Mehrheitsbeschluss. Die Vorzüge der Parlamentsarbeit: „Die Kinder sprechen viel, argumentieren. Sprachförderung passiert ganz automatisch“, sagt Junius. Und Entscheiden stärke das Selbstbewusstsein.

Auch außerhalb der Kita machen die Weltentdecker vielfältige Erfahrungen. Sie unternehmen Ausflüge, gehen beim Bäcker einkaufen, in die Bibliothek, ins Seniorenheim. Regelmäßig gibt es einen Waldtag. Im Mittelpunkt steht immer das Kind, das schon so viel kann, wenn man es denn lässt.

Bei den Jüngsten arbeiten die Erzieherinnen nach Methoden der ungarischen Kinderärztin Emmi Pikler. Immer wird das Kind in die Handlungen einbezogen, es soll so viel wie möglich selber machen. Im Mäusenest oder bei der Bärenbande fällt auf, wie entspannt und ruhig die Kinder miteinander umgehen. Da ist es kein Problem, wenn schon die Jüngsten aus echten Gläsern trinken. Und überhaupt – Echtheit: an allen Ecken spürt man es. Kinder werden hier ernst genommen.

„An der Entwicklung der Kinder sehen wir, dass wir vieles richtig machen“, sagt Martina Junius. „Klar, dass das nur mit einem guten Team funktioniert.“ Und so gehört es zu den Standards des Trägers, Sorge für die Gesundheit der Erzieherinnen zu tragen.

Freitags kommt eine Therapeutin, bietet Massagen an. Regelmäßig führt Martina Junius mit ihren Erzieherinnen Gespräche über deren Bedürfnisse. „Das Problem des Erziehermangels haben wir nicht“, so Junius. „Wenn die Kolleginnen merken, wie viel man gemeinsam bewegen kann, motiviert das.“ Und wenn Erzieher zufrieden sind, spüren das auch die Kinder. „Man muss an sich und seine Chancen glauben“, sagt Martina Junius. Und vielleicht ist dies das Wichtigste, was die Kinder hier lernen.

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