Bernward Eberenz zieht am Strohhalm. Das macht er immer, wenn ihm ein Thema unangenehm ist. Er sitzt im „India Palace“ in der Hermannstraße am letzten Tisch und trinkt Mango-Lassi, ein Joghurtgetränk. Er wohnt gleich um die Ecke, aber zu Hause will er keine Journalisten empfangen.
Er ist misstrauisch, am liebsten will er gar nichts über sich erzählen, aber er muss das jetzt machen. Er ist Stadtratskandidat der AfD in Neukölln. Im Juli ist er in die neue rechte Partei eingetreten, im Oktober stand er das erste Mal zur Wahl. Eine politische Karriere in drei Monaten. Aber wer ist dieser Mann?
Eberenz spricht Russisch und Türkisch
Er nennt sich Künstler und Philosoph, ist offen schwul, spricht Russisch und Türkisch, hat mal in Istanbul gelebt und unterrichtet Deutsch als Fremdsprache. Im Internet findet man unter seinem Namen eine Website mit sogenannten „Charakterskizzen“, Audio-Aufnahmen namens „Die Charmefreche“ oder „Der Seelhorch“.
Bis vor Kurzem hatte er auch noch eine Website über Reinkarnation, die ist inzwischen gelöscht. Auf anderen Seiten stößt man auf Texte von ihm, in denen er die heutige Gesellschaft als „faschistisch“ bezeichnet sowie „die verdeckte staatliche und wirtschaftliche Gewalt“ anprangert. Und dann gibt es noch Einträge unter „Leo Ben Schröder“, seinem anderen Namen. Eine Werbung für „Turkish Delight, Istanbuls erstes schwules Bed & Breakfast“, sowie einen Artikel aus der türkischen Tageszeitung Sabah mit einem Hochzeitsfoto von Eberenz und seinem Freund, aufgenommen in Berlin-Schöneberg.
Martin Hikel, Chef der Neuköllner SPD, nennt Eberenz einen „skurrilen Typen“. „Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er sagen würde, er sei Kandidat der Grünen“, sagt Bernd Szczepanski, der grüne Fraktionsvorsitzende aus Neukölln. Franziska Giffey, Neuköllns SPD-Bürgermeisterin, sagt, sie hätte Eberenz nach seiner Vorstellung bei ihr am liebsten gefragt: „Und was machen Sie in dieser Partei?“
Fragt man Eberenz danach, spricht er von der Flüchtlingskrise, falschen Entscheidungen der Bundesregierung, dem kulturellen Auflösungsprozess in Europa und einer arabisch-türkischen Gang, vor der er auf der Oranienstraße in einen Hauseingang flüchten musste. Aber die eigentlichen Gründe findet man, wenn er über sein Leben spricht.
"Ich galt als Einzelgänger"
Er ist 55, in Frankfurt am Main geboren. Seine Mutter, eine Kommunistin, zog Ende der Fünfzigerjahre in die DDR, verlegte Rohre im Rostocker Hafen, nach drei Jahren ging sie enttäuscht zurück in den Westen, wurde Theologin und Kunstpädagogin, zog ihn alleine auf. Über seinen Vater spricht er nicht. Eberenz ging in einen katholischen Kindergarten, war gut in der Schule, hatte wenig Freunde. „Ich galt als Einzelgänger.“
Sein Studium – Musik, Geschichte und Philosophie – schloss er „in Rekordzeit“ ab, fand sich aber trotzdem „furchtbar dumm“ und hatte keine Ahnung, was er werden sollte. In den Achtzigern war er gegen Atomkraft, in den Neunzigern zog er nach Berlin, schrieb für die taz, reiste durch die USA, fuhr Taxi, bot Verlagen Oscar-Wilde-Interpretationen an, gab Klavier- und Deutschunterricht, komponierte, dichtete. Berlin gefiel ihm, hier fühlte er sich frei. Er tauschte seinen altgermanischen Namen gegen einen, der besser zu ihm passte: Leo Ben Schröder. „Schröder wie der von den Peanuts“, sagt er, seine Deutschlehrerin an der Schule habe ihn immer mit ihm verglichen.
Er lernte Türkisch an der FU, weil ihn die Sprache interessierte und die Kultur, reiste nach Istanbul, verliebte sich in einer Bar am Taksim-Platz in Ali, der eigentlich anders heißt. Eberenz hat darum gebeten, den Namen zu ändern. Ali war „bildungsbeflissen und offen schwul“. Sie zogen zusammen nach Berlin, lernten in einem Verein andere schwule Paare kennen.
Als das Gesetz zur Homo-Ehe im Bundestag verabschiedet wurde, suchten die Grünen nach Paaren, die sie zu ihrem Polterabend einladen konnten. Es war das Jahr 2001, Berlin hatte einen schwulen Bürgermeister, und auch für Eberenz, der erst mit Mitte 20 sein Coming-out hatte, schien eine neue Zeit anzubrechen: eine bessere Zeit. Er wusste jetzt, wer er war und was er wollte. Ein Jahr nach der Feier im Tränenpalast gaben er und sein türkischer Freund sich das Jawort. Es gibt ein Foto von diesem Tag: Eberenz im schwarzen Frack und Fliege, Ali in schwarz-gold besticktem Kaftan, weißem Rüschenhemd und einer Art Stoffkrone auf dem Kopf.
"Ich dachte, mir fliegt das Blech weg"
Sie haben den Arm umeinander gelegt und lächeln. Man sieht ihnen nicht an, dass es am Tag zuvor zu einem heftigen Streit gekommen war, weil Ali seiner Familie gesagt hatte, die Hochzeit finde nur statt, damit er in Deutschland leben könne. Es sei eine Scheinehe, mehr nicht. „Wir saßen hier in meiner Wohnung in Neukölln am Küchentisch, die Mutter war extra angereist, ich hatte ihr ein Visum besorgt, und der sagt allen Ernstes, das sei doch alles nur ein Trick. Ich dachte, mir fliegt das Blech weg“, sagt Eberenz, der sich sonst eher gewählt ausdrückt.
Es war ein erstes Anzeichen für die Probleme, die folgen sollten, eine Warnung: zwei Männer aus verschiedenen Welten, mit verschiedenen Interessen. Der eine wollte einen Partner, der andere die deutsche Staatsbürgerschaft. Die Hochzeit fand trotzdem statt. Einer, der dabei war, erinnert sich an eine „lustige Feier in einem Schwulenlokal im Prenzlauer Berg“, aber auch daran, dass Alis Mutter die ganze Zeit nur weinte.
Wie es weiter ging mit der Beziehung, weiß der Mann nur noch aus den türkischen Zeitungen. Und dass Ali in Berlin nicht richtig Fuß fasste, weiß er auch. Eberenz hatte ihn in einem Bildungswerk für Migranten in Kreuzberg untergebracht, wo er selbst unterrichtete. Als Ali das Programm abbrach, kündigte auch Eberenz seine Stelle.
Das Paar zog nach Istanbul. Eberenz gab Ausländern Türkischunterricht, kaufte eine Wohnung, die Idee mit dem Bed and Breakfast entstand, „Turkish Delight“: Touristen nicht nur Unterkunft anbieten, sondern auch Sprachunterricht und Ausflüge ins Istanbuler Nachtleben. „Es gab schöne Momente“, sagt Eberenz. „Aber Ali wollte immer alles bestimmen. Er behandelte mich, wie türkische Männer ihre Frauen behandeln.“
Als Ali fremdging, drohte Eberenz mit Trennung
Als Ali fremdging, drohte Eberenz mit Trennung. Die türkische Verwandtschaft warf ihm Verrat vor. Ali hatte noch nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Streit eskalierte, als Eberenz nicht die Wohnung verkaufen konnte, weil sie auf den Namen von Alis Mutter eingetragen war. Er wandte sich an die Tageszeitung Sabah. Ein großer Artikel erschien, dazu Fotos, eins von der Hochzeit und eins, das Ali mit seinem neuen Lover zeigte. Als Beweis. Die hoffnungsvolle deutsch-türkische Beziehung, im Tränenpalast von Claudia Roth gesegnet, endete in einem orientalischen Rosenkrieg. Eberenz spricht von „einer schweren Enttäuschung und einer drastischen Erfahrung“. Sie hat alles verändert.
Aus Leo Ben Schröder ist wieder Bernward Eberenz geworden. Ein Mann, der das Parteiprogramm der AfD im Rucksack mit sich herumträgt, Neukölln gefährlich findet, nie wieder in Istanbul war und kaum noch Türkisch spricht. Über die Grünen-Party im Tränenpalast sagt er, Ali und er seien vorgeführt worden, „ein bisschen wie Affen im Zoo“. Die Homo-Ehe lehnt er ab. Seine Arbeit im Kreuzberger Bildungswerk bezeichnet er als „völligen Fehlschlag“. Eberenz sagt, er sei dort Koordinator gewesen. Im Bildungswerk weiß man davon nichts.
Aber man erinnert sich an ihn. An einen Lehrer, der ein altmodisches Türkisch sprach und den hohen Anforderungen nicht gewachsen war. Eberenz sagt: „Türken, die hier aufgewachsen sind, sprechen oft hundsmiserabel türkisch, von der Motivation ganz zu schweigen.“
Schuld sind immer nur die anderen
Schuld sind immer nur die anderen. Sein türkischer Freund, die unmotivierten Jugendlichen – und seit Neuestem auch die Flüchtlinge und jene Politiker, die sie ins Land gelassen haben. „Es heißt immer, statistisch gesehen gibt es keinen Anstieg der Kriminalität. Das ist mir scheißegal. Die Realität verändert sich. Ich weiß das“, sagt er. Und dass er nicht begreife, „wie sonst super religionskritische Menschen auf einmal ihre Liebe zum Islam entdecken und zur Toleranz auffordern“. Eberenz redet sich in Rage. Er spricht über die Flüchtlingskrise und über die Deutschen, aber es scheint, als spreche er auch immer über sich. Vielleicht will er sein Land vor den Fehlern bewahren, die er selbst einst gemacht hat. Vielleicht will er sich rächen.
Im letzten Sommer kam er am AfD-Wahlstand mit dem Neuköllner Bezirksvorsitzenden ins Gespräch und fühlte sich verstanden, sagt er. Im Juli trat er in die Partei ein. Im September erreichte die AfD in Neukölln 12,7 Prozent und damit das Anrecht auf einen Stadtratsposten. Im Oktober stellte er sich in der Fraktion zur Wahl und wurde unter acht Kandidaten ausgewählt.
Die Linken trugen „Fck-AfD“-Shirts
Bei der ersten Bezirksverordnetenversammlung fehlte sein polizeiliches Führungszeugnis. Bei der zweiten bekam er zu wenig Stimmen. Vor dem Rathaus protestierten AfD-Gegner, die Linken trugen „Fck-AfD“-Shirts, die Sozialdemokraten verlasen eine Erklärung, sie seien nicht zur Zusammenarbeit mit der AfD bereit. Dabei war für den neuen Stadtrat ohnehin im Vorfeld ein Amt kreiert worden, in dem er keinen Schaden anrichten kann. Aus der Verwaltung für „Soziales, Bauen, Natur und Bürgerdienste“ ist nur noch Natur übrig geblieben.
Die anderen Bereiche wurden auf andere Ämter verteilt. Aber auch ein Mini-Amt ist für Eberenz ein Karrieresprung: 20 Mitarbeiter, Vorzimmer, 7 500 Euro brutto monatlich.
Er liest jetzt Gesetzestexte, Senatsvorlagen, beschäftigt sich mit Emissionswerten, dem Berliner Grundwasserspiegel, Tier- und Artenschutz. Er liebe Tiere, sagt er, und bringt sogar seinen Hund ins Spiel, ein italienisches Windspiel. Er will diesen Job. Unbedingt. Vor ein paar Wochen hat er allen Fraktionen eine Mail geschrieben und um ein Gespräch gebeten. Die Linke lehnte ab, die FDP hat ihn „fast freundschaftlich“ empfangen, die CDU stellte Fragen zum Alltag eines Stadtrats und zu Bildung. „Ich kam mir fast vor wie bei einem Verhör“, sagt Eberenz. Die Grünen wollten wissen, wie er zu Flüchtlingen steht.
Für die AfD ist er der Islamkritiker Eberenz
Bernward Eberenz weiß noch genau, was er geantwortet hat. Er streckt den Rücken durch und spielt sich selbst nach, hier beim Inder in der Hermannstraße. „Ich habe gesagt, ich unterrichte Flüchtlinge. Und ich tue das gern, weil ich mit Menschen aus aller Welt zu tun habe und mit Sprachen.“ Er lächelt und sagt, alle seien immer ganz irritiert von ihm. „Sind Sie auch irritiert?“ Interessiert schaut er über den Glasrand. Er spielt, er lockt, er wirbt für sich, wechselt die Rollen, wie es ihm gefällt. Für die AfD ist er der Islamkritiker Eberenz, für AfD-Kritiker gibt er den liberalen Leo Ben Schröder. Den kann er noch.
Oft redet er über „Herrn Hikel“, den Fraktionsvorsitzenden der SPD, der die Erklärung gegen ihn verlesen hat, seinen größten Gegner. Herr Hikel, anfangs fast feindselig, tausche inzwischen mehr als Höflichkeitsfloskeln mit ihm aus, sagt Eberenz. Neulich sei Herr Hikel ihm im Bus „in die Arme gelaufen“, richtig locker sei er da gewesen. Es klingt fast wie der Anfang einer Liebesbeziehung. Martin Hikel, 30 Jahre alt, 2,08 Meter groß, Lehrer an der Zehlendorfer John-F.-Kennedy-Schule, ist eine imposante Erscheinung. Er sagt, gegen Eberenz könne man sich kaum wehren, der schüttle allen die Hände, „vermutlich sogar den Linken, auch wenn die ihm Farbbeutel an den Kopf werfen“.
Kreuzberg klingt immer gut
Am Montag stellt sich der Kandidat der SPD vor. Eberenz in Jeans und Sakko sitzt ganz vorne neben Hikel und der Bürgermeisterin und zieht die liberale Nummer ab, distanziert sich von Höcke-Sprüchen, erzählt von seiner Mutter, der Kommunistin und Theologin, wenn er unter Druck gerät, ruft er: „Ich bin offen schwul, was soll ich dazu sagen“ oder wirft einen Satz auf Türkisch ein. Das verunsichert die Genossen. Darauf sind sie nicht gefasst. Sogar mit der Antwort zu seiner Verwaltungserfahrung kommt er durch. „Ich habe Erfahrungen im Umgang mit Menschen“, sagt Eberenz. Als jemand nachfragt, erwähnt er seine Arbeit „im Kreuzberger Bildungswerk“, wo er „Koordinator“ gewesen sei. Kreuzberg klingt immer gut.
„Habe ich Ihre Frage zu Ihrer Zufriedenheit beantwortet?“, fragt Bernward Eberenz. Der Mann nickt. Nach anderthalb Stunden steht Peter Scharmberg auf, ein alter Neuköllner Sozialdemokrat. „So wie Sie sich artikulieren, dürften Sie nicht in der AfD sein“, sagt er ruhig zu Eberenz. „Entweder Sie suchen einen Job oder Sie haben die Zugehörigkeit zu Ihrer Partei verdrängt. Auf jeden Fall haben Sie nicht das Rückgrat, Farbe zu zeigen.“ Eberenz wird rot. Es ist heiß im Saal, die Zeit abgelaufen, die Bürgermeisterin schon beim nächsten Termin.
Heute, am Mittwochabend, wird auf der Bezirksverordnetenversammlung erneut über ihn abgestimmt werden. Es sieht gut aus für Bernward Eberenz. Die rot-grüne Koalition hat sich inzwischen grundsätzlich für eine Zusammenarbeit mit der AfD bereit erklärt. Und er alles gegeben. Wirklich alles.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de