THOMAS ROGALLAversucht, den Mauermaler Kani Alavi zu trösten.------------------------------Klar, dass der Maler Kani Alavi sauer ist: Vor Gericht hat er den Streit um sein Mauerbild, das der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse an die Vereinten Nationen verschenkt hatte, verloren. 170 000 Euro gehen dem Urheber des Werkes durch die Lappen. Selber schuld: In Deutschland durfte man eben auch in der Stunde, als der Mantel der Gechichte wehte und die Freude über die noch junge Wiedervereinigung groß war, keine Formfehler machen. Und Alavi, der Impresario der East Side Gallery, hatte eben vergessen, die von ihm bemalten Mauersegmente zu signieren. Das können die dummen, aber geschäftstüchtigen Graffitischmierer besser: Im Unterschied zur East Side Gallery ist ihr Gekritzel inhaltsleer, aber immer mit Unterschrift versehen, oft ist es nur eine Unterschrift, ohne Bild.Alavi sollte sich trösten. Vermutlich erfahren seine von Thierse verschenkten Mauersegmente in New York eine größere Wertschätzung als in Berlin. Wenn man sich anschaut, wie diese Stadt lange Jahre die einmaligen Bilder der East Side Gallery hat verkommen lassen und wenn man sich ansieht, welche Lücke der schändliche Abriss von 100 Meter Mauer aus der East Side Gallery hinterlassen hat, dann kann man Alavi nur gratulieren, dass seine Bilder jenseits des Atlantiks vor dem Berliner Denkmalbanausentum in Sicherheit sind. Die Krönung der vom Senat geplanten Zerstörung des längsten noch zusammenhängenden, weltweit bekannten Mauerstücks ist eine jüngst montierte, überdimensionierte Leuchtreklame der Telefonfirma, die gegenüber eine Mehrzweckhalle errichtet: Halli-Galli auf dem Todesstreifen, eine überaus sensible Idee. So wird das Mauerstück an der East Side Gallery, das, was sie an vielen Orten der Stadt geworden ist: Straßenbegleitdekoration. Seite 18
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