Beton im Abwasserrohr

Aufräumarbeiten in Mariendorf könnten noch Tage dauern

Seit Donnerstag stehen für Anwohner Container mit Toiletten und Duschen bereit.

Juliane Meissner
4 Min
Mit schwerem Gerät: Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe und einer Spezialfirma aus Sachsen befreien die Abwasserkanäle von Beton.

Mit schwerem Gerät: Mitarbeiter der Berliner Wasserbetriebe und einer Spezialfirma aus Sachsen befreien die Abwasserkanäle von Beton.

© Volkmar Otto

Wie im 18. Jahrhundert, sagt ein Anwohner, lebe er derzeit mit seiner Familie. Er, seine Frau und die beiden Kinder erfrischen sich morgens mit Wasser aus Schüsseln. Mit einer Campingtoilette behilft sich Heidi S., die ebenfalls im Mariendorfer Titlisweg wohnt. Zum Duschen geht die Rentnerin zu ihrer Tochter, die ein paar Straßen entfernt wohnt. Seit Montagabend ist der Abfluss von 25 Haushalten in Mariendorf dicht – verstopft mit Flüssigbeton. Bei Bauarbeiten war er versehentlich in die Abwasserkanäle gelangt.

Am Freitag waren Vertreter des verantwortlichen Bauherrn vor Ort, um sich bei den Anwohnern zu entschuldigen und „Ansprechbarkeit zu signalisieren“, wie Mirco Hillmann, Sprecher von HGHI sagt. Das Immobilienunternehmen, das auch für Großprojekte wie die Mall of Berlin verantwortlich war, baut auf einem Gelände neben der Trabrennbahn am Titlisweg alte Gebäude um.

Ein Container mit Toiletten

Am Montag sollte das Fundament eines Gebäudes verstärkt werden. Beton wurde in den Boden geleitet und gelangte vermutlich über einen defekten Anschluss in den Hauptabwasserkanal, der unter der Straße verlegt ist. Der Beton breitete sich auf einer Kanallänge von 250 Metern aus und quoll in einzelne Haushaltsanschlüsse. Zum Teil drückte die Masse sogar in Keller der Anwohner hinein.

Seit Donnerstag steht eine Container mit zwei Toiletten und zwei Duschen für die Anwohner zur Verfügung. Dafür wurden Schlüssel verteilt – offenbar haben aber nicht alle einen bekommen. Zumindest nicht Heidi S., wie sie sagt. Das Unternehmen HGHI hat den Bewohnern angeboten, für die Zeit der Bauarbeiten die Kosten für ein Hotel zu übernehmen. Auch die Berliner Wasserbetriebe hatten den Anwohnern diesen Vorschlag gemacht. „Das Angebot haben bislang die Anwohner aus vier Häusern angenommen“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Berliner Wasserbetriebe.

Seit Donnerstag befreit eine Spezialfirma mit einer Art Wasserwerfer die Kanäle von der Betonmasse. Diese wird durch den hohen Druck des Wasserstrahls zerschnitten. Doch das allein wird nicht ausreichen. „Am Freitag haben Mitarbeiter vor Ort festgestellt, dass die Hausanschlusskanäle von neun Häusern ausgetauscht werden müssen“, sagt Stephan Natz. „Da sind unsere Experten bereits dran. Wahrscheinlich werden diese Arbeiten bis nächste Woche dauern.“ Optimistischer ist Natz bei den Fräsarbeiten am Beton. „Da kommen die Arbeiten sehr gut voran. Sie werden am Wochenende fortgesetzt, Tag und Nacht.“

3500 Euro pro Tag

Auch Mirco Hillmann von der HGHI sagt: „Die Mitarbeiter vor Ort legen täglich im Schnitt 70 Meter Kanalleitung frei.“ Voraussichtlich werden die Arbeiten an den Hauptleitungen am Montag fertig sein. Über die Höhe der Kosten könne er noch keine genauen Angaben machen, da das von der Dauer der Sanierung abhänge.

Die Kosten für den Spezialeinsatz belaufen sich pro Tag auf etwa 3500 Euro, schätzt Stephan Natz. „Das ist aber gering im Vergleich zum Bau eines neuen Abwasserkanals.“ Durch den Einsatz eines Spezialroboters mit Wasserwerfer bleiben die Kanalrohre an sich unbeschädigt. Der Roboter sei entsprechend klein, da der Kanal nur einen Durchmesser von 20 Zentimetern habe. „Gesteuert werden die Wasserstrahlarbeiten per Kamera und Joystick“, erklärt Natz. Das Wasser kommt mit einem Druck von 1000 Bar aus den Düsen. Zum Vergleich: Öffnet man den Hahn am heimischen Waschbecken hat das Wasser einen Druck von fünf Bar. Die gelösten Betonbrocken aus dem Kanal werden mit einem speziellen Sauger entfernt.

Gemeldet wurden die verstopften Abwasserkanäle am Montagabend. „Unser Entstörungsdienst hat einen Anruf bekommen, dass das Wasser in dem Wohngebiet nicht mehr oder nur noch schlecht abfließt“, sagt Stephan Natz. „Die Kollegen sind in den Titlisweg gefahren und öffneten den Einstiegsschacht an der Straße – der voll mit Beton war.“ Es sind also nicht nur die Abwasserkanäle selbst betroffen, sondern auch Schächte, um an die Rohre heranzukommen. Natz sagt, so etwas hätten seine Mitarbeiter noch nicht erlebt.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema