An dieser Stelle berichten jede Woche Berliner über ihr Leben und ihren Berufsalltag. Heute: Jens Grabner. Der Arbeitsplatz des 47-Jährigen liegt unter der Erde. Er ist Gründer und Betreiber der Kiezsauna in Friedrichshain:
Die Idee zur eigenen Sauna entstand vor gut sechs Jahren aus der Unzufriedenheit mit meinem damaligen Job als nautischer Offizier auf einer Ostseefähre. Ich habe ohnehin eine bewegte Berufsbiografie: Zu DDR-Zeiten hatte ich eine Vollmatrosenausbildung bei der Deutsche Seereederei (DSR) absolviert, ging dann nach der Wende als Seemann zu Greenpeace: Wale retten in der Antarktis. Nach meinem Zivildienst in Berliner Krankenhäusern wurde ich Berlins erster Rikschafahrer. 1994 stellte ich mich mit so einem Gefährt vor das Brandenburger Tor. Später hatte ich den Wunsch, ein eigenes Kino aufzumachen. Das gelang mir zwar nicht, aber immerhin leitete ich dann eins: das damalige Arkona-Filmtheater in Mitte. Mit Anfang 30 habe ich schließlich in Warnemünde Diplom-Ingenieur für Nautik und Seeverkehr studiert.
Eines Tages kam mir die Idee mit der Sauna. Ich rief meinen heutigen Kompagnon an und ein paar Tage später standen wir schon hier in einer ehemaligen, seit den 1980ern leeren Wohngebietswäscherei. Es dauerte aber fast drei Jahre, bis die Finanzierung stand, der aufwendige Umbau fertig war und wir im Herbst 2012 endlich eröffnen konnten.
Liebglingswetter: Grau bei minus 5 Grad
Mittlerweile konnten wir uns etablieren und sind froh, den heißen Sommer überstanden zu haben. Einige Stammgäste kommen zwar das ganze Jahr über ein, zweimal die Woche, aber ich freue mich natürlich, dass es jetzt kühler wird. Mein Lieblingswetter ist grau bei minus fünf Grad. Aber bitte ohne Regen und Glatteis.
Jetzt im Herbst und Winter öffnen wir um 12 Uhr. Mein Arbeitstag beginnt in der Regel zwei Stunden früher. Wartung, Pflege, Reparaturen, Abrechnung, Bürokram. Da müssen etwa die Abflüsse gereinigt oder die Dampferzeuger für das Dampfbad und die Bio-Sauna regelmäßig gewartet werden, weil das Berliner Wasser sehr kalkhaltig ist. Dann sind da noch die Versicherer, Krankenkassen, etc. – allesamt sehr kommunikationsfreudig. Für die Grundreinigung der Anlage kommt eine Fachfirma, die da jeden Morgen mit einem Bürstensauger durchgeht. Eine Arbeit, die ich vor der Eröffnung deutlich unterschätzt habe.
Eine halbe Stunde vor der Öffnung fahre ich dann die Saunas hoch, so dass sie bei 45, 60 und 90 Grad sind, wenn Punkt 12 Uhr die ersten Gäste klingeln. Ab dann steht die Kundenbetreuung im Vordergrund: Eintritt kassieren, Getränke verkaufen, Fragen beantworten und natürlich jede Stunde die Aufgüsse in der finnischen Sauna. Ich mache am Tag meist vier Aufgüsse. Zu Beginn waren es acht, neun Aufgüsse täglich und das zwölf Tage hintereinander. Das war schon sehr anstrengend. Mittlerweile haben wir sechs großartige Mitarbeiter, die abends übernehmen, so dass ich mich meist gegen 19 Uhr auf den dreiminütigen Heimweg machen kann. Sollte etwas Unvorhergesehenes den Betrieb stören, bin ich natürlich wieder vor Ort.
"Aufguss ist keine Raketenwissenschaft"
Eine extra Ausbildung für die Saunaarbeit habe ich nicht gemacht. Das technische Verständnis für die Anlagen habe ich als Diplom-Ingenieur ja, und so ein Aufguss ist keine Raketenwissenschaft. Wir machen da auch keine Show daraus. Ich mag sie schlicht. Die anfängliche Scheu, sich bei den Aufgüssen relativ hüllenlos zu präsentieren, habe ich schnell abgelegt. Und das ist bei unseren Gästen nicht anders. Menschen, die neu sind in der Sauna, merkt man anfänglich Hemmungen an. Wir haben auch häufig ausländische Touristen hier: Spanier, Franzosen, Amerikaner sogar Japaner. Die sind oft erstaunt, dass alle unbekleidet in der Sauna sitzen, ohne dass etwas passiert.
Schüchterne Gäste können natürlich auch ihre Badesachen anlassen. Meist legen sie ihre Zurückhaltung aber schnell ab. Das beste Beispiel waren zwei Amerikanerinnen, die sich anfangs pikiert umschauten, weil sie die einzigen in Badeanzügen waren. Nach einer Stunde hatten sie die ausgezogen und am Ende hier vergessen. Man sieht hier so viele Nackte, da nimmt man sie, wie sie kommen. So unterschiedlich sie alle aussehen, so ähnlich sind sie sich doch. Und wir haben zum Glück auch nur ganz selten Gaffer hier. Die sprechen wir sofort an, wenn wir das mitbekommen .
Sehr selten sind auch Zusammenbrüche. Die meisten Gäste wissen, dass sportlicher Ehrgeiz in der Sauna nichts verloren hat. In den drei Jahren kam es zwei, dreimal vor, dass jemand einen Kreislaufkollaps erlitt und wir Erste Hilfe leisten mussten. Diese Gäste hatten dann vorher den ganzen Tag nichts getrunken. Regelmäßiges Saunieren ist wissenschaftlich erwiesen förderlich für die Gesundheit. Ich gehe seit 35 Jahren regelmäßig in die Sauna und bin seither von Erkältungen meist verschont geblieben.
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