Es ist kurz vor Mittag in der U2. Am Alexanderplatz steigt ein Mann mit Akkordeon in die Bahn. Er spielt „In the Air Tonight“ von Phil Collins. Dann läuft er mit einen Pappbecher in der Hand durch die Gänge und bittet um eine Spende. Er brauche das Geld, um sich etwas zu Essen zu besorgen. „Und für einen Schlafplatz“. Er ist einer von vielen Bettlern in Berlin.
Ob in der U-Bahn, auf dem Fußweg, im Café oder an Eingängen von Banken und Supermärkten: So manche Einwohner und auch Experten haben das Gefühl, dass die Zahl der um Geld bittenden Menschen in der jüngeren Zeit in der Hauptstadt zugenommen hat. Da das Betteln an sich keine Straftat ist, führt die Polizei aber keine Statistik. Einen Anstieg von aggressivem Betteln habe es in letzter Zeit aber nicht gegeben, sagt ein Polizeisprecher.
Betritt man in Berlin eine Bank, gehört es fast schon dazu, dass am Eingang jemand die Tür aufhält. Ein Blick auf den Becher in der Hand macht allerdings deutlich: die höfliche Geste verlangt nach einer Gegenleistung. „In Polen hatte ich jeden Tag Arbeit“, erzählt der Mann an der Tür in gebrochenem Deutsch. Aber hier finde er nichts. Er schlafe unter der Brücke. „Mit dem Geld kaufe ich mir ein bisschen was zu Essen.“
Zahl der Bettler hat deutlich zugenommen
Karin Holzinger leitet seit mehreren Jahren die Wohnungslosenhilfe in Berlin. Ihrer Einschätzung nach hat die Zahl bettelnder Menschen in der Stadt in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. „Dies steht meiner Meinung nach in engem Zusammenhang zu der wachsenden Zahl von Menschen aus anderen EU-Staaten, die hier ohne ausreichende Versorgung auf der Straße leben“, sagt Holzinger. Meistens sei der Wunsch nach Geld für Essen der Grund für das Handaufhalten. „Manchen sieht man aber auch an, dass es eigentlich um die Finanzierung anderer Dinge geht.“
Die meisten Bettler in Berlin bitten um Geld für Nahrung.
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Ob man etwas geben sollte oder nicht, müsse jeder für sich selbst entscheiden, sagt Holzinger. Die langjährige Berufserfahrung in der Sozialhilfe habe ihr jedoch gezeigt: „Eine Lebenssituation verändern kann man mit ein bisschen Kleingeld nicht.“
U-Bahn-Fahrgäste beschweren sich selten
In Berliner S- und U-Bahnen wird immer wieder nach Kleingeld gefragt. „Betteln gehört in der Großstadt dazu. Solange die Bettler nur die Hand aufhalten, tun sie unseren Kunden nichts - also tun wir ihnen auch nichts“, sagt Petra Reetz, Sprecherin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Beschwerden von Kunden bekomme die BVG eher nicht. Die Deutsche Bahn, die auch für die Berliner S-Bahn zuständig ist, berichtet, dass Beschwerden von Kunden wegen Bettelns monatlich im zweistelligen Bereich liegen.
Laut Senatsverwaltung darf nur eingeschritten werden, wenn aggressiv, gebettelt oder die öffentliche Sicherheit und Ordnung gestört wird. Im Rahmen des täglichen Einsatzdienstes würden jedoch Platzverweise ausgesprochen oder die Identität von bettelnden Personen festgestellt, sagt ein Sprecher.
Bei Betteln mit Kindern droht Bußgeld
Das Betteln von oder in Begleitung von Kindern (unter 14 Jahren) ist seit Anfang des Jahres in Berlin verboten. Wer erwischt wird, muss mit einem Bußgeld von bis zu 500 Euro rechnen. Die gesetzliche Regelung, vorgelegt von Innensenator Frank Henkel (CDU), soll das Kindeswohl und den Missbrauch durchs Betteln schützen. Jedoch scheint es bei der Umsetzung zu hapern: „Verstöße können in der Praxis kaum effektiv festgestellt und geahndet werden“, sagt der Leiter des Ordnungsamtes Friedrichshain-Kreuzberg, Joachim Wenz. Nach seiner Einschätzung hat das Betteln in der Stadt grundsätzlich zugenommen.
Vor allem Jugendliche "schnorren" oft mit einer gehörigen Portion Galgenhumor.
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Das bestätigt auch Torsten Kühne, Bezirksstadtrat in Pankow. An der Prenzlauer Allee, auf Höhe des S-Bahnhofs, habe es vermehrt Hinweise von Bürgern auf Bettler gegeben. Zu dem Problem mit bettelnden Kindern sagt Kühne, dass sich „die Feststellung der Personalien im Einzelfall schwierig gestaltet.“ Denn zusätzliches Personal für die Ordnungsämter habe es für die Durchsetzung des Verbots nicht gegeben.
Aggressives Verhalten am Kotti
Derweil hat sich nach Einschätzung von Jennifer Woelki, der Geschäftsstellenleiterin der AG City, die Situation am Kurfürstendamm „wesentlich verbessert.“ Noch vor einem Jahr seien auf der Einkaufsmeile viele Mütter mit ihren Kindern unterwegs gewesen. „Oft wusste man nicht, ob die Kinder schlafen oder was mit ihnen los ist“. Häufig seien sie gleich zu dritt oder viert auf die Leute zugegangen. „Das ist für die Touristen sehr unangenehm gewesen,“ sagt Woelki.
In der Nähe des Kottbusser Tors erzählt ein Bankmitarbeiter, hier habe man große Probleme mit aggressiver Bettelei. Kameras, Notknöpfe und mehr Sicherheitspersonal sollen Auswüchse verhindern. In einem Supermarkt am Kottbusser Tor berichtet eine Mitarbeiterin, dass sich Kinder etwas aus den Regalen griffen, zu Kunden an die Kasse gingen und bettelten, sie sollten die Sachen bezahlen. Die Filialleitung hält sich bedeckt: „Mit Betteln haben wir keine Probleme.“ Draußen vor der Tür warten gleich drei Menschen mit der Bitte um etwas Kleingeld. (dpa)
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