Beweisaufnahme im Doping-Prozeß abgeschlossen

Eine zähe Prozedur nähert sich dem Ende

Dirk Schmidtke
3 Min

BERLIN, 18. November. Der Mann mit den weißen Haaren ist jeden Morgen pünktlich im Saal 105 erschienen. Auf der Journalistenbank hat er seinen kleinen Schreibblock aus der Tasche gezogen und den Verhandlungsverlauf akribisch in kleinen, eckigen Lettern protokolliert; genau wie er das schon bei den Mauerschützenprozessen getan hat. Kaum jemand hat von dem alten Mann auf der Bank Notiz genommen, der zu den vielen anderen Presseleuten nicht so recht passen wollte. Er schreibt für das DKP-Organ "Rote Fahne".Egon Krenz ist zweimal beim Dopingprozeß erschienen. Das erste Mal, bei der Eröffnung am 18. März, stand er im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras und Fotografen. Als Krenz am letzten Montag überraschend ein zweites Mal aufgetaucht ist und Solidaritätsbekundungen abgab, schien es, als ob der Nachfolger von DDR-Staatschef Erich Honecker noch einmal nach den Seinen schauen wollte, um sie in der Diaspora des Berliner Landgerichts zum Durchhalten zu ermuntern.Urteil im DezemberLange müssen sie nicht mehr ausharren. Am Mittwoch, dem 40. Verhandlungstag, hat der Vorsitzende Richter Hansgeorg Bräutigam die Beweisaufnahme geschlossen. Am 30. November werden die Plädoyers gehalten, und am 7. Dezember schließlich will das Gericht das Urteil gegen den letzten von ursprünglich sechs Angeklagten aus dem SC Dynamo Berlin, den Oberarzt Dr. Bernd Pansold, verkünden.Der Prozeß um wie es offiziell hieß Körperverletzung minderjähriger Schwimmerinnen durch Hormonmittel ist alles andere als ein normaler Gerichtsprozeß gewesen. Für den im Politbüro bis 1989 für Sport zuständigen Krenz und die meisten jener Besucher im Rentenalter, die über acht Monate lang im Zuschauerraum die Stellung gehalten haben, war es ein politischer Prozeß, in dem die westdeutsche Justiz Rache nahm am DDR-Staat und dessen erfolgreichen einstigen "Diplomaten im Trainingsanzug".Für den Vorsitzenden Richter Hansgeorg Bräutigam hingegen ging es darum, in der DDR nicht verfolgtes Unrecht "notariell zu beurkunden". Dies ist auch ein Erklärungsversuch dafür, warum sich die Justiz die kostspielige und langwierige Prozedur dieses Prozesse auferlegt hat. Je länger sich die Verhandlung hinzog, desto verärgerter ist Bräutigam mit der Staatsanwaltschaft umgesprungen, die sich vergeblich um einen Zeugen bemüht hat, der die inzwischen von 19 auf neun Fälle reduzierte Anklage gegen Pansold untermauert hätte.Besonderer Ehrenkodex"Es war nicht abzusehen, daß einige Zeugen zurückhaltende, womöglich sogar falsche Angaben, machen würden", sagte hingegen Staatsanwalt Rüdiger Hillebrand. Nach Ansicht des Anwalts der Nebenklage, Christian Paschen, der die Interessen von drei ehemaligen Schwimmerinnen vertritt, war das Aussageverhalten der besonderen Rolle geschuldet, die Erich Mielkes privilegierte Dynamo-Sportvereinigung gespielt hatte: "Die Identifikation war viel höher als in den normalen Sportklubs, es herrschte ein besonderer Ehrenkodex."Ganze zwei Verhandlungstage dauerte im August ein Verfahren gegen fünf geständige Trainer und Ärzte des TSC Berlin. Dagegen hat Pansold, dessen Anwälte auf einen Freispruch aus Mangel an Beweisen bauen, die ganze Zeit über geschwiegen. Die Stasi-Akten, in denen er als Inoffizieller Mitarbeiter Jürgen Wendt über Dopingpraktiken berichtet hat, sprechen freilich gegen ihn. Wie schwer auch immer das Gericht Pansolds Verstrickung gewichten wird am Ende wird das Gericht von keiner Seite besonders viel Applaus zu erwarten haben. Weder von der "Roten Fahne", noch von all jenen, die zu Prozeßbeginn auf eine juristische Aufarbeitung gehofft haben.

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