Bild der Woche

Krähenschwarm im Rußkreis

Tief eingebrannte Daseinszeichen: Der Norweger Per Inge Bjørlo in der Galerie Gerhardsen Gerner.

Ingeborg Ruthe
3 Min
Brandstellen: Aber endgültig ist auch diese Installation des Norwegers nicht.

Brandstellen: Aber endgültig ist auch diese Installation des Norwegers nicht.

© Galerie Gerhardsen gerner Oslo-Berlin/Markus Stensrud/Oslo Lizenz

Betreten erlaubt! Diesen Freibrief hat der Norweger Per Inge Bjørlo ausdrücklich all seinen bisherigen, nie endgültigen Rauminstallationen mitgegeben.

Aber noch gibt es keine rußigen Fußspuren in dem magischen Kreis, der um die seltsame Etagerie aus metallenen Dreibeinern gezogen ist, vor einem großen, wie brennenden Wand-Tableau aus verrußten Kacheln, in denen sich ein planetenartiger Kreis, vielleicht ist es ja auch ein mythologischer Thing-Platz, abzeichnet. Eine Form jedenfalls, die eine Art Kosmogramm sein kann, geometrisches Zeichen für Vollkommenheit, Ganzheitlichkeit, Dasein. Aber eben zerfressen von Flammen und Glut.

Krähen und Raben

Die surrealen Gebilde vor dieser Kulisse, unten auf dem Fußboden der Galerie Gerhardsen Gerner, wirken wie außerirdische Wesen aus einem Sciene Fiction-Film. In Wirklichkeit sind es Verbundstücke von Erdölpumpen. Bjørlo indes erhöht die prosaischen Industrieteile ins Symbolisch-Poetische, nennt sie „meine Krähenvögel“. Krähen oder Raben sind schlau und zäh. In der nordischen Mythologie symbolisieren sie Weisheit. Gott Odin hatte stets die beiden Kolkraben Hugin und Munin bei sich, die auf seinen Schultern saßen und ihm berichteten, was auf der Welt so vor sich ging. Und König Artus soll gar in einen Raben verwandelt worden sein.

Später, in Europas Mittelalter, standen Raben und Krähen auch für den Tod. Der schwarzgraue Galgenvogel durchfliegt so manche Schauergeschichte. Nicht aber bei Per Inge Bjørlo, Jahrgang 1952, geboren am Ålesund und einer der eigenwilligsten Bildhauer, Installationskünstler aus dem Land des großen expressionistischen Melancholikers Edvard Munch. Bjørlos Bilder, seine dramatischen Aufbauten sind quasi geistige Verdichtungen, persönliche Erlebnisse, in denen er in Schichten Bedeutungen und Erinnerungen sichtbar werden lässt, ohne aber zum dominierenden Erzähler zu werden. Eher ist es so, dass er die Betrachter seiner aufgeladenen Kunst dazu bringt, auch ihre eigene Geschichte mit einzubringen.

Er verarbeitete den Tod der Mutter

Immer noch im Wachsen begriffen ist das nun erstmals überhaupt in Berlin ausgebreitete Gesamtkunstwerk „The Weight of the Lung and Crow Sound“. Seit 2012 arbeitet Bjørlo an dieser nicht abgeschlossenen Installation aus Objekten, Skulpturen, Bildern, in denen er das lange Sterben, schließlich den Tod der Mutter verarbeitete. Der Mann arbeitet in seinem Atelier in Hønefoss nahe Oslo hoch strukturiert, aber nicht etwa in linearen Prozessen, eher wie in Interferenzen. Als würde er jedes Mal, wenn er eine Installation mit dem Ruß versengten, verbrannten Metall, Kunststoff, Leinen baut, zuerst einen Stein ins Wasser werfen. Dessen Wellenkreise formen sich dann von Innen nach Außen, berühren andere Wellenkreise. Eins verbindet sich so mit dem anderen, gedanklich, emotional. Das ist Physik und zugleich Philosophie. Und ebenso herbe, melancholische Poesie.

Galerie Gerhardsen Gerner, Holzmarktstr. 15–18, S-Bahnbogen 46. Bis 20. Juni, Di–Sa 11–18 Uhr, Tel.: 695 18 341

Internet: www.gerhardsengerner.com

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