Bildband: Huldigung der Berliner Tristesse

Einen solchen Bildband von Paris kann man sich nicht vorstellen. Warum sollte man dort auf die Suche nach dem Verranzten gehen, dem Schrägen, wie es der Fotograf Markus C. Hurek getan hat? Bei Berlin dagegen leuchtet einem das sofort ein. Diese Stadt – das ist eben nicht der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor, oder wenigstens nicht in erster Linie. Es sind diese überschaubaren Gegenden, die man Kieze nennt, zu der sich die Menschen, die dort wohnen, zugehörig fühlen, die sie gestalten – mit Hilfe von Graffitis, Balkondekoration, kuriosen ...

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Berlin - Einen solchen Bildband von Paris kann man sich nicht vorstellen. Warum sollte man dort auf die Suche nach dem Verranzten gehen, dem Schrägen, wie es der Fotograf Markus C. Hurek getan hat? Bei Berlin dagegen leuchtet einem das sofort ein. Diese Stadt – das ist eben nicht der Fernsehturm oder das Brandenburger Tor, oder wenigstens nicht in erster Linie. Es sind diese überschaubaren Gegenden, die man Kieze nennt, zu der sich die Menschen, die dort wohnen, zugehörig fühlen, die sie gestalten – mit Hilfe von Graffitis, Balkondekoration, kuriosen Ladenschildern.

Auch mit Schmuddelecken. Kiez – das hat etwas mit Identität zu tun. Deshalb ist Hureks Band dazu geeignet, diese Stadt zu verstehen. „Man muss, wie so oft, das Leben der Stadt von den Inschriften ablesen“, wird Franz Hessel zitiert. Dieser Satz war Hurek Programm.

Menschen sind fast nie zu sehen auf seinen Bildern, und doch sind sie immer gegenwärtig. Es sind ja ihre Spuren in der Stadt, denen Hurek nachspürt. Ihre Versuche, es sich gemütlich zu machen oder auch leicht – indem man den Kühlschrank, der den Geist aufgegeben hat, einfach auf die Straße schmeißt, sodass ein ganzer Kühlschrank-Friedhof entsteht. Oder seinen Balkon so vollmüllt, dass der Abfall über das Geländer ragt. Doch Hurek will die Berliner weder kritisieren noch bloßstellen. Er wirft nur einen liebevoll genauen Blick auf ihr Wesen. Selbst die Platte kann ihm nichts anhaben. Zwar leitet Hurek seine Aufnahmen von Großwohnsiedlungen wie Gropiusstadt und DDR-Plattenbauten mit Heinrich Zilles Satz „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso töten wie mit einer Axt“ ein, aber der Berliner ist zäh. Er bepflanzt seinen Balkon dort mit Sonnenblumen.

Manches gibt es schon nicht mehr. Die Autorin glaubt aus eigener Anschauung zu wissen, dass aus der Ladenwohnung in der Sanderstraße mit den vielen Kakteen ganz unten im Fenster, samt dem Unkraut, das sich direkt davor aus den Gehwegplatten davor drängt, eine Boutique geworden ist. Mit der Gentrifizierung verschwindet wohl auch manche trostlose Ecke. Aber vielleicht gehören die Tristesse, das Skurrile und Abseitige doch so sehr zu Berlin, dass es sich nie ganz ausmerzen lässt. Nachdem man diesen kleinen Band durchgeblättert hat, ist man davon überzeugt.

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