Es gibt nicht viele deutsche Fotografen, die in der Top-Liga der Naturdokumentaristen mitspielen. Christian Ziegler ist einer dieser wenigen. Gerade hat er sein neues Buch „Jungle Spirits“ (Urwaldgeister) herausgebracht, Aufnahmen aus Regenwäldern auf vier Kontinenten, da ist er schon wieder auf dem Weg in das nächste Abenteuer. Es hat ihn in das südasiatische Königreich Bhutan geführt, weshalb es gerade nicht möglich ist, mit ihm zu sprechen. Aber Fragen per Email beantworten, das geht.
Bekannt geworden ist der 1972 geborene Fotograf und Tropenökologe, der sich selbst als dokumentarischer Biologe versteht, vor allem durch seine Arbeiten über die Insel Barro Colorado: eine kleine Insel im Panamakanal, eigentlich ein Berggipfel, auf dem einer der wenigen ursprünglichen Regenwälder zu finden ist.
Gefährlich nah: Dem Rotaugenlaubfrosch scheint gerade bewusst zu werden, dass er sich besser schnell aus dem Staub machen sollte. Schließlich gehört er zu den Beutetieren der Dünnschlange.
© ©2017 Christian Ziegler
Seit mehr als 100 Jahren untersuchen Wissenschaftler dieses Eiland im Auftrag des amerikanischen Smithsonian-Forschungsinstituts. Man könnte also meinen, dass alles gesagt und gezeigt worden sei, was es dort zu sehen gibt. Doch es braucht Zieglers Bilder, um ein Gespür für die Ästhetik der Pflanzen, die Einzigartigkeit der kleinsten Waldbewohner zu bekommen – in ihnen spiegelt sich die Faszination, die ihn selbst antreibt.
Eines der berühmtesten Motive ist etwa eine Fotoserie, die eine Fledermaus in der Nacht zeigt: Sie jagt ihre Beute knapp oberhalb des Wasserspiegels, auf den Bildern sind die kleinsten Wasserspritzer zu sehen, die ihre Flügel beim Eintauchen verursachen. „Ich habe sehr lange für diese Story gebraucht,“ schreibt Ziegler, „vielleicht ein halbes Jahr.“ Denn er konnte nur im Zwielicht fotografieren, während der Jagdzeit der Tiere. Und war damit auf eine einzige Stunde am Tag beschränkt.
Gefährdete Vielfalt: Etwa 60.000 Quadratmeter Regenwald werden auf der Welt im Jahr zerstört. Dieses Bild zeigt den Regenwald in Panama, am Ende der Trockenperiode.
© ©2017 Christian Ziegler
74 verschiedene Fledermausarten sind auf Barro Colorado dokumentiert. Ziegler arbeitete mit einem Fledermaus-Spezialisten zusammen, der ihm weiterhalf, denn er wollte vor allem zeigen, was Fledermäuse essen: Insekten, Früchte, Nektar oder Frösche und kleine Fische.
Nur durch diese unterschiedlichen Essgewohnheiten können all die Spezies auf engstem Raum koexistieren. Gleichzeitig zeigte Ziegler, welch unterschiedliche Nistplätze die Fledermäuse haben: von Bäumen über zusammengerollte Bananen-Blätter bis zu „Zelten“ – großen Blättern, die die Tiere ihren Zwecken anpassen.
Ein Fotograf und sein Motiv: Christian Ziegler setzt eine Blüte in Szene. Auch wenn er Pflanzen fotografiert, spricht er von „Porträts“.
© ©2017 Christian Ziegler
Oft schleppt Ziegler, der in Panama lebt, zwanzig Kilo Foto-Ausrüstung mit sich. Für das Bild eines Kolibris arbeitete er beispielsweise mit sechs Blitzlichtern und einem speziell angefertigten Weitwinkel-Objektiv. Daneben muss er Fotofallen aufstellen: automatisch auslösende Kameras, die alles fotografieren, was die Lichtschranke passiert. Um die scheuen Ozelote zu fotografieren, brauchte er sogar fünf verschiedene Fotofallen – und ein halbes Jahr.
„Das war ein schwieriges Projekt“, schreibt er. „Ich verbrachte dafür viele Nächte im Dschungel.“ Und was noch schlimmer ist: Er musste sich an die häufigen Regengüsse des tropischen Regenwalds gewöhnen, die einem vorkommen, als würden Wassereimer stundenlang direkt über einem ausgekippt. „Meine Ausrüstung ist ein paar Mal komplett nass geworden,“ erinnert er sich. Mindestens einmal stand sogar das Wasser in seinem Fotorucksack.
Exotischer Arbeitsplatz: Auf dem Barro Colorado, einem kleinen Stück Land im Panamakanal, arbeitet Christian Ziegler viel. Auf der Insel ist einer der wenigen ursprünglichen Regenwälder zu finden.
© ©2017 Christian Ziegler
Ziegler reist quer über die Kontinente, um die Diversität der letzten Regenwälder einzufangen, bevor der Mensch sie vernichtet. Um in bestimmte Regionen zu kommen, die fast noch unberührt sind, muss er auch Risiken eingehen: „Im Kongo habe ich mich mit einem Virus infiziert, der mich fast ein ganzes Jahr lang beschäftigte.“ Manchmal hatte ihn das Fieber eine Woche lang im Griff, und die Ärzte verzweifelten, weil sie „seinen“ Virus unter den bekannten 5000 Viren nicht entdecken, ihm nichts entgegensetzen konnten.
Aber genau in dieser Region machte er eines seiner Lieblingsbilder, von einem jungen Bonobo. Diese Menschenaffen sind nur hier zu finden – im Gegensatz zu unseren noch näheren Verwandten, den Schimpansen, haben sie nie den breiten Kongo-Strom überquert. Bekannt sind die Bonobos auch, weil sie als die besseren Menschenaffen gelten: Sie sind friedlich, matriarchalisch organisiert und lösen Konflikte durch Sex.
Seltener Blickkontakt: Ein junger Bonobo, der es sich auf dem Bauch seiner Mutter bequem gemacht hat, blickt ohne Angst in die Kamera.
© ©2017 Christian Ziegler
„Ich beobachtete hinter einem riesigen umgestürzten Baum versteckt eine Bonobo-Gruppe, die seit zwei, drei Stunden Ingwer-blätter und -halme aß“, schreibt Ziegler. „Aber während ich in meinem Versteck saß, kletterte ein vierjähriger Bonobo auf den Baumstamm und kuckte mir ein paar Sekunden lang direkt ins Gesicht.“ Dann sei die Mutter gekommen und habe das Jungtier weggeführt. Diese Begegnung hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. „Das war ein überwältigender Moment, die Sanftheit und Freundlichkeit dieses jungen Bonobos zu spüren.“
Es sind nicht nur Tiere, die Ziegler interessieren, oft sind es auch die unscheinbareren Akteure im Regenwald: Pflanzen. Mit seinen Kameras rückt er ganz dicht an sie heran, nimmt sie aus ungewohnten Blickwinkeln auf. Und manchmal – im Einverständnis mit den Wissenschaftlern – nimmt er sie auch ins Hotelzimmer mit, um sie dort in einem improvisiertem Studio zu fotografieren.
Fragiler Lebensanfang: Der Rotaugenlaubfrosch klebt seinen Laich an Blätter oberhalb eines Tümpels. Dort wachsen die Embryonen.
© ©2017 Christian Ziegler
Diese Fotos, die er wie die Bilder von Menschen „Porträts“ nennt, oft vor schwarzem Samt aufgenommen, zeigen auf andächtig stimmende Weise die Schönheit und Zerbrechlichkeit der Pflanzen. „Ich habe mich auf seltene und bedrohte Arten spezialisiert,“ sagt Ziegler. „Davon gibt es leider immer mehr.“
Er versuche, auf sie aufmerksam zu machen: auf die Notlage des verschwindenden Regenwalds und die Notwendigkeit, diese Arten zu bewahren. Denn das Artensterben hat längst begonnen, und es sind nicht nur Affen oder Elefanten, die davon betroffen sind. „Oft fotografiere ich ganz kleine Tiere, von denen fast niemand weiß, wie sie aussehen – damit ich der Welt ihre Geschichten weitergeben kann.“
Jungle Spirits von Christian Ziegler & Daisy Dent, erschienen bei teNeues, 49,90 Euro, www.teneues.com
Jungle Spirits von Christian Ziegler & Daisy Dent, erschienen bei teNeues, 49,90 Euro, www.teneues.com
© teNeues
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