Kolumne

Bin ich ein Cyberchonder, nur weil ich am Kuba-Syndrom leide?

Mindestens 80 Prozent der Deutschen googeln Symptome vor dem Arztbesuch. So wie unser Autor. Diesmal bekommt er es mit Angela Merkel und John F. Kennedy zu tun.

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Christian Schwager

Christian Schwager

© Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Berlin - Es ist schon wieder passiert. Ich habe mir selbst eine Diagnose gestellt. Und das kam so: Mir fiel auf, dass ich seit drei Jahren nicht mehr bei meiner Hausärztin war. Für ein Blutbild, Cholesterin, Vitamin D und so, zur Vorsorge eben, neudeutsch Check-up. Erst war es die Arbeit, von der ich annahm, sie lasse derartige Unternehmungen zeitlich nicht zu. Dann kam mir ein strenger Winter gelegen, Erkältungszeit ist Ansteckungszeit, auch in Praxen, dachte ich jedenfalls. Und schließlich: Corona, ein volles Wartezimmer, die anderen links und rechts stets im Blick, darauf gefasst, vor einem Hüsteln in Deckung zu gehen. 

Ich fragte mich, ob eine solche Vermeidungsstrategie krankhaft ist, griff zum Smartphone, bemühte die Suchmaschine und fand heraus, dass mehr als 80 Prozent der Deutschen googeln, bevor sie zum Arzt gehen. Das ergab eine Umfrage während der Pandemie. Rund 50 Prozent wollen wissen, ob ihre Symptome den Besuch einer Praxis rechtfertigen. 29 Prozent gehen generell nicht gern zum Doktor, 19 Prozent ziehen daraus die Konsequenz und lassen es.

Zum Glück wohne ich nicht in Köln oder Stuttgart. Die Menschen dort leiten nämlich aus ihrer Symptomsuche im bundesweiten Vergleich die schlimmsten Diagnosen ab. In Berlin ist ja alles halb so wild, schon aus Prinzip, deswegen reicht mir meist der erstbeste Treffer, um mich auf einen Befund festzulegen. In diesem Fall stieß ich zufällig auf eine Liste der häufigsten Google-Suchen 2021. Bei den Fragen, die mit dem Wort „Was“ begannen, lag weit vorn: „Was ist das Kuba-Syndrom?“ Stand auf Platz zwei, gleich hinter „Was kostet ein PCR-Test?“ und vor „Was ist mit WhatsApp los?“. Die Fragen eins und drei stellte ich zurück, denn Kuba-Syndrom klang danach, als sei schnelles Handeln erforderlich, um einen schweren Verlauf abzuwenden. Kuba-Syndrom klang ernst. Einerseits, andererseits: Angela Merkel hat damit die Bundesrepublik Deutschland regiert!

Eine Diagnose für Angela Merkel in der Pandemie

Das fand der Infektiologe Matthias Schrappe Anfang 2021 heraus. Nicht das mit dem Regieren, sondern das mit dem Kuba-Syndrom. Merkel wollte damals partout den Lockdown verlängern. Das hielt besagter Schrappe für falsch und deshalb die Kanzlerin für eine Führungspersönlichkeit, die sich ausschließlich mit Menschen gleicher Meinung umgibt, in ihrer Filterblase lebt. Wie John F. Kennedy 1961, seinerzeit US-Präsident, als er sich mit seinen Beratern einig war, in der Schweinebucht eine Invasion starten zu müssen. Die ging gründlich daneben. Schweinebucht – Kuba – Kuba-Syndrom. So einfach kann Wissenschaft sein, obwohl: Die Bezeichnung Kennedy-Syndrom wäre eindeutig fairer gewesen. Schließlich hat ja er die Sache vergeigt, nicht Kuba. Allerdings ist das Kennedy-Syndrom schon anderweitig vergeben. Es bezeichnet einen erhöhten Hirndruck bei gleichzeitig abgedrücktem Sehnerv. Danke, Google, für diese Info.

Gehirn unter Druck, Blick getrübt? Dann doch lieber Kuba-Syndrom. Oder am besten gleich Kuba-Pandemie.  Dann muss man sich nichts mehr anhören, was die eigene Diagnose kaputtmacht. In meinem persönlichen Fall von Leuten, die meinen, ich bilde mir etwas ein. Auf mich und mein Urteilsvermögen. Cyberchondrie lautet ihr Befund. Soll eine Mischung aus Cyber und Hypochondrie sein. Virtuelle Welt trifft auf Gesundheitsängste. Klingt interessant, kommt aber als Krankheit für mich im Moment nicht in Betracht. Trotzdem werde ich vorsichtshalber schon mal danach googeln.

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