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Blinkende Hölle: Das Leid hinter der Glücksspielsucht

In Berlin gibt es Zehntausende Spielsüchtige. Die Sucht schränkt die Betroffenen oft stark ein. Wie und wo wird ihnen in Berlin geholfen?

7 Min
Glücksspiel kann zu einer zerstörerischen Sucht werden.

Glücksspiel kann zu einer zerstörerischen Sucht werden.

© Steffen Schellhorn/imago

Freude, Aufregung und Adrenalin. Das bedeutet Glücksspiel in der Regel für die meisten Menschen. Für andere jedoch wird das Glücksspiel zu einer zerstörerischen Sucht und kann die Betroffenen zu hohen Schulden, Depressionen, Einsamkeit oder sogar zum Suizid bringen. Dieser Text soll zeigen, wie wichtig Präventionsarbeit ist, wo Spielsüchtige in Berlin Hilfe finden und was die Sucht mit dem Leben einer betroffenen Berlinerin gemacht hat.

Etwa ein Prozent der deutschen Gesellschaft ist von Spielsucht betroffen, wobei die Dunkelziffer vermutlich weitaus höher ist. „In Berlin gehen wir von etwa 30.000 Spielsüchtigen aus“, erklärt Claudius Boy, Sozialarbeiter des Café Beispiellos in Berlin-Kreuzberg. Das Café Beispiellos ist einer jener Berliner Orte, wo Betroffene von Spielsucht Hilfe und Unterstützung finden.

„Wir sind eine Beratungsstelle und versuchen, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Folglich bieten wir zum Beispiel Gruppengespräche in Form von angeleiteten Gesprächsgruppen an, wo die betroffenen Personen im Austausch sein können und so auch sehen, dass sie mit dem Problem nicht allein sind“, so Boy.

Über das Jahr finden um die 300 Angehörige und etwa 250 direkt Betroffene den Weg ins Café. „Spielsucht betrifft alle sozialen Schichten. In unsere Beratungsstelle kommen aber mehr Männer als Frauen, das Durchschnittsalter beträgt Mitte 30“, so Boy. Was die betroffenen Personen außer der Sucht verbindet, ist auch das damit verbundene psychische Leid. Hoch verschuldete Menschen, die nur noch in Suizid einen Ausweg sehen, seien so für Sozialarbeiter wie Boy leider bitteres tägliches Brot. „Es drehte sich alles nur noch um den Automaten.“

Wie schlimm es sich anfühlt, von Spielsucht betroffen zu sein, weiß auch Janine R. Die 41-jährige Berlinerin sammelte ihre ersten Erfahrungen bereits in jungen Jahren. „Mit 20 war ich in der Gastronomie tätig und spielte dort regelmäßig an einem Touchscreen-Automaten Memory. Dieser Automat war nur auf Einzahlungen programmiert. Eine Auszahlung oder Gewinne waren nicht möglich. Solch einen Automaten habe ich mir dann auch für zu Hause gekauft und ich erinnere mich, stundenlang vor diesem Kasten gehangen zu haben“, erzählt die Mutter einer zwölfjährigen Tochter.

„Alles drehte sich um den Automaten“

Die wachsende Sucht und Beziehungen zu anderen Spielern sorgten schließlich dafür, dass sie immer tiefer in die Welt des Glücksspiels tauchte. Als sie folglich merkte, dass es kaum eine andere Abendgestaltung mehr als Zocken gab und sie finanziell immer mehr ins Schwimmen geriet, gestand sie sich schließlich ein, dass sie an Glücksspielsucht leidet.

„Wenn man wirklich pathologischer Spieler ist, ist das dein Leben. Und zwar nur das. Ich war kaum in der Lage, ordentlich zu arbeiten, alles drehte sich um den Automaten, die verlorenen Gelder, die Gewinne, der Nervenkitzel, das Gefühl zu leben“, erzählt Janine R. Besonders Spannung und Aufregung waren für sie treibende Emotionen. „Ich habe Alkohol getrunken, geraucht und dabei Schein für Schein in diesen Kasten gesteckt. Dann kam eine Melody, die mir klarmachte, dass ich Spiele habe, und mein Herz sprang förmlich.“

Immer wieder ging sie zur Bank und holte Geld, das ihr der Automat wieder nahm. Lediglich Zweifel und Panik blieben dann übrig. „Wenn ich merkte, dass ich bereits dreimal bei der Bank war und schon 700 Euro verloren habe, die Uhr jedoch schon zwei Uhr nachts anzeigte, wurde ich unruhig und nervös. Ich fragte mich, wie zur Hölle ich mein Geld in dieser Zeit wieder zurückbekommen soll, wenn das Casino um drei Uhr schließt“, so Janine R.

Also fing sie an, an mehreren Automaten gleichzeitig zu spielen. „Spätestens um drei kam dann das quälende Gefühl des Versagens, des Selbsthasses und der Gedanke, wer sitzt wohl morgen früh an dem Automaten und holt sich mein Geld“, erzählt die Betroffene. Sie entschied sich kurzerhand für eine Krankmeldung, um am nächsten Morgen pünktlich zur Eröffnung wieder auf der Matte des Casinos zu stehen.

Das gezeigte Verhalten von Janine R. kennt Expertin Michaela Goecke, Referatsleiterin für Suchtprävention bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, nur zu gut. „Menschen, die an Spielsucht leiden, fühlen einen Drang, immer weiter spielen zu müssen, zum Beispiel auch um Verluste wieder auszugleichen“, erklärt Goecke. Die Erkrankung äußere sich dabei auch oft durch sogenannte Gedankenkreise. „Betroffene denken dauernd ans Spielen und können ihr Spielverhalten nicht mehr kontrollieren. Berufliche und soziale Verpflichtungen werden dann nachrangig, Beziehungen leiden. Besonders schlimm wird es auch, wenn mehr Geld verspielt wird als zur Verfügung steht. Dann droht eine Verschuldung“, so Goecke.

Die Abwärtsspirale des Glücksspiels

Die Spielsucht habe dann meist gravierende Folgen für die Betroffenen und auch für ihr soziales Umfeld. „Familiäre Beziehungen und der Freundeskreis gehen in die Brüche, weil die Vertrauensbasis durch die Glücksspielsucht zerstört wird. Hohe Schulden führen in die Verzweiflung und können schwere Depressionen auslösen“, erklärt Goecke. Nicht selten seien Selbstmordgedanken dann die Folge. „Es ist für Betroffene alles andere als einfach, sich aus der Spielsucht wieder zu befreien. Aus diesem Grund ist es so wichtig, die ersten Anzeichen für ein vielleicht problematisches Spielverhalten selbst zu erkennen und direkt gegenzusteuern“, so Goecke.

Nach Jahren der Glücksspielsucht und ihren desaströsen Folgen erkannte auch Janine R., dass sie spielsüchtig ist und dringend Hilfe benötigt. „Ich wollte einfach nur noch sterben. Ich hasste mich für meine Schwäche, nicht mehr Herr meiner Gedanken und Entscheidungen zu sein. Ich war finanziell ruiniert. Alles, was ich hatte, war weg“, erzählt sie.

Sie entschied sich dazu, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. „Ich war zweimal in einer Tagesklinik. Einmal psychosomatisch und einmal in einer Suchtgruppe“, so R. Beide Therapien seien erfolgreich verlaufen und haben für sie das Fundament für ein spielfreies Leben gelegt. „Des Weiteren versuche ich weiterhin montags an unserer Selbsthilfegruppe teilzunehmen, denn ein sehr wichtiger Punkt ist wirklich die Kommunikation. Einfach das Reden“, so Janine R.

Da pathologisches Glücksspielen eine anerkannte psychische Erkrankung ist, bedeutet das, dass die Kosten für die Behandlung in aller Regel von den Krankenkassen und Rentenversicherungsträgern übernommen werden. Als erste Anlaufstelle kommt eine Suchtberatungsstelle infrage, die auch zu den verschiedenen ambulanten und stationären Hilfsangeboten berät.

Nicht genug Therapieplätze

„Die Therapie einer Glücksspielsucht kann ambulant oder stationär erfolgen, was aber von den Lebensumständen der Betroffenen und der Schwere der Erkrankung abhängig ist“, erklärt Goecke. Eine besondere Herausforderung sei dabei häufig, dass Betroffene meist auch unter weiteren psychischen Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen, leiden. Das Risiko eines Suizids sei bei Spielsüchtigen dann oft erhöht.

„Daneben ist es wichtig, auch Angehörige in den Therapieprozess einzubeziehen und die Schuldenproblematik in den Blick zu nehmen“, so Goecke. „Meiner Meinung nach gehört das Glücksspiel komplett verboten. Es macht die Menschen kaputt und bloß die Reichen noch reicher“, sagt Janine R.

Aus ihrer Sicht sei es auch ein Problem, dass Therapieplätze bei Psychotherapeuten und Beratungsstellen generell rar seien. Eine Einschätzung, die Sozialarbeiter Boy vom Café Beispiellos bestätigt. „Es ist mein Eindruck, dass es in Berlin nicht genug Anlaufstellen gibt, weil wir mittlerweile Wartezeiten von zwei Monaten haben“, so Boy.

Zwar gäbe es die Möglichkeit einer Akutsprechstunde, wo man relativ schnell einen Termin bekommt, für einen längeren Beratungsverlauf müssten Betroffene aber warten. „Wir merken, dass ein großer Bedarf gegeben ist, aber wir können leider nur so viel Hilfe und Gespräche anbieten, wie wir Kapazitäten zur Verfügung haben“, so Boy. Deshalb sei es wichtig, dass zusätzliches Angebot in Form von Beratungs- und Anlaufstellen geschaffen würde.

Zudem gäbe es politischen Handlungsbedarf, wie etwa beim Glücksspielstaatsvertrag, wo Glücksspielstätten nicht entsprechend gesperrt würden beziehungsweise man Glücksspiel weiterhin betreiben könne, ohne sich ausweisen zu müssen.

Anmerkung: Name und Alter von Janine R. wurden verändert.

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