Ein herrlicher Januartag in Berlin-Mitte. Zum zweiten Frühstück treffe ich Blixa Bargeld im Klub des Soho-Hauses. Um uns wimmelt junges Startupgemüse herum, Herr Bargeld trinkt Tee.
Die Einstürzenden Neubauten haben ein „Greatest-Hits“-Album herausgebracht. Warum?
Warum? Na, warum nicht?
Fallen Ihnen keine neuen Lieder mehr ein?
Es ist ein Merchandising-Artikel. Wir spielen eine „Greatest-Hits“-Tour, dazu gibt es das passende Album. Mit neuen Liedern müssten wir erstmal anderthalb Jahre ins Studio, das dauert bei uns ja alles immer so lange.
Hätte es denn neue Lieder von den Neubauten gegeben?
Nein, wie denn? Wir arbeiten ja gar nicht miteinander. Wir sehen uns auch nie.
Wer hat denn die „Greatest Hits“ ausgewählt? Die Band?
Nein, ich alleine. Aber fast alles stammt aus der aktuellen, nun ja auch schon wieder 20 Jahre bestehenden Besetzung der Band. Die einzigen Stücke, die älter sind, sind „Die Interimsliebenden“ und „Haus der Lüge“…
…Letzteres in einer neuen Version mit Streichern. Da haben Sie sich richtig Mühe gegeben.
Nein, das mussten wir machen. Weil die Rechte an der Originalversion immer noch bei unserem damaligen Label, Some Bizzarre in London, liegen. Die haben uns bis heute nie bezahlt, verdienen aber immer noch mit uns Geld. Hätten wir „Haus der Lüge“ im Original auf die Kompilation gepackt, hätten wir das lizenzieren und denen sogar noch was bezahlen müssen. Deswegen hab ich die Posaunen und Streicher, die damals aus dem Synthesizer kamen, durch echte Instrumente ersetzt.
Und dann ist es, rein rechtlich gesehen, ein neues Stück?
Ja, denn das Label hat nicht die Rechte an den originalen Mehrspurbändern, sondern nur am finalen Band. Wenn ich die Spuren neu mische, hat das mit denen nichts mehr zu tun. Im Grunde klingt das neue „Haus der Lüge“ aber wie das alte, bisschen knackiger vielleicht. Ich wollte es nicht verbessern. Bei den Neubauten ist es so: Wenn die Lieder fertig sind, werden sie nicht mehr variiert.
Außer in der Performance.
Ja. Da lassen wir uns bewusst auch Raum zum Improvisieren. In der Setlist steht dann „Rampe“, und ab da sehen wir einfach, was uns einfällt. Manchmal fällt uns auch nichts ein.
Die Performance war bei den Neubauten schon immer wichtiger als die aufgezeichnete Musik, oder?
Ja, das ist richtig. Unsere musikalischen Forschungsarbeiten waren immer auf die Erschaffung von Performances fokussiert, und die Performance findet ihren Detritus in irgendeiner Form von gepresstem Material. Was sich geändert hat, ist, dass man früher mit Alben theoretisch noch Geld verdienen konnte. Heute geht das nicht einmal mehr theoretisch.
Deswegen suchen viele Bands nach anderen Einkommensquellen, zum Beispiel indem sie sich an den vergleichsweise opulent subventionierten Staatstheatern verdingen. Da waren die Neubauten Pioniere, 1987 mit „Andi“ am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg…
…ja, aber das haben wir uns ja damals nicht ausgesucht. Das war theatermäßig katastrophal. Als das Angebot kam, hab ich den Text gelesen und wollte sofort absagen. Aber dann dachte ich: Du sitzt in einer Wohnung, die schon gekündigt ist, der Strom wird morgen abgestellt… und mit dem Theaterhonorar kannst du gut erstmal ein halbes Jahr leben… da hab ich meine Meinung geändert. Aber die Proben waren furchtbar, der Regisseur Peter Zadek zappelte nur die ganze Zeit um uns rum und verlangte, dass wir leiser spielen. Glücklicherweise hatten wir im Vertrag festgehalten, dass wir so laut spielen können wie wir wollen. Konnte Zadek nichts machen.
Jetzt wieder Hamburg: Am 21. Januar geben die Neubauten zwei Konzerte in der Elbphilharmonie.
Guter Witz, oder? Da hat sich jemand was dabei gedacht. Aber uns soll das recht sein, es gibt ja wohl eine weltklasse Akustik in dem Raum. Vielleicht ist das toll.
Stellen Sie sich auf solche besonderen Akustikverhältnisse ein?
Wir haben einen hervorragenden Toningenieur, Boris Wilsdorf, der hat das studiert und auch Physik und Elektrotechnik – der fährt vorher hin und rauscht das ein. Da wird über die ganzen PA-Systeme weißes Rauschen abgespielt, dann misst man, wie das wo ankommt und spielt verschiedene Frequenzen ab… Das ist natürlich schon was anderes, ob man da klassische Musik spielt in so einem Saal oder ob man mit einer PA arbeitet.
Wobei eine PA ja nur nach vorne abstrahlt. Aber in der Elbphilharmonie stehen die Künstler in der Mitte des Saals, wie in der Berliner Scharoun-Philharmonie vom Publikum eingekreist. Wie geht das zusammen?
Gute Frage. Ich glaube nicht, dass wir hinter uns auch Zuschauer haben. Oder doch? Müsste man mal die Agentur fragen. Ich bin jedenfalls sicher, dass das gut funktioniert, es ist ja nicht der erste Konzertsaal von Weltrang, in dem wir auftreten.
Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de