Über die Vorteile von Schönheit gibt es zahlreiche Studien. Amerikanische Wissenschaftler haben berechnet, dass gut aussehende Menschen im Verlauf ihres Lebens im Schnitt 230 000 Dollar mehr verdienen als weniger attraktive. Der Sport könnte zu den Untersuchungen Beispiele zuliefern: Die russische Tennisspielerin Anna Kournikowa gilt als Ikone des Missverhältnisses von Einnahmen und Leistungsfähigkeit, weil die Titelseiten-Blondine viele Werbemillionen kassiert hat, ohne jemals ein Grand-SlamTurnier gewonnen zu haben.
Dass Lolo Jones, 31, nicht minder attraktiv ist, hat sogar den Rolling Stone, Amerikas Bibel der Popkultur, zu einer Geschichte über die Hürdensprinterin animiert. Sie startet an diesem Dienstag in Sotschi erstmals als olympische Bobfahrerin. Und ihr Auftritt auf der Eisbahn wird von den gleichen Nebengeräuschen begleitet wie ihre Starts auf der Tartanbahn bei Sommerspielen in ihrer Kernsportart. „Wir kommen als Goldmedaillengewinner von Vancouver hierher“, klagte der US-Bobfahrer Curtis Tomasevicz, „aber wir bekommen nicht so viel Beachtung, weil Lolo die ganze Bob-Aufmerksamkeit erhält.“
Schon in der Frauenmannschaft der Amerikanerinnen hat Jones Nominierung für erhebliche Unruhe gesorgt. Dabei ist es keineswegs ungewöhnlich, dass Leichtathleten zum Anschieben von Bobs in den Wintersport wechseln. Auch Jones’ berühmter Landsmann Edwin Moses, hochdekorierter Hürdenläufer bei Olympia, wagte den Abstecher aufs Eis und schaffte dabei 1990 in Winterberg gar einen dritten Platz im Weltcup.
Jones kennt das Bobfahren erst seit zwei Jahren. Damals versuchte sie ihren leichtathletischen Kummer nach verfehlten Medaillenzielen in Peking und London zu vergessen und besuchte völlig abgemagert zur Ablenkung Lake Placid, 1980 Austragungsort der Winterspiele. Ihre Leidenschaft für den Bob erwachte, ohne dass völlig klar ist, ob für den Sport selbst oder die unerwartete Chance auf Ruhm, die er verhieß. Mit sicherem Gespür für den PR-Effekt winkte der US-Verband die populäre Jones, die allein auf Twitter 380 000 Follower hat, zu den Spielen in Sotschi durch. Zurück blieben reihenweise frustrierte Konkurrentinnen. „Ich hätte wohl härter an meiner Twitterbeliebtheit als an meiner Muskelmasse arbeiten sollen“, ätzte die Bobkollegin Emily Azevedo.
Gekonnte Selbstdarstellerin
Für Jones wiederholt sich die Geschichte. Schon vor Sommerspielen bewies sie regelmäßig ein Händchen für die gekonnte Selbstdarstellung. So erfuhr das auf Pathos trainierte Amerika, aus welch armen Verhältnissen die schöne Hürdenläuferin stammte. Dass sie zur Not mal im Laden etwas mitgehen ließ. Und wie sie einst mit ihrer Mutter und fünf Geschwistern in Des Moines im Keller unter der Heilsarmee hausen musste, weil nicht genug Geld da war, als der Vater im Gefängnis saß.
Sie rackerte sich auf den Leichtathletik-Tracks ab und startete eine durchaus vielversprechende Karriere als Hürdensprinterin. Größte Berühmtheit erlangte sie allerdings erst durch einen tragischen Unfall. Bei den Spielen in Peking 2008 blieb sie in Führung liegend an der neunten von zehn Hürden hängen, verpasste die ersehnte Medaille über 100 Meter und landete nur auf Rang sieben. Dass ihre Landsfrau Dawn Harper gewann, ohne Sponsor und mit geliehenen Spikes, entging weiten Teilen der Weltöffentlichkeit.
Eine ähnliche Favoritenstellung konnte Jones sich später nicht wieder erarbeiten. In das Aufgebot für die Spiele in London rutschte sie nur so gerade eben als Dritte der US-Ausscheidung. Geschickter inszenierte sie ihre Auftritte um die Laufbahn. Für das ESPN-Magazin ließ sie sich nackt fotografieren, und im unmittelbaren Vorlauf zu Olympia, als sie sich ohnehin auf zahlreichen Covern wiederfand, gab sie ihrem Sex Appeal noch mal eine unverhoffte, aber spektakuläre Wendung: „Wenn es da draußen Jungfrauen gibt“, sagte die gläubige Christin Jones dem Fernsehkanal HBO, „werde ich sie wissen lassen, dass das härteste ist, das ich jemals in meinem ganzen Leben gemacht habe. Härter als das Training für Olympia, härter als der Abschluss am College ist es, vor der Hochzeit Jungfrau zu bleiben.“
In London stürzten sich prompt wieder alle Medien auf Jones, weil im modernen Zeitalter eine gekonnte Selbstvermarktung mindestens so wichtig ist wie sportlicher Erfolg. „Vixen, virgin, victim, (Drachen, Jungfrau, Opfer) – Jones hat beschlossen, dass sie sein will, was immer die Menschen wollen, das sie ist“, klagte die New York Times, „nur damit sie und alle die Produkte, die sie bewirbt, Aufmerksamkeit bekommen.“
In Sotschi drohte kurzzeitig die Frage aufzukommen, ob Jones den ersten Einerbob der olympischen Geschichte den Eiskanal hinuntersteuern wird. So sehr konzentrierte sich das Interesse auf sie. Verführerisch wie die biblische Eva zeigt ihr Twitterprofil sie gerade in einem schwarzen Badekostüm bekleidet auf einer Art überdimensioniertem Apfel. Doch dann nahm sich die Frau, der sportfachlich die größere Bedeutung im Bob zukommt, weil sie sich als Pilotin von Jones anschieben lässt, ein Vorbild an Lolo: Jazmine Fenlator, 28, bewies, dass auch sie ein Faible für anrührende Geschichten hat. Sie berichtete, dass sie Hunde führen musste, um die nötigen 80 000 Dollar für das teure Bobfahren zusammenzukratzen. Und dass sie im Trainingslager die Kleidung lieber mit der Hand wusch, um das Geld für den Waschsalon zu sparen. Es hat nicht gereicht, um auch öffentlich die Frau zu sein, die vor Jones sitzt.
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