Sie freuen sich sehr, denn es ist ihre erste Reise seit ihren Flitterwochen vor drei Jahren. Vor zwei Tagen waren sie noch in Amsterdam, jetzt stehen sie hier, vor den Memorabilien der geteilten Stadt von damals. Eine Art Zeitreise.
Am nächsten Tag in einem Café in Friedrichshain, Karan trägt ein weiß-blau gestreiftes T-Shirt, man erblickt ein Led-Zeppelin-Tattoo auf seinem rechten Unterarm; Ayesha hat ein Septum-Piercing in der Nase und große, mandelförmige Augen. Beide sind 30 Jahre alt, sie ist Werbetexterin, er arbeitet im Marketingbereich. Die junge indische Moderne in Berlin.
Wie wirken die Mauerorte auf ein Paar aus Indien?
Was zieht sie her? „Ich bin schon lange geschichtsbesessen“, sagt Karan. „Die Weltkriege des 20. Jahrhunderts faszinieren mich, ich schaue mir oft Dokumentarfilme zu dem Thema an.“ Im indischen Geschichtsunterricht sei europäische Geschichte etwas zu kurz gekommen; viel Wissen und Kontext habe er sich selber angeeignet. „Mich interessiert, wie Deutschland mit seiner Geschichte umgeht“, sagt er.
Deswegen haben die beiden reichlich historische Stopps auf ihrer Berlinroute eingebaut. Natürlich die Klassiker, die man gesehen haben muss, wenn man noch nie hier war: Checkpoint Charlie, Brandenburger Tor, Holocaust-Mahnmal, Reichstag, Alexanderplatz. Und natürlich die Mauer – an der Bernauer Straße und an der East Side Gallery. „Die Stadt scheint in Geschichte getränkt zu sein“, sagt Karan und blickt aus dem Fenster. Er habe die Mauer immer schon sehen wollen, aber ein Stück Mauer wolle er dennoch nicht als Souvenir mit nach Hause nehmen: „Ich zahle doch nicht für Zement.“
Wie haben die Mauerorte, an denen wir tagtäglich vorbeilaufen, auf ein Paar gewirkt, das von so weit her kommt? Ayesha war bestürzt von den persönlichen Grenzgeschichten. Davon, wie die Menschen versuchten zu flüchten, wie viele dabei gestorben sind. Die Familienschicksale, die davon auf ewig geprägt wurden. „Ich fühle mich an meine eigene Historie erinnert, an die Teilung Bengalens 1905 durch die Briten.
Für indisches Paar war auch Musik ein Grund, um nach Berlin zu kommen
Alle Hindus mussten damals aus dem Osten der Region nach Westen flüchten, es gab Unruhen, viele Tote. Meine Urgroßeltern mussten von einem Tag auf den anderen weg, weil jemand das so beschlossen hatte. Das macht Angst“, sagt Ayesha. Der Westen Bengalens sei, ähnlich wie in Deutschland, freier gewesen, der Osten repressiver.
Ayesha kommt aus Bengalen in Ostindien. Sie ist in Kalkutta aufgewachsen. Karan stammt aus Bombay, der Hauptstadt des Staates Maharashtra, 2000 Kilometer westlich von Ayeshas Heimat. Sie sprechen Englisch miteinander, denn Bengalisch und Marathi, die beiden indischen Sprachen aus Bengalen und Maharashtra, sind einander unverständlich.
Es fällt ihnen leicht, da beide auf englischsprachige Schulen gingen und Englisch als ihre Muttersprache empfinden.
„Wir haben uns über einen Messenger-Service kennengelernt, noch vor Facebook“, erzählen sie. Die gemeinsame Liebe zur Musik hat damals ihr Interesse aneinander geweckt. Musik war auch ein Grund, nach Berlin zu kommen: „Wir beide wissen, dass es in Berlin eine florierende Alternativszene gibt.“ Berghain, Panoramabar, Kitkatclub: Berlins Ruf als Sehnsuchtsziel der Clubszene ist auch in Bombay bekannt. „Eigentlich stand auch auf der Liste, von Sven angeschaut zu werden, nur um dann abgewiesen zu werden.“
Indische Sichten auf Berlin: Ayesha und Karan fragen sich, warum die Stadt so ruhig ist
Karan nennt den Berghain-Türsteher Sven Marquardt kumpelhaft bei seinem Vornamen, als kenne er ihn seit Jahren. Das Nachtleben kam aber dieses Mal für Ayesha und Karan zu kurz, die Sightseeing-Müdigkeit war am Abend groß.
Ayesha und Karan erwähnen auch die vielen Altbauten und den Mangel an Wolkenkratzern in der Stadt. „Zufällig in eine 300 Jahre alte Kneipe reinzugehen, ist für mich historisch ebenso wertvoll wie ein Museum zu betreten“, sagt Ayesha. Wie erfrischend, Positives zu hören, inmitten des ganzen Berlingejammers.
Ayesha und Karan fragen sich bloß, warum die Stadt so ruhig ist; ob das denn immer so sei? In Bombay habe niemand Zeit, mitten am Tag in einem Café zu sitzen und Orangensaft zu trinken. „Bombay ist rappelvoll, jeder ist in Eile und muss irgendwo hin. Die Friedlichkeit und der Mangel an Straßenverkehr in Berlin sind für uns eine angenehme Abwechslung“, sagt Karan. Das Paar arbeitet zu Hause meistens mehr als zwölf Stunden am Tag.
Erinnerungen und Fotos bleiben dem indischen Paar von Berlin
Die Anziehungskraft von Berlin scheint ungebrochen; die Stadt strahlt in die ganze Welt hinaus. Für viele symbolisiert das Nachtleben ebenso wie der Fall der Mauer Freiheit. Was bedeutet Freiheit für Ayesha und Karan? „Meine Großmutter würde antworten, Atheistin sein zu dürfen. Meine Mutter würde sagen, Freiheit ist, Alkohol trinken und rauchen zu können. Für mich ist Freiheit, mein Zuhause verlassen zu können. Frei in meinen Entscheidungen zu sein“, sagt Ayesha.
Karan sagt von sich, er nehme Freiheit als selbstverständlich an, weil er keine Familiengeschichte habe, die von Flucht und Teilung geprägt sei. Vielleicht bedeute es aber ganz einfach, man selber sein zu können. Ohne Einschränkungen und ohne Vorurteile.
Im Café versucht Karan derweil, seinen Kaffee auf Deutsch zu bestellen. Ein paar Worte hat er sich mit seiner Duolingo-Sprach-App angeeignet. Der amerikanische Barista winkt ab: „Don’t worry!“ An diesem Tag wollen Karan und Ayesha sich das Spionagemuseum und die East Side Gallery anschauen. Sie müssen zeitig schlafen gehen, am nächsten Tag fliegen sie in aller Frühe nach Belgien, um dort die restlichen Tage auf dem Musikfestival zu feiern.
Was bleibt für Ayesha und Karan von Berlin, von der Mauer? Erinnerungen, Fotos, die ihren Weg auf Instagram finden. Zwei Tage später erreicht die Autorin ein Foto aus Bombay: Dort hängt ein Küchenmagnet an Ayeshas und Karans großem grauem Kühlschrank. Es ist ein brauner Bär, der den Fernsehturm emporklettert.
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