Bonner Umzügler an Eigenheimen außerhalb Berlins noch wenig interessiert-

BLZ
6 Min

n Der Regierungsumzug von Bonn nach Berlin ist für die Brandenburger Immobilienmakler bislang eher enttäuschend verlaufen. Die Zahl der Grundstücksverkäufe blieb weit hinter den ursprünglichen hohen Erwartungen zurück. Grund für die Zurückhaltung ist nach Ansicht des Verbandes Deutscher Makler in Brandenburg die Tatsache, dass viele Neuberliner derzeit eine Mietwohnung in Berlin dem Eigenheim im Umland noch vorziehen.Die alte Villa in der Uferstraße in Erkner hat neue Besitzer gefunden. Ein Ehepaar aus Bonn, in einem Bundesministerium arbeitend, das jetzt in Berlin seinen Sitz hat, kaufte das Wassergrundstück und kann voraussichtlich Mitte des Jahres das Haus beziehen. Mit seinen vier Kindern fand es hier, gleich hinter der Stadtgrenze von Berlin am Dämeritzsee, sein Wunsch-Domizil. Im Sommer können sie hier einen traumhaft schönen Sonnenuntergang genießen.Berlins Umland beispielsweise lockt vielfach mit Seen und Wäldern, mit Villen aus der Gründerzeit und stilvollen Fachwerkhäusern, mit Grundstücken in guter Lage, mit Quadratmeterpreisen zwischen 150 und 800 Mark (Spitze in guten Lagen wie Potsdam und Kleinmachnow). Wassergrundstücke kosten auch im Umland das Doppelte, aber immer noch deutlich weniger als am Wannsee. Doch alle Trümpfe scheinen bisher nicht zu stechen. Die Familie aus der Uferstraße ist die Ausnahme. Die meisten Bonner lassen die Immobilien im Brandenburgischen links liegen vorerst jedenfalls. "Der Regierungsumzug hat viel weniger Effekte gebracht, als wir erhofft haben. Das Geschäft mit den Umzüglern ist eindeutig unter den Erwartungen geblieben", bilanziert Wulf Trende, Sprecher des VDM Brandenburg.Zwar konnten die Brandenburger Makler im vergangenen Jahr Immobilien im Wert von rund 1,2 Milliarden Mark an den Mann bringen, wie Trende berichtet. Doch den geringsten Anteil daran hatten Bonner Immobilienkäufer. Nur schätzungsweise etwa 20 Grundstücksverkäufe könnten dem Umzug der Bonner nach Berlin zugeschrieben werden.Enttäuschung macht sich auch in den zahlreichen Wohnparks rings um Berlin breit, die nicht zuletzt mit Blick auf den Bedarf der nach Berlin umziehenden Bonner Regierungsbeamten errichtet worden sind. Immerhin rund 2 000 Einfamilienhäuser, Eigentumswohnungen und Parzellen im Berliner Umland wurden für die Bundesbediensteten vorgehalten, insgesamt werden 9 100 Wohneinheiten für die Neuberliner benötigt.- Wohnpark Havelfreude: Eines dieser Wohngebiete ist der Wohnpark Havelfreude hinter dem Oranienburger Schloss. Hier werden bis Ende 2001 insgesamt 39 Einfamilien-, 12 frei stehende Doppelhäuser und 32 so genannte Quadrohäuser fertig. Bisher sind erst sechs Häuser an Berlin-Umzügler verkauft worden. "Wir hatten uns mehr versprochen", meint Frau Hoffmann von der BGR Havelfreude. Knackpunkt sei immer die Lage. Obwohl das Wohngebiet keineswegs tief im Lande Brandenburg liegt, schien die Lage für viele potenzielle Interessenten als "zu weit weg von Berlin", berichtet Frau Hoffmann. "Viele Bonner haben offensichtlich noch nicht den Blick für die Realitäten einer Großstadt", glaubt sie. - Teltow-Seehof: Ähnliche Erfahrungen haben auch andere Wohnungsbaugesellschaften gemacht. Die Bodentreuhand- und Verwaltungs AG (Botag) errichtet in Teltow-Seehof rund 200 Einzelhäuser. Die ersten 20 des ersten Bauabschnitts sind bereits verkauft, aber nur zwei gingen an Umzügler aus Bonn, berichtet Makler Burghard Paech. Die Botag habe zwar "kräftig die Werbetrommel gerührt", doch das Echo blieb sehr gering. Kaum ein Umzügler zeigte Interesse. Paech hofft jedoch auf Besserung. Mit einem virtuellen Rundgang durch den Seehof per CD-ROM, die Paech an Ministerien und Verbände schicken will, soll Bundesbediensteten der Umzug nach Teltow schmackhaft gemacht werden.- Neu Döberitz: Nicht anders sieht es im westlichen Umland Berlins in Neu Döberitz aus. Hier hatte sich der Bund von den 3 000 neuen Häusern 120 für die nach Berlin ziehenden Bonner Beamten reservieren lassen. Viel zu viel, wie sich heute zeigt das Kontingent wurde bei weitem nicht ausgeschöpft. Gerade mal drei Häuser in Neu Döberitz tragen mittlerweile das Namensschild von Bonner Beamten, berichtet Jörg Rinke von der LEG Wohnen mbH. "Die erste Frage lautet immer: Gibt es eine S-Bahn-Verbindung? Wenn wir dann verneinen und stattdessen auf die Regionalbahn verweisen, mit der man von Dallgow in 45 Minuten das Regierungsviertel erreicht, ist man nur noch zweite Wahl", berichtet Rinke enttäuscht. Auch er verspricht sich einen Anstieg der Nachfrage von den zahlreichen Verbänden, Medien und Instituten aller Art, die jetzt erst nach Berlin kommen.Für die missliche Situation im Immobilienbereich hat der VDM vor allem zwei Ursachen ausgemacht. Zunächst ein diffuses Misstrauen der Bonner gegen das Umland. Besonders kritisch würden die Verkehrsanbindungen und die Infrastruktur in Ostdeutschland gesehen. Er selbst habe erlebt, wie Interessenten wegen der aus ihrer Sicht unzulänglichen Verkehrsverbindungen wieder abgesprungen und stattdessen in eine Wohnanlage gezogen seien, wo sie "kostengünstig eine Fahrgemeinschaft bilden konnten". Auch die Möglichkeiten der Ausbildung für die Kinder, das Angebot an Schulen und Gymnasien würden bei der Entscheidung für das Umland eine wichtige Rolle spielen. "Viele Bonner haben Angst, dass die Kinder mit dem hiesigen Schulsystem schlechter zurechtkämen", berichtet Wulf Trende. Spezielle Einkaufs- und Freizeitmöglichkeiten seien ebenfalls ein Kriterium bei der Ansiedlung im Berliner Umland. "Da gibt es in der Tat noch manches Defizit", räumt VDM-Mann Trende ein. Um den Standort Erkner aufzubessern, soll beispielsweise eine Boots-Tankstelle errichtet werden es wäre die erste im seenreichen Land Brandenburg! "Damit wäre auch das krasse Ungleichgewicht zwischen den westlichen Randgebieten Berlins und dem östlichen Umland, zwischen Wannsee und Däme-ritzsee, beseitigt", meint Trende.Zweite Ursache für den ausgebliebenen Immobilien-Boom im Umland ist, so der VDM-Mann, eine grundlegende Trendwende bei den Bonner Umzüglern. War lange Zeit die Frage Wohneigentum oder Mieten noch unentschieden, sei die Situation Anfang vorigen Jahres plötzlich gekippt. Mieten statt Kaufen lautete fortan die Devise, die sich bei den Bonnern offensichtlich als die klügste Variante des Wohnens am neuen Regierungssitz herumgesprochen hatte. Die meisten Umzügler etwa 80 Prozent schätzt Trende suchen erst einmal eine provisorische Bleibe, die ausreichend groß ist und nicht weiter als zehn Minuten Fußweg von der Arbeitsstelle entfernt. "Hohe Ministerialbeamte etwa, die schon lange im Regierungsdienst sind, wollen lieber innnerhalb der Berliner Stadtgrenzen wohnen und in der Nähe des Arbeitsplatzes eine Wohnung mieten." Später würden sie dann in Ruhe aus der Sicht eines Einheimischen den Kaufmarkt studieren und ein Einfamilienhaus im Grünen erwerben. "Möglichst nicht in der standardisierten Einheitssiedlung, sondern ein 500 Quadratmeter großes Grundstück in einer Baulücke in gewachsener Siedlung, an gepflasterter Straße, S-Bahn-Anschluss möglichst vor der Tür und nicht länger als 50 Minuten zur Arbeitsstelle", beschreibt Trende die Wunschimmobilie der Bonner. Die Taktik sei klar: Erst herziehen, dann das Eigenheim in Bonn verkaufen und später mit dem Erlös im Umland zugreifen. Indes ist sich der VDM-Mann sicher: "Spätestens in zwei Jahren beginnt dann die Abwanderung der Bonner aus der Stadt."

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema