Boomende Start-ups in Berlin

Treibhäuser für den Tech-Nachwuchs

Wie Großkonzerne und Mittelstandsfirmen in der Szene fördern.

Jochen Knoblach
4 Min
Die Berliner Start-up-Szene boomt. (Symbolbild)

Die Berliner Start-up-Szene boomt. (Symbolbild)

© Jens Kalaene/dpa-Zentralbild

Siemensstadt 2.0. Das Berliner Großprojekt des Münchener Technologiekonzerns ist wohl das konsequenteste Vorhaben, um Industrie, Wissenschaft und Gründergeist zu vereinen. An der Nonnendammallee soll ein Innovationscampus mit Forschungslabors und Hightech-Produktionsanlagen für Start-up-Firmen entstehen. Ein spezielles Ökosystem, in dem sich Old und New Economy gegenseitig voranbringen sollen. Tatsächlich könnte es für Berlin der Prototyp für die Entwicklung der hiesigen Gründerszene aus dem Laborstatus zu einer neuen Industrie in der Stadt werden.

Berliner Start-up-Szene ist für etablierte Unternehmen attraktiv

Das Potenzial dafür ist groß. „Berlin spielt in der ersten Liga der internationalen Start-up-Hubs und ist die erste Wahl für Gründer und Kreative aus der ganzen Welt“, sagt Stefan Franzke, Chef der Berliner Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner. Tatsächlich stammen 42 Prozent der Mitarbeiter in Berliner Start-ups aus dem Ausland. Vor allem aber gibt es in keiner anderen deutschen Stadt mehr sogenannte Acceleratoren und „Brutkästen“, Investoren, Förderer und Co-Working Spaces und nirgendwo eine enger vernetzte Gründergemeinde als in Berlin. „Das Berliner Ökosystem ist inzwischen weltberühmt“, sagt Franzke.

Klar, dass das auch die Finanzströme bestimmt. In der ersten Hälfte dieses Jahres sammelten Berliner Start-ups zwei Drittel des gesamten in deutsche Jungunternehmen investierten Risikokapitals ein. Das waren mehr als 1,6 Milliarden Euro. Zugleich haben aber auch etablierte Großkonzerne und Mittelstandsfirmen das vielversprechende Ökosystem der Gründerhauptstadt entdeckt, viele schon lange vor Siemens. „Die Berliner Start-up-Szene bietet viele gut ausgebildete und talentierte Fachkräfte, Innovationen und ein sehr kreatives Klima“, sagt Paul Wolter vom deutschen Start-up-Verband. Das sei genau das, was etablierte Unternehmen suchen. 

Nicht alle Start-ups sind auf der Suche nach einer Kooperation

So betreiben mehr als 20 der 30 größten Unternehmen hier ihre Digital-Labors. Darüber hinaus haben namhafte Firmen wie Bayer oder Metro, Telekom oder Eon in Berlin zusammen über 50 eigene Acceleratoren eingerichtet, in denen sie jungen Unternehmen die Idealbedingungen eines Treibhauses bieten. Dort bekommen sie Kapital, kostenfreie Büroräume, die Betreuung durch Mentoren sowie Zugang zur Infrastruktur eines Großunternehmens. Im Gegenzug sichert sich die etablierte Wirtschaft die frischen Ideen der Gründer und macht diese im besten Fall groß. Die Start-ups wiederum hoffen auf neue Kunden, Kapital und sehen in der Zusammenarbeit auch eine mögliche Exit-Strategie. 

Allerdings ist längst nicht jedes Start-up auf eine solche Kooperation aus. Viele verzichten darauf, weil sie um ihre Unabhängigkeit fürchten. Das kann auch bedeuten, dass die jungen Unternehmen nicht riskieren wollen, ihre Idee billig zu verlieren. Tatsächlich ist auch Ideenklau ein Thema. „Nicht alle etablierten Unternehmen spielen fair“, heißt es beim Start-up-Verband. Die Zusammenarbeit müsse in jedem Fall auf Augenhöhe stattfinden. Augen auf bei der Partnerwahl.

Telekom

Um Künstliche Intelligenz, Big Data, Mobilität oder das Internet der Dinge geht es im Hubraum-Campus der Telekom in der Schöneberger Winterfeldstraße. Rund 100 Arbeitsplätze stehen jungen Unternehmen dort zur Verfügung. In den letzten zwei Jahren haben rund 80 Start-ups das Förderprogramm absolviert, zu dem auch die Finanzierung mit bis einer Million Euro gehören kann. Im Durchschnitt gehen bei der Telekom jährlich über 1000 Bewerbungen ein.

Bayer

Grants4Apps, kurz: G4A, nennt sich der Berliner Accelerator des Chemie- und Pharmakonzerns. Bayer hat dieses Programm bereits 2013 gestartet und bietet den ausgewählten Start-ups Arbeitsplätze, erfahrene Manager als Coaches sowie jeweils 50 000 Euro. Seit dem Sommer befinden sich sechs Start-ups im aktuellen Accelerator-Programm. Insgesamt gab es mehr als 1 800 Bewerber.

Deutsche Bahn

Seit der Gründung des Accelerators namens Mindbox an der Berliner Jannowitzbrücke im Herbst 2015 haben mehr als 50 Start-ups an dem Förderprogramm teilgenommen. Drei Monate dauert es und ist verbunden mit 25.000 Euro Startgeld. Von denen, die die Mindbox absolviert haben, arbeitet jedes zweite Start-up bis heute mit der Deustchen Bahn zusammen. In dem sogenannten Start-up-Bahnhof gibt es 36 Arbeitsplätze. 

ProSiebenSat1

Der Accelerator des Medienkonzerns fördert vornehmlich Start-ups mit ersten Markterfahrungen und Umsätzen. Jährlich bewerben sich etwa 600 junge Unternehmen auf einen Platz im Förderprogramm, zehn werden genommen. ProSiebenSat1 bietet den Start-ups unter anderem Werbeleistungen in Höhe von 1,3 Millionen Euro. In der Rungestraße in Mitte hat der P7S1 Accelerator insgesamt 25 Arbeitsplätze.

Microsoft

Wer in den Accelerator von Microsoft aufgenommen wird, bekommt schon mal für vier Monate einen Arbeitsplatz in der Straße Unter den Linden. Gefördert werden vor allem sogenannte reife Tech-Start-ups, die sich bereits in der Wachstumsphase befinden. Ihnen verspricht Mircosoft Zugang zu seinem internationalen Vertriebs- und Partnernetzwerk. Jährlich nehmen bis zu 20 Start-ups an dem Programm teil.  

Eon

Der Essener Energiekonzern setzt natürlich vor allem auf Start-ups mit Energiebezug. Die dreimonatige Acceleratorphase ist verbunden mit 22.000 Euro für das Start-up. Eon versteht seinen Accelerator grundsätzlich als Einstieg in eine langfristige Zusammenarbeit samt größerem Investment. Pro Jahr durchlaufen etwa 20 Start-ups das Programm auf dem Schöneberger Euref-Campus.

Send feedback

Ihre Meinung ist uns wichtig. Senden Sie uns Ihr Feedback zu diesem Artikel an: briefe@berliner-zeitung.de

Lesen Sie mehr zum Thema