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Kaum zu glauben: Bereits 470 Forschungsprojekte wurden bislang von der Alzheimer-Forschung-Initiative (AFI) gefördert, und kein einziges hatte die Zeckeninfektion Borreliose im Fokus. Das liege daran, dass bisher kein solches Projekt von einer Universität oder Forschungseinrichtung bei uns eingereicht wurde, begründet Anne Pfitzer-Bilsing, Leiterin der AFI-Wissenschaft. Dieser Tatsache gegenüber reagiert der Borreliose- und FSME-Bund Deutschland (BFBD) mit Kopfschütteln. Die Patientenorganisation kümmert sich seit über 30 Jahren um die Verbreitung von Borreliose-Wissen.
Zecken sind in Deutschland hauptsächlich von März bis Oktober aktiv.
© Jochen Tack/imago
Borreliose ist nicht selten. Jährlich landen über 500.000 Patienten in den Borreliose-Abrechnungsstatistiken der Kassenärztlichen Vereinigungen. Die Patientenbeobachtungen von demenziellen Symptomen nach einer Borreliose-Infektion mehren sich. Die Betroffenen landen freilich nicht unbedingt beim Hausarzt, sondern, wenn überhaupt, bei den Neurologen. Von dort kommt nichts. Auch in der aktuellen S3-Leitlinie „Neuroborreliose“ befinden sich lediglich zwei Sätze über psychiatrische Krankheitsbilder wie Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen. Die Begriffe Alzheimer und Demenz sucht man auf 100 Seiten vergeblich.
Von wegen Wundermittel: Bei Alzheimer gibt es nur in Verbindung mit Bewegung Hoffnung
Erste Hinweise stammen aus den USA
Schon in den 80er-Jahren fand der amerikanische Pathologe Alan B. MacDonald aus New Haven in Connecticut spiral- und rundkörperige Erregerformen in Hirngeweben, die mit dem Lyme-Borreliose assoziierten Bakterium übereinstimmten. Er ermutigte Forscher und Kliniker, gewebsbasierte Beweise neben traditionellen Tests zu berücksichtigen. 1987 organisierte er das Southampton Lyme Symposium, das frühe Führungspersönlichkeiten auch aus Europa in der Borreliose-Forschung aus vielen medizinischen Fachrichtungen zusammenbrachte. Als Anerkennung wurde er 2015 von der International Lyme and Associated Disease Society ausgezeichnet für seine Bereitschaft, schwierige Fragen zu stellen, die das Verständnis der Borreliose voranbrachten. Kein Kommentar aus Europa.
2008 präsentierte die ungarische Wissenschaftlerin Judith Miklossy (Vancouver/Lausanne) Zusammenhänge zwischen Borreliose und der Produktion von Eiweißparametern, die für den Morbus Alzheimer verantwortlich gemacht werden. Schon damals belegten klinische Beobachtungen den Zusammenhang zwischen demenziellen Syndromen und Borreliose, vor allem, weil diese Symptomatik nach entsprechender zielgerichteter antibiotischer Therapie der Borreliose deutlich abgeschwächt wurde. Im gleichen Jahr publizierte der Neurologen-Kongress in Hamburg vor 4300 Medizinern den Fall einer 78-jährigen verwirrten, vergesslichen Patientin, die kaum noch in der Lage war, ihren Haushalt zu führen. Eine Liquor-Analyse zeigte hohe Konzentrationen von Borrelien-Antikörpern. Innerhalb von drei Wochen intravenöser Therapie mit einem Antibiotikum sei die kognitive Leistung wieder auf normales Niveau gestiegen. Keine Konsequenzen in Deutschland.
2011 veröffentlichte Michael Rainer, Psychiatrische Abteilung des Sozialmedizinischen Zentrum Ost in Wien, einen weiteren Fall. Hier ging es um eine 71 Jahre alte Lehrerin, deren demenzielles Verhalten auf eine Depression zurückgeführt wurde. Nach diagnostizierter Neuroborreliose und antibiotischer Behandlung verschwanden die Symptome nach wenigen Tagen. 2017 berichteten die Neurologinnen Inga Zerr (Göttingen) und Uta Heinemann (Stade) über Demenz bei entzündlichen Infektionskrankheiten und benannten auch die Borreliose als Ursache.
Die Gefahr, die von einem Zeckenbiss ausgeht, muss noch weiter erforscht werden.
© Pavel Lisitsyn/imago
Aus all diesen Fakten entwickelte sich keinerlei Forschungsbedarf, obwohl die Zahl der Alzheimer-Patienten steigt und steigt. Auch die AWMF-Leitlinie „Neuroborreliose“ geht auf diese Publikationen innerhalb ihrer 272 Literaturstellen nicht ein. Anscheinend interessiert es weder Forschungseinheiten wie das Deutsche Zentrum für Infektionsforschung noch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie als Herausgeber der AWMF-Leitlinie, zur Aufklärung und zu möglichen Ursachen einer Demenz beitragen zu wollen.
Vorbild DDR: Bessere hausärztliche Betreuung verlangt veränderte Strukturen und Politik
Knapp zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden an Alzheimer. Jährlich werden rund 400.000 Menschen neu diagnostiziert. Die Alzheimer-Forschungsinitiative sammelt fleißig Spenden für Forschungsprojekte. An Borreliose, die relativ einfach mit Antibiotika zu heilen wäre, denkt niemand. Der Verdacht liegt nahe, dass mit angeblich unheilbaren Alzheimer-Patienten als Dauerpatienten gut verdient wird. Warum also etwas ändern?
Ute Fischer ist Wissenschaftsjournalistin und beschäftigt sich seit über 25 Jahren mit Lyme-Borreliose. Sie redigierte 23 Ausgaben der Zeitschrift Borreliose Wissen und verfasste 125 Bücher zum Thema. Für ihre Aufklärungsarbeit wurde ihr das Bundesverdienstkreuz am Bande verliehen.
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